10.04.2024

Forschung Kulturerbe

„Eine wenig bekannte kunstwissenschaftliche Disziplin“

Fotomappe samt Inhalt aus dem Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler.
Fotomappe samt Inhalt aus dem Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler.

Anlässlich des Internationalen Tags der Provenienzforschung sprach Restauro mit den Provenienzforscherinnen Cosima Dollansky und Anna-Lena Schneider über die Bedeutung dieses Tags, ihr aktuelles Projekt und die geplanten Änderungen der rechtlichen Grundlagen im Bezug auf Restitutionen von NS-Raubgut. Dollansky und Schneider forschen am Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte und leiten seit Mai 2023 ein Projekt zur Kunsthandlung Julius Boehler.

Cosima Dollansky und Anna-Lena Schneider sichten das Archivmaterial der Kunsthandlung Julius Böhler, Foto: Susanne Spieler
Cosima Dollansky und Anna-Lena Schneider sichten das Archivmaterial der Kunsthandlung Julius Böhler.

Restauro: Liebe Frau Dollansky, liebe Frau Schneider, es freut mich sehr, dass Sie sich bereit erklärt haben, das Interview zu führen. Momentan ist die Provenienzforschung ja in aller Munde, seitdem beschlossen wurden, dass das Verfahren und die Rechtsgrundlagen bei der Restitution von NS-Raubkunst verändert werden sollen. Was denken Sie darüber?

Cosima Dollansky: Das ist eine wichtige Änderung, die – wenn sie wie geplant realisiert werden sollte – vor allem den Opfern und ihren Erbberechtigten deutlich mehr Möglichkeiten gäbe, unrechtmäßige Enteignungen aktiv zurückzufordern. Allerdings darf nicht aus dem Blick geraten, dass es sich sozusagen um einen Nebenschauplatz handelt: Streitschlichtung setzt ja voraus, dass die Fakten im Prinzip auf dem Tisch liegen und nur ihre Bewertung noch strittig ist. Diese Konstellation trifft jedoch nur auf einen Bruchteil der historischen Transaktionen im NS zu. Für uns als Forscherinnen geht es viel stärker um die vielen Besitzwechsel, die wir erstmals aus den Quellen rekonstruieren – wir schaffen die Voraussetzungen für Restitutionen.

Anna-Lena Schneider: Die Schaffung einer Rechtsgrundlage für die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut wurde im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert. Es ist daher erfreulich, dass das Thema nun „in aller Munde“ ist. Die öffentlich angestoßene Debatte verdeutlicht auch die Aktualität des Themas – und das 25 Jahre nach der Washingtoner Konferenz. Bis heute sind einige komplexe Fälle ungelöst, die Schaffung einer angemessenen Rechtsgrundlage wäre daher ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu gerechten und fairen Lösungen.

Restauro: Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München konnte 2015 das Fotoarchiv und die zugehörigen Objektkarteien der Kunsthandlung Julius Böhler erwerben. Seitdem wird daran geforscht, was macht das Fotoarchiv so bedeutend für die Provenienzforschung?

Dollansky: Vorweg möchte ich betonen, dass nicht für jedes Objekt, das von der Kunsthandlung Böhler gehandelt wurde, eine Fotografie überliefert ist. Und manche Fotomappen sind informativer als andere… jedoch sind die knapp 8.000 Fotomappen, die im ZI vorhanden sind, in jedem Fall ein unikales Quellenmaterial für die Provenienzforschung, denn neben der bloßen Visualisierung eines Objekts befinden sich oft in der Fotomappe noch weitere Informationen zum Objekt. Sehr häufig finden sich originale Gutachten und/oder eine Abschrift, die neben der Authentifizierung eines Werkes auch Informationen zu vorbesitzenden Personen oder Auktionen, bei denen das Werk offeriert wurde, zur Verfügung stellen. Weitere Unterlagen sind u. a. auch Zeitungsausschnitte. Sehr selten wurden die Fotomappen genutzt, um Etiketten, die sich einst auf der Rückseite eines Objektes befanden, aufzubewahren.

Schneider: Die Karteikarten geben Einblick in die Transaktionen der Kunsthandlung Julius Böhler in den Jahren 1903 bis 1993 – wobei nur wenige Karteikarten bis etwa 1917/18 vorhanden sind. Sie zeigen, von wem die Objekte erworben und an wen sie durch Böhler weiterverkauft wurden, was für die Provenienzforschung natürlich von essenziellem Wert ist. In manchen Fällen sind sogar Vorprovenienzen auf den Karteikarten vermerkt. Neben dem schieren Umfang dieser Kartei (mehr als 30.000 Karten!) ist es vor allem die Kombination mit den Fotomappen, die das Archiv so wertvoll macht. Selbst wenn nicht für jede Karteikarte eine Fotografie existiert, erhält eine Vielzahl von Werken eine eindeutige visuelle Evidenz. Diese Identifizierung ist für die Provenienzforschung von besonderer Bedeutung, da die Beschreibungen der Objekte oft sehr knapp, mehrdeutig oder manchmal sogar widersprüchlich sind. In einigen Fällen enthalten die Fotomappen noch weitere Dokumente wie Gutachten, zusätzliche Fotografien, Briefe oder auch Hinweise auf den Vor- oder Nachbesitzer. All das macht diesen Quellenbestand wirklich einzigartig.

