Das Kunsthaus Zürich: ein minimalistischer Kubus

David Chipperfield Architects zeichnen für den im Oktober 2021 eröffneten Erweiterungsbau für das Kunsthaus Zürich verantwortlich, der gegenüber dem älteren Bestandsgebäude freistehend platziert wurde. Der minimalistische Kubus verfügt über eine durch Lisenen gegliederte Fassade, Tageslicht als Gestaltungselement – und einen Anspruch an Nachhaltigkeit

Viel ist im Vorfeld darüber diskutiert worden, ob die Sammlung des Waffenhändlers Emil Bührle, der auch die Nazis belieferte, neben anderen Privatsammlungen in das erweiterte Kunsthaus in Zürich einziehen dürfte. Aber auch die Ausdehnung des Mu- seums selbst fand nicht nur Zuspruch. Man fragte sich, ob das 1910 gegründete Kunsthaus, dessen Fläche bereits mehrfach er- weitert worden war, eine weitere vierte Platzerweiterung um 80 Prozent brauche. Zumal dem Expansionsdrang zwei Turnhallen aus der Gründerzeit hätten weichen müssen. Das erste Gebäude von Karl Moser präsentierte sich noch als „Kunsttempel“ im Ju- gendstil, mit einem zentralen Portikus und zurückversetzten Ausstellungsflügeln, die in klaren Symmetrien angeordnete Ausstel- lungsräume, Rundgänge und inszenierte Blickbeziehungen anboten.

Fünfzehn Jahre später fügte Moser eine Bibliothek und eine Skulpturengalerie hinzu. 1958 bauten dann die Gebrüder Pfister seitlich ein Gebäude im Stil der moderaten Moderne an, inklusive eines stützenlosen Saals für Wechselausstellungen, eines Restaurants und Vortragssaals. 1976 folgte der Anbau von Erwin Müller aus Räumen mit großen Vitrinen, die heute die Kunsthaus-Bibliothek beherbergen. Die aktuelle Erweiterung, bei der es vor allem um die Verdopplung der Ausstellungsfläche ging, konnte schließlich erst nach einem Gerichtsverfahren um den Denkmalschutz und einer Volksabstimmung über die Kosten von 200 Millionen Franken realisiert werden. 2008 wurde das Büro von David Chipperfield mit der Architektur beauftragt. Der Global Player der Museumsarchitektur, der stets im Stil einer antiken-inspirierten Moderne baut, arbeitete parallel an der Restaurierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin, nachdem er zuvor schon mit der Modernisierung der Berliner Museumsinsel für Furore gesorgt hatte. Das Ergebnis ist ein schnörkelloser beiger Monolith, den wohl nicht jeder, der davorsteht, als einladend empfinden wird. Das Meinungsspektrum reicht von Schuhschachtel bis zum dominanten Museumsbunker, auch wenn das Gebäude unbestritten dank der guten Isolierung und den Solarpanels auf dem Dach viel Energie spart. Die Außenwände sind fast einen Meter dick, 40 Zentimeter Außenisolation wurde verbaut. Die Fassade ist mit hellem Jura-Kalkstein verkleidet und mit Lisenen gegliedert, die an gotische Sakralbauten und an die Sandsteinarchitektur in Zürichs Altstadt erinnert.

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Im weit atmenden Innern trifft man auf hellen Rohbeton und polierten Marmorboden. In den Ausstellungsräumen, die 80 Prozent der Neubaufläche ausmachen, dominieren Eichenböden, die Türen und Türlaibungen sind in goldglänzendem Messing verkleidet. Die Wände hat man dunkelgrau gestrichen und die Hängefläche in der Höhe reduziert. Eine teilweise über alle Geschosse reichen die große Halle mit Freitreppe verrät im Erdgeschoss das New Yorker MoMA als Referenz. Die öffentlich zugängliche Piazza stellt die Verbindung zu dem höhergelegenen „Garten der Künste“ her. Um die Halle herum reihen sich ein Festsaal, die Räume der Museumspädagogik, ein Café und Museumsshop aneinander. Galerien und Treppen führen die Besucher und Besucherinnen von der Halle in die Ausstellungssäle. Alle Elemente und klassizistischen Details wirken sich auf das Raumgefühl aus, das bei allen historischen Bezügen offen und zeitlos wirkt. Unter dem Heimplatz verläuft zu guter Letzt eine Passage, die das neue Gebäude an das bestehende Kunsthaus anschließt.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 8/2021 (Titelthema: Museumsneu- und umbau).

Eine Rezension über den Katalog zur Alberto Giacometti-Ausstellung „Material und Vision. Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze” (2016/2017) im Kunsthaus Zürich lesen Sie hier.