Palmyra – Interview mit Hermann Parzinger

 

„Schützen geht nur militärisch“

Seit 1980 gehört das Ruinenareal der antiken Stadt Palmyra in Syrien zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seit Mai ist die archäologische Stätte in den Händen des Islamischen Staats (IS) und Anfang September sprengten die Dschihadisten angeblich drei berühmte Grabtürme, nachdem sie vorher den Baalschamin-Tempel und den Baal-Tempel mit Sprengstoff in Schutt und Asche legten. Alles geschah innerhalb weniger Tage. Wir sprachen mit Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie Leiter zahlreicher Ausgrabungsprojekte, über die Motivation des IS, mögliche Schutzmaßnahmen sowie darüber, ob und wann eventuelle Restaurierungen vorgenommen werden können.

Hermann Parzinger 16.04.2015  © Goetz Schleser
Prof. Dr. Hermann Parzinger, seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts

 

Innerhalb kürzester Zeit hat der IS in Palmyra bedeutende historische Bauwerke zerstört. Warum gerade dieser Ort?
Der IS hat sich das perfide Ziel gesetzt, das kulturelle Erbe der ganzen Region zu vernichten. Da Palmyra über die mit am besten erhaltenen antiken Bauten des Nahen Ostens verfügt, ist dieser Ort natürlich ins Visier dieser barbarischen Terroristen gelangt. Es ist unfassbar, auf welch brutale Weise man den Menschen der Region ihre Vergangenheit und ihre historische Erinnerung zu nehmen versucht. Man vernichtet Denkmäler, die auch in ganz besonderer Weise für Toleranz und das friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionen stehen, die Sinnbilder sind, wie Orient und Okzident sich gegenseitig befruchtet haben und in Palmyra herausragende architektonische Zeugnisse geschaffen haben, die genau das sichtbar werden lassen. Es ist ein unwiederbringlicher Verlust.

Ist es möglich, den Rest des kulturellen Erbes in dieser Region vor der Zerstörungswut des IS zu schützen?
Das kulturelle Erbe der Region ist nur zu schützen, wenn man es vor dem Zugriff des IS bewahrt, und das geht nur militärisch. Wenn die Terroristen des IS einen antiken Ort erst einmal eingenommen haben, ist es zu spät. Das wusste man auch im Fall von Palmyra. Die UNESCO hat immer wieder die Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass sich der IS dieser Welterbestätte nähert. Es ist mehr als bedauerlich, dass sich die Weltgemeinschaft nicht in der Lage gesehen hat, die Eroberung von Palmyra zu verhindern. Jetzt wird es darum gehen, die beweglichen Kulturgüter aus Palmyra und anderen antiken Stätten des Landes, die in Damaskus lagern, zu schützen. Undenkbar, wenn sie in die Hände der Terroristen fallen.

Inwiefern ist es absehbar, wann Archäologen/Restauratoren in Palmyra bzw. in der gesamten Region erstmalig wieder sichern können?
Das kann niemand vorhersagen. Archäologen, Bauhistoriker und Restauratoren werden erst wieder dorthin können, wenn der IS niedergerungen und vertrieben ist und die Gebiete wieder sicher sind – wenn also der grauenvolle Bürgerkrieg in Syrien beendet sein wird. Das wünschen wir zuallererst natürlich den Menschen dort, denn trotz der Vernichtung von Weltkulturerbe dürfen wir nie vergessen, dass in diesem schrecklichen Krieg bereits über 250.000 Menschen zu Tode gekommen sein sollen. Ich plädiere auch sehr dafür, nach dem Ende des Krieges sofort mit dem Wiederaufbau der wichtigsten vom IS gesprengten antiken Bauten zu beginnen.
Natürlich wird eine Rekonstruktion nie das Original ersetzen können, aber es ist in meinen Augen eine geradezu zwingende Maßnahme, um zu signalisieren, dass man sich von solchen Barbaren nicht die eigene Geschichte nehmen lässt, dass ihre perfiden Zerstörungsaktionen nicht das letzte Wort sein dürfen. Und hier steht auch die Weltgemeinschaft in der Pflicht, tatkräftig mitzuhelfen, denn auch wir haben es nicht vermocht, diese Zerstörungen zu verhindern. Außerdem handelt es sich um das kulturelle Erbe der gesamten Menschheit.

Das Interview führte Alexandra Nyseth.

Einen ausführlichen Bericht über Palmyra finden Sie in der Restauro 07/2015.

Mehr Informationen über das Kulturerbe finden Sie hier.