30.10.2019

Ausstellungen

Haptische Zeitzeugen

von Inge Pett
nach Christian Daniel Rauch
nach Christian Daniel Rauch

Seit 1819 fertigt die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin Abgüsse bedeutender Bildwerke von der Vor- und Frühgeschichte bis ins 20. Jahrhundert. Die Sonderschau „Nah am Leben“ (bis 1. März 2020) feiert das zweihundertjährige Jubiläum der weltweit größten noch heute aktiven Museum-Manufaktur

Im Staccato wirft ein Projektor Fragen an die Wand. Fragen rund um Kunstobjekte und Artefakte. Wo befinden sie sich? Was sind sie wert? Wann wurden sie inventarisiert? Es sind Fragen nach Authentizität, Kontext, Museum und Markt, die die Künstlerin Pauline M`barek mit ihrem Video „Object ID“ stellt. Sie berührt damit Themen, die die Arbeit der Gipsformerei betreffen, die in den 1830iger-Jahren als Königlich-Preußische Gipsgussanstalt im Alten Museum untergebracht war. Also fast genau an dem Ort, wo die Ausstellung „Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei“ (bis 1. März 2020) zu sehen ist – als erste Schau in der neuerbauten James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel.

„Die Gipsformerei ist mit 200 Jahren unsere älteste Sammlung“, betont Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin. Doch gleichermaßen sei die weltweit größte noch heute aktive Museum-Manufaktur wohl auch die unbekannteste und verkannteste Einrichtung der Staatlichen Museen. Immerhin habe die Sammlung wie keine andere unser Bildgedächtnis und die Erinnerungskultur im Vorfeld der der Globalisierung geprägt.

Als „haptische Zeitzeugen“ bezeichnet Miguel Helfrich die Abgüsse, deren Informationsgehalt nicht verloren gehen dürfe. „Das analoge Wissen führt zu neuen Erkenntnissen“, ist der Leiter der Gipsformerei überzeugt. Allerdings wären zunehmend restauratorische Maßnahmen nötig, um den Schatz zu erhalten.

Wer weißen Gips erwartet, der wird erstaunt sein, wenn er die großzügigen Räumlichkeiten im Untergeschoss der James-Simon-Galerie betritt. Vielmehr hat die Kuratorin Veronika Tocha 200 Exponate – Mustermodelle und Formen aber auch Gemälde, Fotografien und Videos – zusammengetragen, die verdeutlichen, welch tragende Rolle der Abformung in der Geschichte der Bildhauerei von der Antike bis zur Gegenwart zukommt. Wie universal die Gipskunst ist, zeigt bereits der Prolog: Die Abgüsse antiker Helden finden sich hier Seite an Seite mit denen der Nofretete und von Königshäuptern aus Benin.

Auch zeigt die in fünf Kapitel, einen Prolog und Epilog aufgegliederte Ausstellung, wie Künstler die Verwendung von Abgussverfahren rezipierten – etwa Adolph Menzel in seinem Gemälde „Atelierwand“. Darüber hinaus macht die Schau deutlich, dass Abgüsse ab der Moderne den Status selbstständiger Kunstwerke erhielten. Als Beispiel dient hier etwa das „weibliche Feigenblatt“ von Marcel Duchamp.

Auf ein noch aufzuarbeitendes Kapitel der deutschen Geschichte verweist die Sektion „Zu nah am Leben“. Immerhin lagern in der Gipsformerei Gussformen von knapp 300 Menschenabgüssen, die zwischen 1880 und 1920 auf Forschungsreisen und in „Völkerschauen“ in Berlin gefertigt wurden. Sie dienten der Demonstration verschiedener Menschenrassen und der Abdruck geschah fast immer gegen den Willen der Menschen. Tocha ist sich dessen bewusst, wie hochproblematisch der Umgang mit diesen Exponaten ist. So hat sie sich entschieden, etwa die Gesichtsmasken aus der Sammlung des Forschungsreisenden Otto Finsch in die Schau zu integrieren. Während jedoch die Gipsformerei die von Finsch überlieferten Namen in ihren Inventarlisten getilgt hatte und damit zur Nummer degradierte, gibt Tocha sie ihnen zurück. Doch das ist erst ein Anfang der Aufarbeitung: „Eine Diskussion um diese Fragen ist unerlässlich“, so die Kuratorin.

Ein umfangreiches Vortragsprogramm begleitet die Schau. Der knapp 300 Seiten starke Katalog, herausgegeben von Christina Haak, Miguel Helfrich und Veronika Toch, gibt einen umfassenden Einblick in die Bestände der Berliner Gipsformerei und thematisiert die Bedeutung der Gipsabformung in der Bildhauereigeschichte seit der Antike bis zur Gegenwart (42 Euro).

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