17.01.2022

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Präventive Konservierung und UV-Schutz für die Chorfenster am Naumburger Dom

von Uta Baier
bei denen verschiedene Acrylate eingesetzt wurden (Acrylate von 1970 und Schmutzauflagen im Westchor). Foto: S. Jarron / Bildarchiv der Vereinigte Domstifter
bei denen verschiedene Acrylate eingesetzt wurden (Acrylate von 1970 und Schmutzauflagen im Westchor). Foto: S. Jarron / Bildarchiv der Vereinigte Domstifter

Das Forschungs- und Restaurierungsprojekt am Naumburger Dom ist beendet, konnte aber pandemiebedingt noch nicht international präsentiert werden. Ein Fazit von Projektleiter Ivo Rauch, Glasspezialist, selbständiger Sachverständiger für Kunst- und Denkmalpflege mit Sitz in Koblenz und Projektleiter in Naumburg

bei denen verschiedene Acrylate eingesetzt wurden (Acrylate von 1970 und Schmutzauflagen im Westchor). Foto: S. Jarron / Bildarchiv der Vereinigte Domstifter
Der Naumburger Dom: Das Problem der Fenster waren frühere Restaurierungen, bei denen verschiedene Acrylate eingesetzt wurden (Acrylate von 1970 und Schmutzauflagen im Westchor). Foto: S. Jarron / Bildarchiv der Vereinigte Domstifter

Der Naumburger Dom und seine Glasmalereien

Der Naumburger Dom gehört nicht erst seit seiner Aufnahme in die UNESCO-Welterbe-Liste 2018 zu den bedeutendsten Kirchen Deutschlands. Doch eine Aufnahme lenkt das Interesse noch einmal in besonderer Weise auf ein Gebäude und seine Erhaltung. Bereits vor und während der mehrjährigen Bewerbung um den Welterbe-Titel wurden verschiedene Arbeiten am Dom geplant und umgesetzt. Zu ihnen gehörte auch die Restaurierung der Westchorfenster im Naumburger Dom. Der Westchor mit den zwölf berühmten Stifterfiguren fasziniert Besucher seit Jahrhunderten, obwohl der Name ihres Schöpfers auch nach intensiven Forschungen nicht bekannt ist. Doch auch wenn sich die Aufmerksamkeit meist auf die Steinfiguren des „Naumburger Meisters“ mit ihren porträthaften Zügen fokussierte und fokussiert, besteht die Bedeutung des vor 1250 gebauten Doms in seinem Gesamtkunstwerkcharakter, zu dem die Chorfenster in hohem Maß beitragen.

Der Westchor des Naumburger Doms verdankt seine einzigartige Bedeutung nicht nur den berühmten Stifterfiguren, oder dem Lettner mit seinen Passionsreliefs, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil auch seinen Glasmalereien (…)“, schrieb Frank Martin, ehemaliger Leiter des Corpus Vitrearum Medii Aevi in Band drei der „Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland“. Denn die Glasmalerei ist ein wichtiger Teil des liturgischen Bildprogramms. „Das Interieur (funktioniert) nicht ausschließlich als Ausschmückung, sondern erfüllt die Aufgabe, Träger einer komplexen Botschaft an die Betrachter zu sein. Die Glasmalereien sind nicht nur Teil dieser Botschaft, sondern stehen hierarchisch an ihrer Spitze. Die leuchtkräftige Wirkmacht und das Strahlen aus sich selbst heraus, zu dem sie das Himmelslicht befähigen, geht dabei einher mit der Aufreihung himmlischen Personals“, schwärmte Glasmalereispezialist Guido Siebert im Katalog zur Ausstellung über den Naumburger Meister 2011. Die fünf fast zwölf Meter hohen Fenster des Westchors zeigen mehr als 80 stehende Heiligenfiguren, die Apostel und die Tugenden sowie deren Widersacher zu ihren Füssen. Die Glasmalereien entstanden zeitgleich mit den Stifterfiguren, haben sich jedoch nicht alle im Original erhalten. Zwei Fenster wurden im 18. Jahrhundert zerstört und durch nazarenisch, historistische Heiligenbilder ersetzt. 

Das Forschungsprojekt

Während die Steinfiguren „nur“ ihre farbigen Fassungen verloren, war der Zustand der Fenster durch Umwelteinflüsse, den mehrfachen Einsatz verschiedener Kunstharze während früherer Restaurierungen und durch Glaskorrosion so schlecht, dass die Gläser dringend restauriert werden mussten. Deshalb wurde Ende 2017 ein mehrjähriges Projekt begonnen, das anfangs – auch aus finanziellen Gründen – auf die Westchorfenster konzentriert war, dann aber auch die sechs Ostchorfenster einschloss. Insgesamt kostete das Projekt, das Ende 2020 abgeschlossen wurde, zwei Millionen Euro. Finanziert wurde es vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt, von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung mit der Sparkasse Burgenlandkreis, von der Rudolf-August-Oetker-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunststiftung mit einem (nicht benannten) Mäzen und von der Hermann Reemtsma Stiftung. Gemeinsam machten sie es möglich, dass ein Team von vier akademisch ausgebildeten Restauratorinnen und einer Kunstglaserin für vier Jahre bei den Vereinigten Domstiftern zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz fest angestellt werden konnten. Zu ihm gehörten Sarah Jarron und Emily Yates, die beide in York (Großbritannien) studiert haben, sowie Mayre Maquine, ausgebildet in Antwerpen und Jana Hildebrandt, die in Erfurt studiert hat. 

Die Entscheidung: Schichten aus Altrestaurierungen minimieren und UV-Schutz erhöhen

Rückblickend sagt Ivo Rauch, Glasspezialist, selbständiger Sachverständiger für Kunst- und Denkmalpflege mit Sitz in Koblenz und Projektleiter in Naumburg, er habe gelernt, dass er mit einem so professionellen Team auf einer hohen Qualitätsstufe in relativ kurzer Zeit ein solches Projekt perfekt umsetzen könne. Ivo Rauch hat ausgerechnet, dass die Werkstattorganisation mit fest angestellten Restauratorinnen nicht teurer war, als wenn alle Arbeiten einzeln ausgeschrieben und an Firmen vergeben worden wären. Das Problem der Naumburger Fenster waren frühere Restaurierungen, bei denen verschiedene Acrylate und Epoxidharze eingesetzt wurden. Eine vollständige Entfernung dieser Stoffe war jedoch ohne ästhetische Veränderungen nicht möglich. Deshalb wurde entschieden, die Schichten aus Altrestaurierungen lediglich zu minimieren und den UV-Schutz zu erhöhen. So können sowohl die organischen Harze als auch  organische Pigmente der Farbfassungen vor dem Zerfall geschützt werden. Ein  Forschungsprojekt der Hochschule für Bildende Künste in Dresden unter der Leitung von Christoph Herm hatte die verschiedenen Sicherungsmaterialien zuvor identifiziert. Alle Materialien reagieren sensitiv auf UV-Licht. 

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 1/2022

Lesetipp: Regine Hartkopf ist seit zehn Jahren Dombaumeisterin des Naumburger Doms und des Doms zu Merseburg. Lesen Sie hier das Porträt der Architektin.

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