Hoffnung in die Wissenschaft

Weil der Kunstmarkt viel Lehrgeld zahlen musste und dem Augenschein bei der Entlarvung zweifelhafter Werke nicht mehr trauen mag, ist er sensibler geworden und setzt verstärkt auf Restauratoren und Naturwissenschaftler. RESTAURO sprach darüber mit Gunnar Heydenreich. Der Professor vom Cologne Institute of Conservation Sciences erforscht mit seinen Kollegen systematisch Kunsttechniken, Werkstoffe und Farbmittel an der Technischen Hochschule Köln

Professor Dr. Gunnar Heydenreich vom Cologne Institute of Conservation Sciences der Technischen Hochschule Köln untersucht ein Bild am Stereomikroskop. Foto: TH Köln
Professor Dr. Gunnar Heydenreich vom Cologne Institute of Conserva- tion Sciences der Technischen Hochschule Köln untersucht ein Bild am Stereomikroskop. Foto: TH Köln

RESTAURO: Jahrelang hat Wolfgang Beltracchi Bilder berühmter Maler gefälscht und damit den größten Kunstfälschungsskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte ausgelöst. Wie hat er das geschafft?

Professor Gunnar Heydenreich: Er ging bekanntlich recht raffiniert vor, indem er Werke nachgestaltet hat, die in alten Verzeichnissen dokumentiert waren, von denen aber zum Teil keine Abbildungen existierten oder die im Krieg verloren gingen. Er hat diese Lücke wieder gefüllt und legte seine Nachschöpfungen namhaften Experten vor. Einige freuten sich über die Wiederentdeckungen. War ein Experte nicht überzeugt, nahmen Mittelsmänner diese Stücke zurück und Beltracchi startete mit einem anderen Werk einen neuerlichen Versuch.

RESTAURO: Clever. Aber warum kam man dem Meisterfälscher erst so spät auf die Schliche? Vieles hätte man ja schon mit bloßem Auge erkennen können: angebliche Holzwurmlöcher, die mit dem Bohrer gebohrt waren, künstliche Patina, nicht grundierte Spannränder, während „richtige“ Maler wie in diesem Fall Heinrich Campendonk im Ganzen vorgrundiertes Leinen aufspannte?Diese Frage stellt sich in der Tat aus heutiger Sicht. Es gab da sicherlich auch Nachlässigkeiten.

Professor Gunnar Heydenreich: Einige Kunsthistoriker schauten nicht so genau, weil die Begeisterung, diese Werke wiederzuentdecken zu groß war, und auch weil in einigen Fällen entsprechende Summen für Expertisen gezahlt wurden. Zu oft wurde nicht weiter hinterfragt, ob es tatsächlich das verschollene Werk oder eine Nachschöpfung ist.

RESTAURO: Bis dann offenbar doch mehr und mehr Zweifel auftauchten…

Professor Gunnar Heydenreich: Genau. Es gab verschiedene Auffälligkeiten an sei- nen Werken, wie die Aufkleber auf der Rückseite, die eine ktive Sammlung Flechtheim dokumentie- ren sollten. Dazu kamen materialanalytische Untersuchungen an verschiedenen Orten, die am Ende die Authentizität widerlegen konnten. Bekanntlich wurde in dem Werk „Rotes Bild mit Pferden“, ein angeblich 1914 entstandenes Bild von Heinrich Campendonk, Titanweiß nachgewiesen, ein Pigment, das damals noch nicht auf dem Markt war.

RESTAURO: Weil der Kunstmarkt also so viel Lehrgeld zahlen musste und dem Augenschein nicht mehr trauen mag bei der Entlarvung zweifelhafter Werke, ist er sensibler geworden und setzt verstärkt auf Restauratoren und Naturwissenschaftler. Was machen sie anders? Restauratoren oder Kunsttechnologen untersuchen den Werkprozess und Zustandsveränderungen. Entspricht das der Praxis des Künstlers? Welche Alterungsspuren liegen vor und sind die tatsächlich zeittypisch? Darüber hinaus identifizieren Naturwissenschaftler die Materialien. Nicht alle waren zu jeder Zeit verfügbar oder wurden von den Künstlern verwendet. Ich möchte aber betonen, dass für uns die Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern und Provenienzforschern essentiell ist, um unsere Fragen eingrenzen zu können. Nur gemeinsam können wir das Problem der Fälschungen angehen.

Professor Gunnar HeydenreichIhr Institut trägt nun mit dazu bei, systematisch Kunsttechniken, Werkstoffe und Farbmittel zu untersuchen. Wie sieht das konkret aus?

RESTAURO: Wir schauen uns diese Werke erst einmal genauer an, im sichtbaren Licht, mit dem Mikroskop, unter UV-Strahlung, und untersuchen den Bildaufbau: Wie sind die Materialien verarbeitet, wie ist das Gewebe auf dem Spannrahmen fixiert? Wie sind Grundierung und Malschichten aufgetragen und wie sind sie gealtert? Hat sich der Schmutz natürlich abgelagert oder wurde er künstlich aufgetragen? So fand sich etwa auf einer Reihe von Werken, die den russischen Avantgardekünstler Kasimir Malewitsch nachahmten, eine künstliche Patinierung, die natürliche Alterung vortäuschen sollte. Durch den systematischen Einsatz von strahlendiagnostischen Verfahren, wie zum Beispiel der Infrarot-Reflektografie, können wir unter die sichtbare Malschicht blicken und in vielen Fällen eine Unterzeichnung sichtbar machen. Dieser erste Kompositionsentwurf, den der Maler mit einem Stift oder Pinsel ausführte und der nachfolgend mit Farbe ab- gedeckt wurde, repräsentiert oft direkter die Handschrift des Künstlers. Im Vergleich mit gesicherten Werken können wir dann Übereinstimmungen oder Unterschiede erkennen. Beltracchi wusste nicht, wie Campendonk seine Werke unterzeichnete. Da gibt es erhebliche Unterschiede. In den zurückliegenden Jahren konnten wir auch über 1000 Gemälde von Lucas Cranach mittels der IR-Reflektografie untersuchen und diese Ergebnisse im Cranach Digital Archive frei zugänglich veröffentlichen. Mit weiteren Verfahren, wie etwa der Röntgenuntersuchung, können wir noch tiefer in das Bild hineinschauen und Veränderungen im Werkprozess oder im Zustand visualisieren.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe 3/2019 (Titelthema: Technologie & Kunstschätze), www.restauro.de/shop

Prof. Dr. Gunnar Heydenreich ist Restaurator, Kunsthistoriker und Professor am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften an der TH Köln. Als ausgewiesener Cranach-Experte leitet er auch das Cranach Digital Archive (CDA) am Museum Kunstpalast Düsseldorf, in Kooperation mit über 300 Museen, Forschungseinrichtungen und Kirchgemeinden in 31 Ländern, um kunsttechnologische Forschungen zu bündeln – es ist auch für Laien eine Fundgrube: www.lucascranach.org