 

Fotomappen aus dem Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler, Foto: Susanne Spieler
Fotomappen aus dem Archiv ...
Fotomappen aus dem Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler, Foto: Susanne Spieler
... der Kunsthandlung Julius Böhler.

Restauro: Sie betreuen seit Mai 2023 das boehler re:search-Projekt am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, können Sie mir mehr dazu erzählen? Was soll das Projekt leisten und was ist die Zielsetzung?

Dollansky: Ziel des Projekts ist es, die Karteikarten der Kunsthandlung Böhler der Jahre 1903–1993 zu transkribieren, zu normieren und in einer Datenbank zugänglich zu machen. Für die aktuelle Provenienzforschung sind vor allem Transaktionen und Akteure zwischen 1933 und 1945 essenziell, jedoch wurde berücksichtigt, dass auch Karteikarten vor 1933 und nach 1945 Hinweise auf einen unrechtmäßigen Entzug während des nationalsozialistischen Regimes geben können. Durch die Normierung von Akteuren, die bei einer Transaktion involviert waren, ist es möglich zu sehen, wie viele und welche Objekte ein Akteur bei Böhler erwarb bzw. verkaufte, ob ein Akteur Gutachten erstellt hatte oder auch wie viele Objekte einer bestimmten Gattung oder Region bei Böhler gehandelt wurden.

Schneider: Im Rahmen des Projekts „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903–1994“ wird besagte Kunsthandelsquelle in der Datenbank Boehler re:search erfasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Besonderes Augenmerk wurde auf eine transparente Aufbereitung des Quellenmaterials gelegt, weshalb die Informationen auf den Karteikarten nicht nur transkribiert, sondern Werke, Akteure und Auktionen auch normiert wurden. Auf diese Weise werden die Datensätze suchbar und können innerhalb von Boehler re:search oder auch mit anderen Datenbanken verknüpft sowie mit weiterführenden Informationen angereichert werden. So werden Zusammenhänge sichtbar und Provenienzketten nachvollziehbar – und das für jedermann.

Cosima Dollansky und Anna-Lena Schneider sichten das Archivmaterial der Kunsthandlung Julius Böhler
Cosima Dollansky und Anna-Lena Schneider sichten das Archivmaterial der Kunsthandlung Julius Böhler.

Restauro: Wie genau kann man die Datenbank, die im Rahmen des boehler re: search Projekts entstanden ist, nutzen?

Dollansky: Indem man https://boehler.zikg.eu/ aufruft und dann die Volltextsuche benutzt, um Personen oder Objekte zu recherchieren. Durch einige Filteroptionen ist es möglich, beispielsweise Objekte einer bestimmten Gattung oder Zeit zu filtern. Dadurch, dass nicht nur die Transkriptionen und Normierungen der Karteikarten zur Verfügung stehen, sondern auch ein Digitalisat der Karteikarten, können Fragestellende selbstständig die für sie relevanten Angaben überprüfen.
Aktuell sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nur die Jahre 1903 bis 1948 öffentlich einsehbar. Für die Jahre 1949–1993 ist ein eingeschränkter Zugang geplant. So lange besteht die Möglichkeit, uns direkt nach Informationen nach 1948 anzufragen, wir geben gerne Auskunft!

Schneider: Im Prinzip ist das gesamte Quellenmaterial des Archivs der Kunsthandlung Julius Böhler am Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in Boehler re:search eingepflegt – auch wenn externe Nutzer bislang aufgrund von Persönlichkeits- und Datenschutzrichtlinien nur die Transaktionen, die vor 1949 stattfanden, einsehen können. So kann jede(r) Interessierte eigenständig in der Kunsthandelsquelle recherchieren und ist nicht auf Aussagen Dritter angewiesen. Durch die Erstellung von Normdatensätzen kann die Suche an verschiedenen Stellen ansetzen. Möchte ich die Provenienz eines Werkes herausfinden, kann ich nach dem Titel oder dem Künstler suchen. Verschiedene Filteroptionen ermöglichen auch eine Sortierung nach Gattungen, so dass ich nach einer Skulptur, einem Gemälde, einer Gold- oder Silberarbeit usw. suchen kann. Möchte ich hingegen sehen, welche Werke in toto von einem bestimmten Kunsthändler oder -sammler an Böhler verkauft oder von ihm erworben wurden, ist das ebenfalls möglich. Gleichzeitig kann ich zum Beispiel auch in Erfahrung bringen, welche und wie viele Objekte auf einer bestimmten Auktion durch Böhler gekauft wurden bzw. welche Arbeiten durch ihn eingeliefert wurden. Dank der Datensätze werden derlei Informationen gebündelt zur Verfügung gestellt. Das erleichtert die Recherchen ungemein!

