Kindermantel (Ausschnitt), Libanongebirge, 13. Jahr- hundert, Direction Générale des Antiquités du, Liban, Inv. Nr. 116360. Die braunen Stickereien stammen von anderen Gewändern. Sie wurden für den Schmuck des Mantels neu zusammengesetzt. Das Beispiel zeigt, wie kostbar Textilien waren und wie nachhaltig damit umgegangen wurde. Foto: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)
Kindermantel (Ausschnitt), Libanongebirge, 13. Jahr- hundert, Direction Générale des Antiquités du, Liban, Inv. Nr. 116360. Die braunen Stickereien stammen von anderen Gewändern. Sie wurden für den Schmuck des Mantels neu zusammengesetzt. Das Beispiel zeigt, wie kostbar Textilien waren und wie nachhaltig damit umgegangen wurde. Foto: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)

Die Abegg-Stiftung in Riggisberg zeigt restaurierte Textilien aus Gräbern der Höhle Assi el-Hadath im Libanongebirge

Das Kind war nur wenige Monate alt, als es starb. Sorgsam wurde sein kleiner Körper be- stattet. Das Köpfchen wurde mit einem Tuch bedeckt. Der Säugling trug drei Tuniken übereinander. Die unterste war blau und 48,2 Zentimeter lang, die nächste war aus ungefärbter Baumwolle und gefüttert und die obere hatte farbig bestickte Ärmel. Die Stickereien aus Seide sind auf das Kleidchen des Babys appliziert. Sie gehörten ursprünglich zu einem anderen Kleidungsstück.


Geschichte der Maroniten

Das Kindergrab mit den gut erhaltenen Textilien stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es ist Teil der Grabfunde, die 1988 in der Höhle Assi el-Hadath im Libanongebirge entdeckt und bis 1993 ausgegraben und geborgen wurden. Die Funde lassen sich direkt mit der Geschichte der Maroniten in Verbindung bringen. Die christliche Gemeinschaft stammte ursprünglich aus Syrien, wurde dort jedoch verfolgt und lebte seit dem 10. Jahrhundert im Libanongebirge. Während der Herrschaft der Kreuzritter, waren die Maroniten beschützt, doch mit dem Sieg der Mameluken über die Kreuzritter im 13. Jahrhundert war damit wieder Schluss. Die Maroniten mussten Hadath, ihren Wohnort und den Sitz ihres Patriarchen, verlassen. Sie flüchteten in eine Höhle, die in 1300 Metern Höhe liegt und deshalb uneinnehmbar war. In ihr befand sich ein gemauerter Brunnen und ein Trog zum Mahlen von Korn. Von dieser Höhle berichten auch arabische Quellen. All das kann der Besucher der aktuellen Sonderausstellung der Abegg-Stiftung in Riggisberg erfahren.

Tunika mit Stickerei / Stickerei auf einer Tunika , Libanongebirge, 13. Jahrhundert, Direction Générale des Antiquités du Liban, Inv. Nr. 116369. Das Gewand ist aus ungefärbter Baumwolle genäht. Die reiche Stickerei auf Brust und Schultern hingegen ist mit farbigen Seidenfäden ausgeführt. Foto: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)
Foto: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)
Kopfbedeckung, Libanongebirge, 13. Jahrhundert, Direction Générale des Antiquités du Liban, Inv. Nr. 116318. Zu den textilen Fundstücken gehören neben den Gewändern auch Accessoires wie diese Kappe. Sie wurde bei der Bestattung eines Mannes gefunden. © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)
Kopfbedeckung, Libanongebirge, 13. Jahrhundert, Direction Générale des Antiquités du Liban, Inv. Nr. 116318. Zu den textilen Fundstücken gehören neben den Gewändern auch Accessoires wie diese Kappe. Sie wurde bei der Bestattung eines Mannes gefunden. © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)
Tunika, Libanongebirge, 13. Jahrhundert, Direction Générale des Antiquités du Liban, Inv. Nr. 116357. Das blau gefärbte Baumwollgewand weist eine Vielzahl von Ergänzungen und Reparaturen auf. Sie machen deutlich, dass die Tunika über lange Zeit bei der Arbeit getragen wurde. Foto: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)

Die Sonderausstellung „Das letzte Gewand. Grabfunde aus der Höhle Assi el-Hadath im Libanon“ läuft bis 12. November 2023

