16.02.2022

Museum

Longquan-Seladon neu entdeckt

von Ute Strimmer
Technologie und Wissen in der Seladon-Metropole Longquan im Südosten Chinas noch bis 27. März 2022. Foto: Museum Fünf Kontinente
Technologie und Wissen in der Seladon-Metropole Longquan im Südosten Chinas noch bis 27. März 2022. Foto: Museum Fünf Kontinente

Noch bis zum 27. März zeigt das Museum Fünf Kontinente in München die kleine und feine Sonderausstellung „Seladon im Augenmerk. Jadegleiche Porzellane und ihre Meister:innen in Longquan, China“. Sie erzählt die Geschichte der Handwerkskunst, die die UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe erklärte – Longquan-Seladon neu entdeckt

Technologie und Wissen in der Seladon-Metropole Longquan im Südosten Chinas noch bis 27. März 2022. Foto: Museum Fünf Kontinente
Weltkulturerbe: Der Drachenofen der Familie Zeng. Die Ausstellung „Seladon im Augenmerk“ bietet ethnologische Einblicke in Geschichte, Technologie und Wissen in der Seladon-Metropole Longquan im Südosten Chinas noch bis 27. März 2022. Foto: Museum Fünf Kontinente, München / Franca Wohlt
Meisterin Chen Shaoqing in ihrer Werkstatt beim Signieren einer Vase. Foto: Museum Fünf Kontinente, München / Franca Wohlt
Historisches Seladon-Scherbenfragment mit Doppel-Fisch-Motiv. Sammlung Li Zhen. Foto: Franca Wohlt
Longquan-Seladon neu entdeckt: Niu xi 牛洗 (Pinselwascher mit Wasserbüffeln). Chen Shaoqing. 24×24×7 cm. Foto: Museum Fünf Kontinente, München / Franca Wohlt

Vollendete Formen und außergewöhnliche Glasuren

„Seladon im Augenmerk. Jadegleiche Porzellane und ihre Meister:innen in Longquan, China“ heißt die Sonderschau, die vom Völkerkundemuseum der Universität Zürich nach München ins das Museum Fünf Kontinente gekommen ist (bis 27. März). Die Ausstellung bietet ethnologische Einblicke in Geschichte, Technologie und Wissen in der Seladon-Metropole Longquan im Südosten Chinas.

„Im Dezember 2019 hatte ich bereits die Gelegenheit, die Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich zu sehen, wo sie in enger Zusammenarbeit mit Annette Mertens entstanden ist“, freut sich Dr. Uta Werlich, Direktorin des Münchner Museums Fünf Kontinente. „Besonders beeindruckt haben mich damals nicht nur die Exponate, deren vollendete Formen und außergewöhnliche Glasuren man unschwer die Könnerschaft ihrer Schöpferinnen und Schöpfer ansieht. Auch habe ich selten eine Ausstellung gesehen, in der die Herstellung von Keramiken, in diesem Fall die Herstellung chinesischer Seladone, so kenntnisreich erläutert wird.“

Mittlerweile immaterielles UNESCO-Welterbe

Gastkuratorin Anette Mertens entwickelte die Ausstellung unter der Mitarbeit von vier national anerkannten Seladon-Meisterinnen und 14 Seladon-Meistern aus Longquan im Südwesten Chinas und schlägt damit eine Brücke in die  Gegenwart. Deren Könnerschaft ist mittlerweile immaterielles UNESCO-Welterbe. Anette Mertens ist seit Mitte der 1990er Jahre auf chinesische Keramik spezialisiert. Schon ihre Magisterarbeit schrieb die Sinologin über die „Erforschung der Longquan-Seladone, Geschichte und Technologie“ (FU Berlin). Außerdem ist Anette Mertens selbst Keramikerin (mit Gesellenbrief)  – und das merkt der Ausstellung an.

Welchen Wert hat Longquan-Seladon in China?

Praxisnah wird die Handwerkskunst und ihre Bedeutung erklärt. So informiert gleich zu Beginn der erste Ausstellungsraum über die Rohstoffe des Seladons und die Geschichte der Herstellung in Longquan. „Die Ausstellung möchte verschiedene Bereiche beleuchten“, erklärt die Expertin. „Zum einen möchten wir zeigen, was Seladon ist. Dann möchten wir zeigen, wer Seladon herstellt, wie es hergestellt wird und vor allen Dingen, warum es wertgeschätzt wird. Wir möchten erklären, welchen Wert man in China diesem Porzellan beimisst und wie wir ihn hier auch erkennen können.“ Bis heute haben die Stücke, deren dick liegende Glasuren überraschende Effekte ermöglichen, nichts von ihrer Faszination verloren.

