Das Polsterhandwerk im Fokus

Einblick in geschnürte und gefederte Konstruktionen – Meisterwerke des Polsterhandwerks – zeigt im Herbst 2022 die Ausstellung „Besessen. Die geheime Kunst des Polsterns“ im Leipziger Grassi Museum für angewandte Kunst. Die Schau spürt den Möbeln und ihrem Innenleben nach, vermittelt Wissenswertes und lädt zum vergleichenden Probesitzen ein. Außerdem stellt sie dar, warum das Polstern Teil einer Kultur- und Sozialgeschichte ist

Die Schau vereint mehr als 100 Polstermöbel der vergangenen 400 Jahre, vom Renais- sance-Stuhl über den Ratssessel des frühen 17. Jahrhunderts, vom ersten Fitnessgerät Chamber Horse des späten 18. Jahrhunderts bis zum bewunderten Designobjekt und den Experimenten der letzten Jahrzehnte. Die Polstermöbel herausragender Gestalterinnen und Gestalter korrespondieren dabei mit anschaulichen Modellen, Textilien, Film- und Bilddokumenten, die die Entwicklungsgeschichte des Polsterns nachzeichnen. Die Exponate stammen aus der museumseigenen Grassi-Sammlung, der Löffler-Collection in Reichenschwand sowie von weiteren musealen und privaten Leihgebern.

Einblick in die Polstertechnologie

Anhand der ausgestellten Exponate erhält man einen exklusiven Einblick in die normalerweise verborgene Polstertechnologie und die Arbeit herausragender Meister und Meisterinnen. Die Exponate stammen aus der museumseigenen Sammlung, der Löffler-Collection in Reichenschwand sowie von weiteren musealen und privaten Leihgebern. Intensiv beteiligt sind Mitglieder der Restauratoren im Handwerk e.V., Fachbereich Raumausstatter-Handwerk, Schloss Raesfeld. Die Ausstellung besteht aus drei Bereichen. Sie beginnt mit einer thematischen Einführung in die geheime Welt des Polsterns anhand herausragender Polstermöbel, die den Wandel von Anschauungen, Moden, Techniken und Materialien zeigen.

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Fühlen, Tasten und Sitzen sind erwünscht

Sinnliche Erfahrungen verspricht der zweite Bereich, der über einen abgedunkelten Klangtunnel erreicht wird. Dort erklingen Arbeits- und Nutzgeräusche, handwerkliches Schaffen wird akustisch erlebbar. Weiter führt der Weg in einen großen Aktionsraum. Hier können Besucherinnen und Besucher verschiedene Polstersessel, die nicht aus Museumssammlungen stammen, praktisch ausprobieren. Fühlen, Tasten und Sitzen sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Moden und Vorlieben

Wie sitzt man auf einem flachen Polster, gefedert oder ungefedert? Wie auf Schaumstoff im niedrigen Cocktail-Sessel oder im ausladenden Salonmöbel? Schließlich gelangen die Besucherinnen und Besucher in die Orangerie, wo erneut Schaulust im Vordergrund steht. Hier bestimmt die Frage nach unseren Ansprüchen, nach Moden und Vorlieben die Auswahl der Exponate. Polstermöbel herausragender Gestalter korrespondieren mit anschaulichen Modellen, Textilien und Bilddokumenten, welche die Entwicklungsgeschichte des Polsterns nachzeichnen.

Das Polsterhandwerk im Fokus

Die Ausstellung lüftet einerseits das Geheimnis des Innenlebens gepolsterter Sitzmöbel und rückt andererseits das Polsterhandwerk an sich in den Fokus. Ein Beruf, der Tradition mit Fortschritt und Zukunft verbindet und seit jeher durch eine hohe Nachhaltigkeit geprägt ist. Zumindest dann, wenn neben Bequemlichkeit, ergonomischem Sitzkomfort und formaler Gültigkeit auch eine lange Lebenszeit angestrebt wird und ökologisch unbedenkliche Materialien verwendet werden.

Wie sieht ein Sitzpolsteraufbau aus?

Ein Highlight der Schau ist ein barocker Lehnstuhl aus gefärbtem Maroquinleder. Sein Innenleben ist komplett erlebbar. Zu sehen sind gewebte Hanfgurte, Federleinen, ein Langstrohbündel und ein dahinter hohes Festpolster aus verschiedenen Gräsern mit Rehhaardeckung. Den Stuhl, wohl 1710 datiert, zieren feuervergoldete, gegossene Messingnägel. Auch der Sitzpolsteraufbau eines klassizistischen Stuhls mit Medaillonrücken wird präsentiert. Der Querschnitt zeigt die Gurtung mit Leinengurten, die Leinenabdeckung, ein umlaufendes Hoch-Bourlet aus Brechflachs, garniert mit Leiter- und  einem Vorderstich sowie eine Schnürung aus vier handgedrehten Federn mit Stell- und Knotfaden, ein einfach durchgenähtes Fassonpolster aus Brechflachs sowie eine Pikierung aus Roßhaar, Nessel- und Watteabdeckung. Epochentypisch ist die Seide mit Granatapfelmotiv.

Namhafte Gestalterinnen und Gestalter

In der Ausstellung „Besessen. Die geheime Kunst des Polsterns“ werden mehr als 100 Polstermöbel gezeigt. Darunter finden sich aus dem 20. Jahrhundert Sitzgegenstände auch so namhafter Gestalter und Gestalterinnen wie Alvar Aalto, Eero Aarnio, Ron Arad, der Gruppe Archizoom, Liisi Beckmann, Peter Behrens, Richard Blumer, Osvaldo Borsani, Fritz August Breuhaus de Groot, Joe Colombo, Erich Dieckmann, Donato D ́ Urbino, Georges de Feure, Jindřich Halabala, Josef Hoffmann, Paolo Lomazzi, Anton Lorenz, Giovanni de Lucchi, Louis Majorelle, Roberto Sebastian Matta, Ludwig Mies van der Rohe, Olivier Mourgue, Renate Müller, Marc Newson, Gionatan De Pas, Gaetano Pesce, Heinz und Bodo Rasch, Richard Riemerschmid, Eero Saarinen, Titi Sarcino, Charles Siclis, Margarete Steiff, dem Kollektiv Studio 65, Kem Weber und Hans J. Wegner.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation in deutsch/ englisch. Sonderveranstaltungen sind vorgesehen. Laufzeit: 24.11.2022 – 26.03.2023, Kurator: Dr. Thomas SchriefersSchnittmodelle: Restauratoren im Handwerk e.V., Fachbereich Raumausstatter-Handwerk, Schloss Raesfeld, Ausstellungsgestaltung: Dr. Thomas Schriefers

Tipp: Vor mehr als 150 Jahren erfand Michael Thonet einen Designklassiker und den meistverkauften Holzstuhl aller Zeiten, den Wiener Caféhaus-Stuhl, Stuhl Nr. 14. Lesen Sie hier weiter.