Insgesamt wurden im hinteren Teil der Höhle fünf Erwachsene, fünf Kinder und ein Neugeborenes bestattet. Da das Klima in den Bergen sehr trocken ist, sind die gefundenen Körper mumifiziert, Handschriften mit christlichen Gebeten und Gesängen haben sich in der Trockenheit erhalten und belegen die Annahme, dass die Höhle Assi el-Hadath der Zufluchtsort der Maroniten war. Die Trockenheit konservierte auch die Gewänder der Toten, die seit 2017 in der Abegg-Stiftung in Riggisberg in der Schweiz sind und dort auf Wunsch der libanesischen General- direktion für Altertümer untersucht, konserviert und restauriert wurden. Vom 30. April bis 12. November 2023 sind sie nun Teil der von Michael Peter kuratierten Sonderausstellung „Das letzte Gewand. Grabfunde aus der Höhle Assi el-Hadath im Libanon“, bevor sie ins Nationalmuseum in Beirut zurückkehren.


Sechs Kapitel: Sechs Grabkontexte

In sechs Kapiteln zeigt die Ausstellung die Austattungen von sechs Grabkontexten. Das Besondere der Totenkleidung wird in den Ausstellungstexten so beschrieben: „Im Vergleich zu anderen archäologischen Funden ist die gesamte Kleidung, die eine bestattete Person getragen hat, gut dokumentiert. Diese Ausgangslage öffnet ein zeitlich und räumlich eng definiertes Fenster, durch das die Kleiderkultur einer Bevölkerungsgruppe im 13. Jahrhundert erforscht werden kann.“

Und die Forschungen an insgesamt 200 archäologischen Textilien zeigen: Die meisten Kleidungsstücke wurden immer wieder repariert, manche der Totengewänder bestehen komplett aus Stoffresten, die zuvor bereits zu anderen Kleidungsstücken gehörten. Zum Beispiel die Baumwolltunika des anfangs erwähnten Babys, die aus 33 Teilen zusammengesetzt wurde, wobei das Futter aus 14 Teilen, der Oberstoff aus 19 einzelnen Stoffstücken besteht.

Eine blaue, 145,5 Zentimeter lange Frauentunika war nach den Erkenntnissen der Restauratoren ein Alltagskleid aus Baumwolle, das mehrfach ausbessert wurde. Besonders auffällig sind die Flicken in Kniehöhe. Hier wurden 28 Stoffstücke in mehreren Lagen übereinandergenäht. Wahrscheinlich dienten sie als Polsterung für das Arbeitsgewand. Auch die Leichentücher, in die die Toten eingewickelt waren, bestehen aus verschiedenen Stoffstücken, die zuvor anderen Zwecken dienten. Reste von Saumnähten oder Halsausschnitten und die Formen einzelner Stoffstücke weisen darauf hin, dass die Tücher aus Teilen von ehemaligen, lange benutzten Kleidungsstücken zusammengesetzt wurden. Eine solche Praxis verweist einerseits auf die Armut der Maroniten, aber andererseits auf einen aufwändigen Herstellungsprozess der Kleidung, ihren damit verbundenen hohen Wert und auf eine große Wertschätzung der teilweise gefärbten, zum Teil auch bestickten und verzierten Stoffe.


Das Restauratorenteam arbeitete unter der Leitung von Hélène Dubuis und Bettina Niekamp

Die Restauratoren unter der Leitung von Hélène Dubuis und Bettina Niekamp erforschten neben vielen mehrfach verwendeten und geflickten Stoffen auch die Gewänder einer Toten, die ohne jede Reparatur sind. Die Frau trug eine Tunika aus ungefärbter Baumwolle und darüber eine mit Stickereien verzierte, langärmelige Tunika. Alle Nähte ihrer Kleidung sind mit demselben Fa- den genäht worden, so dass das Restauratorenteam von einer Erstverarbeitung des Baumwollstoffes ausgeht, zumal alle Einzelstücke der Tunika nach ihren Erkenntnissen aus einer Gewebebahn stammen. Neben einem Seidenschal und einem elastischen Zopfband war der Toten ein Lederbeutel mit ins Grab gegeben. Das von Stoff umhüllte Leder enthielt ein Papier mit christlichen Texten in altsyrischer Sprache. 

Abegg-Stiftung Riggisberg, bis 12. November, www.abegg-stiftung.ch

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