Großes Fachwissen über Rohstoffe und komplexe Brenntechniken

In China vergleicht man die Haptik der Seladone mit dem weichen Jade-Stein und die Farbe unter anderem mit dem Gefieder des Eisvogels, erläutert Anette Mertens weiter. „Die changierenden Farben, je nachdem wie das Licht einfällt, variieren von zartrosa über violett, blau, grün bis hin zum Gelb oder sogar manchmal Brauntönen. Alle Schattierungen sind in der Glasur enthalten, je nachdem, wie das Licht einfällt. Man hat sehr, sehr viele schöne Beschreibungen für die Farben gefunden.“ Ausführlich werden die Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, durch die diese Tradition bis heute weiterlebt. Denn wer Seladon-Porzellan herstellt, braucht ein großes Fachwissen über die Verarbeitung der Rohstoffe und die komplexen Brenntechniken. 

Szenografisch eingebettet in die Natur

Kurzfilme porträtieren die Künstlerinnen und Künstler in Filmausschnitten sensibel und geben Einblicke in ihre Werkstätten und Arbeitsweisen. Zu sehen sind neben der Herstellung von Seladon aber die Dekortechniken. Die Stücke aus Longquan bespielen den Hauptraum, der szenografisch in die Natur eingebettet ist. Die großformatigen Fotografien der Berlinerin Franca Wohlt zeigen die inspirierende Umgebung der Seladon-Meister:innen. Das in Grün- und Blautönen schimmernde Seladon spiegelt die sattgrünen Landschaften und den blauen Himmel der Provinz Zhejiang. In Zusammenarbeit mit Mareile Flitsch, Professorin am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich und Direktorin des Völkerkundemuseums der Universität Zürich, die zu handwerklicher Könnerschaft lehrt und forscht, ist mit dem wissenschaftlichen Ausstellungsprojekt eine hochinteressante Zusammenschau entstanden. 

Exportware Longquan-Seladon

Seit spätestens dem 9. Jahrhundert ist die Provinz Zhejiang bekannt für sein Seladon-Porzellan. Die Stadt Longquan im Südwesten der Provinz entwickelte sich früh zu einem Zentrum dieser anspruchsvollen Handwerkskunst. Das komplexe Wissen gaben einzelne Familien von Generation zu Generation weitergegeben. Vom 11. bis in das 14. Jahrhundert erlebte das Longquan-Seladon die erste Blütezeit und wurde in die ganze Welt exportiert und zwar noch vor den uns so bekanntem Blau-Weiß-Porzellan. Bis Ende des 19. Jahrhunderts geriet das Wissen um seine Herstellung dann immer in Vergessenheit. Gelehrte entdeckten es wieder. Auf Initiative des chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai begann schließlich in den 1950er-Jahren die Wiederbelebung der Handwerkskunst über staatliche Manufakturen.

Ein Meilenstein: Der Übergang von mit Holz befeuerten Öfen aus Backstein zu Gasöfen

Eine erste Generation von Keramikern – und in jüngerer Zeit auch von Keramikerinnen –wuchs heran. In den 1990er-Jahren gründeten viele Privatbetriebe. Eine große Herausforderung für das Handwerk stellte der Übergang von mit Holz befeuerten, sogenannten Drachenöfen – gigantische, Tunnel-ähnliche Öfen aus Backstein, die sich jeweils einen Hügelhang hinauf erstrecken – zu Gasöfen dar. So ist inzwischen der Drachenofen der Familie Zeng Weltkulturerbe. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Vortrag von Seladon-Meister Li Zhen. Er besitzt eine große Scherben-Sammlung und spricht über die Nähe der Natur und der Seladone.

Katalog: Anette Mertens / Mareile Flitsch, Seladon im Augenmerk. Jadegleiche Porzellane und ihre Meister:innen in Longquan. Stuttgart / Zürich, 2019.

Bei der digitalen Ausstellungseröffnung in München führt Gastkuratorin Annette Mertens durch die Schau:

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Tipp: Restitution und Restaurierung? Diplom-Restauratorin Diana Gabler gab im Rahmen des „2. Salon der Restaurator:innen“ (November 2019) Einblick in die politische Dimension der Rückgabe von Sammlungsgut in ihre Herkunftsländer als Bestandteil des Dekolonisierungsprozesses – und setzte sich mit der Verantwortung der Restaurator:innen auseinander.

 

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