Botticelli-Gemälde offenbart Überraschendes

Zu den Höhepunkten der vor kurzem renovierten und modernisierten Londoner Courtauld Gallery, die seit dem 19. November wieder geöffnet hat, zählt Botticellis Altargemälde der Dreifaltigkeit mit den Heiligen Maria Magdalena und Johannes dem Täufer. Dieses zwischen 1491 und 1494 entstandene Gemälde wurde seit Januar 2018 umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen unterzogen – und brachte neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Zuschreibung

Ungeachtet seiner kunsthistorischen Bedeutung und seines großen Formats wurde dem Bild seitens der britischen Öffentlichkeit bisher nur wenig Aufmerksamkeit zuteil, was wohl in erster Linie dem problematischen Erhaltungszustand geschuldet ist. Seine leuchtenden Eitempera-Farben waren unter dunklem, vergilbtem Firnis verborgen und seine Komposition war durch Risse, die durch die Pappelholzverstärkung entstanden waren, entstellt. Jetzt wurde das Tafelbild am Courtauld sorgfältig restauriert – und es haben sich wertvolle Erkenntnisse über die Arbeitsweise in Botticellis Werkstatt in den 1470er bis 1490er Jahren und bei der heiklen Frage der korrekten Zuschreibung ergeben, weiss Chef-Restaurator Graeme Barraclough. Lange Zeit wurde das Bild mit dem Konvent von Sant’Elisabetta delle Convertite in Florenz in Verbindung gebracht, der insbesondere reuige Prostituierte aufnahm. Dadurch erklärt sich die Fokussierung auf Maria Magdalena, der Patronin des Konvents. Johannes der Täufer dagegen ist der Stadtpatron von Florenz. Die Dreifaltigkeit im Zentrum der Komposition ist demnach als Vision der Maria Magdalena zu interpretieren.

Infrarot-Aufnahmen am Botticelli-Altar

Die ikonografische Bedeutung der beiden Heiligen, deren fellartige Kleidung auf ihren langjährigen Aufenthalt in der Wildnis verweisen soll, erklärt, warum Botticelli sie in den Mittelpunkt seiner Komposition rückt. Diese Betonung zeigt sich auch an den subtilen Korrekturen, die durch die Infrarot-Aufnahmen sichtbar werden—zum Beispiel die veränderten Positionen von Hand und Augen der Magdalena, die Ähnlichkeiten mit Donatellos 1453-55 geschaffener Skulptur der Heiligen aufweisen. Donatello erfand auch einen aus Haaren gebildeten Gürtel um die Hüften der Magdalena. Während der Restaurierung des Gemäldes trat nun ein ganz ähnlicher, von unten beleuchteter “Haargürtel”, aus dem übrigen Haar hervor.

Advertorial Artikel

Parallax Article

Scott Nethersole, der Spezialist für italienische Renaissance-Gemälde am Courtauld, weist auf die stilistischen Unstimmigkeiten zwischen der Magdalena und dem Heiligen Johannes hin. Er schließt daraus, dass das Gemälde in den 1470er Jahren begonnen wurde und dann in den 1480er bis 1490er Jahren einige Figuren überarbeitet und einige Passagen ganz neu gemalt wurden. Die Werkstatt spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle wie z.B. an der erkennbar schwachen Ausführung der Engel erkennbar ist. Vor allem die Einbeziehung der Gruppe des Tobias mit dem Erzengel Raffael in den Vordergrund der Komposition überrascht, da sie vom Figurenmaßstab her überhaupt nicht zu den übrigen Figuren passen.

Scott Nethersole, Senior Lecturer (Italian Renaissance Art) am Courtauld, berichtet im Video über die neuesten Forschungen am Botticelli-Altar:

 

 

Diese Figuren sorgten auch bei der Restaurierung für eine echte Überraschung. Ursprünglich war deren Figurenmaßstab zum Rest der Komposition passend, da sie sich in einer weit entfernten Landschaft befanden. An dieser Stelle befindet sich heute ein Stück Himmel. “Wir wussten, dass die Gruppe um Tobias und den Engel innerhalb der Komposition gewandert ist“, bemerkt Nethersole. Er vermutet, dass diese Figuren von Botticellis Werkstattmitarbeiter Filippino Lippi gemalt worden sind. Die beiden Figuren wurden in der zweiten Arbeitsphase im Vordergrund platziert, wo üblicherweise Stifterbildnisse zu erwarten wären. Dadurch sollte wohl der Rolle des Schutzengels mehr Gewicht verliehen werden. Sie sind äußerst qualitätvoll, wohl von Botticelli selbst gemalt und müssen also dem Auftraggeber ganz besonders wichtig gewesen sein.

Weitere Erkenntnisse resultieren aus einer vom Bank of America Art Conservation Project geförderten Untersuchung, die sich mit den Architekturskizzen auf der Rückseite der Tafel auseinandersetzt. Das Altargemälde, das heute mit der Bezeichnung “Botticelli und Werkstatt” ausgestellt wird, bildet nun den Mittelpunkt der jüngst renovierten Blavatnik Fine Rooms im zweiten Stock des Courtauld. 2023 wird ihm eine Sonderausstellung gewidmet werden.

Lesetipp: Eike Schmidt, Direktor der Florentiner Uffizien, setzt auf die Social-Media-Strategien, um junges Publikum heranzuziehen. Jüngst posierte daher die bekannte italienische Influencerin Chiara Ferragni vor Botticellis „Die Geburt der Venus“. Lesen Sie mehr dazu hier