Restauro: Sie planen auch eine Tagung zur Kunsthandlung Julius Böhler, die vom 10. – 12. April im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und auch online stattfinden wird. Was ist geplant?

Dollansky: Der Titel der Tagung lautet „Quelle und Kontext II: Die Kunsthandlung Julius Böhler in Relation zu Museen und Sammlungen“. In diesen drei Tagen werden zahlreiche nationale und internationale Kolleg:innen, die vornehmlich in Museen und weiteren Sammlungen tätig sind, von ihren aktuellen Forschungsergebnissen zur Kunsthandlung Julius Böhler berichten.
Zusätzlich bieten wir am Donnerstagnachmittag einen Workshop an, um gemeinsam mit der Forschungscommunity über die Grenzen und die Leistungsfähigkeit unserer digitalen Edition zu debattieren.

Schneider: Bei der Tagung stehen das Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler im ZI und die Geschäftsunterlagen und Korrespondenz der Kunsthandlung im Bayerischen Wirtschaftsarchiv (BWA) sowie die (Gegen-)Überlieferungen in Sammlungs- und Museumsarchiven im Mittelpunkt. Die verschiedenen Quellen ergänzen sich oftmals, widersprechen sich aber manchmal auch. Genau diese Divergenzen sollen vorgestellt, diskutiert und hinterfragt werden. Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Provenienzforschung ziehen?
Gleichzeitig dient die Tagung auch als Bilanz des Projekts zur Kunsthandlung Julius Böhler, das am 31. Mai endet. Was haben wir mit der Bereitstellung dieser Forschungsdateninfrastruktur erreicht, woran muss noch gearbeitet werden? Wie effektiv und effizient kann sie für die Identifizierung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut genutzt werden? Welche Schlussfolgerungen lassen sich für zukünftige Dateninfrastrukturprojekte ziehen? All dies soll im Rahmen der Tagung gemeinsam mit der Forschungscommunity eruiert werden.

Anna-Lena Schneider und Cosima Dollansky beim Abgleich des Archivmaterials mit der Datenbank Böhler re:search https://boehler.zikg.eu/.
Anna-Lena Schneider und Cosima Dollansky beim Abgleich des Archivmaterials mit der Datenbank Böhler re:search https://boehler.zikg.eu/.

Restauro: Wie wichtig finden Sie, ist ein Tag wie der „Tag der Provenienzforschung“, der dieses Jahr am 10. April stattfindet?

Dollansky: Sehr wichtig! Auf diese Weise wird ermöglicht, Einblicke in eine sonst wenig sichtbare sowie wenig bekannte kunstwissenschaftliche Disziplin zu gewinnen.

Schneider: Der „Tag der Provenienzforschung“ bietet auch Interessierten, die normalerweise nicht in diesem Forschungsbereich tätig sind, einen Einblick in unsere Arbeit. Die Führungen und Vorträge, die an diesem Tag in Museen oder Forschungseinrichtungen stattfinden, können von jedermann besucht werden. Er ist also praktisch vergleichbar mit einem „Tag der offenen Tür“. Auch am Zentralinstitut für Kunstgeschichte geben wir im Vorfeld der Konferenz einen Einblick in unsere Tätigkeit. Im Rahmen von drei verschiedenen „Vorprogrammen“ wird es eine englischsprachige, allgemeinere Führung geben, bei der die für die Provenienz- und Kunstmarktforschung relevanten Quellen des ZI vorgestellt werden. Im Anschluss daran werden in zwei parallel stattfindenden Führungen verschiedene Kunsthandelsquellen im Detail vorgestellt: Die Auktionskataloge des Münchner Kunstversteigerungshauses Adolf Weinmüller sowie der Galerie Hugo Helbing und das Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler.

Ich halte es für äußerst wichtig, diese Nähe zu unserer Arbeit zu schaffen, aufzuklären, Zugänglichkeit zu ermöglichen, sich auszutauschen. Auch nach all den Jahren ist die Provenienzforschung für viele Menschen kein Begriff und es ist an der Zeit, diesen relativ jungen Forschungszweig aus seinen Kinderschuhen herauszuholen. Der „Tag der Provenienzforschung“ bietet uns also die Möglichkeit, einen Einblick in dieses Feld zu geben und gleichzeitig ein Bewusstsein für die Probleme zu entwickeln, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen.

Fotos: Susanne Spieler

 

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