Der Nachlass von Jean Tinguelys Restaurator

Josef „Seppi“ Imhof half Jean Tinguely als sein Assistent bei der Herstellung der technisch aufwendigen Skulpturen und sorgte später als Restaurator im Baseler Tinguely Museum bis 2008 dafür, dass sie in Bewegung blieben. Nun hat er dem Museum seinen Nachlass aus der Zusammenarbeit hinterlassen: über 400 Briefe, Skizzen, Grafiken und Plakate. Sie sind gerade in der Ausstellung „Merci, Seppi. Die grosse Schenkung“ zu sehen

Über ein Stelleninserat fanden sie zusammen. Jean Tinguely suchte „für eine Rieseneisenplastik in der Nähe von Paris“ einen Schlosser unter zwei Bedingungen. Er sollte „vielseitig und schwindelfrei“ sein. Er brauchte auch jemand, der besser schweißen konnte als er selbst, der wegen der Eisenplastiken und beweglichen Maschinen aus Schrott, Federn, Knochen und anderen Wegwerfobjekten löten, Schrauben anziehen, Kabel verbinden und Motoren zum Laufen bringen konnte. Josef „Seppi“ Imhof aus Solothurn, gelernter Schlosser und Angestellter bei einem Walzwerk, signalisierte Interesse und traf sich mit seinem zu- künftigen Arbeitgeber in Fribourg. Man verabredete eine Zusammenarbeit für sechs Monate, aus der dann zwei Jahrzehnte wurden.

Die Technik hinter den Maschinen sei Jean Tinguely egal gewesen

„Wenn etwas nicht lief, habe ich eben so lange herumgepröbelt, bis es ging“, sagt Imhof heute über seine Rolle. Die Technik hinter den Maschinen sei Jean Tinguely, der gelernter Dekorateur war, egal gewesen. Dabei habe er über Materialkenntnisse verfügt. „Dass es trotzdem auch zu Unfällen kam, war normal“, meint Imhof. Tinguely suchte nicht die Ewigkeit und dachte nicht daran, ob seine Kunstwerke die Zeiten überdauern. Er arbeitete aus dem Moment für den Moment, auch im Ausland, wo ihn Imhof begleitete, etwa in die USA und Japan. Als die Großplastiken in die Jahre kamen, war es seine Aufgabe sie zu warten und zu restaurieren. Die beweglichen Teile nutzten sich kontinuierlich ab und hatten eine beschränkte Lebensdauer. Ihm oblag es, Schäden zu verhindern und den Zeitpunkt, an dem das Ende erreicht war, möglichst hinauszuschieben.

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Restaurator Josef „Seppi“ Imhof entschied, welche Eingriffe vertretbar seien

Was nicht immer realisierbar war, wie im Fall der Lampen, die Tinguely in einige seiner Maschinen eingebaut hatte. Das von der Decke hängende Werk „La Cascade“ von 1991 etwa ist mit vielen farbigen Glühbirnen bestückt. Diese zu ersetzen, wurde immer schwieriger. Auch die Lötstellen und Schweißnähte mussten wegen der Sicherheit regelmäßig kontrolliert werden. Dabei musste Imhof immer wieder entscheiden, welche Eingriffe vertretbar seien. Bei einem Gemälde ist der ursprüngliche Zustand klar definiert. Bei einer Tinguely-Skulptur dürften eigentlich die Motorenteile nicht ersetzt werden.

Hunderte Zeichnungen, Briefe, Werkskizzen und Postkarten von Jean Tinguely

Schließlich hielt er den Tod für die ultimative Panne, weshalb seine Maschinen auch als Sinnbild des Lebens zu lesen sind: Sie laufen eine Zeit lang und bleiben irgendwann stehen. Besonders deutlich wird diese Philosophie in seinen Selbstzerstörungswerken wie „Hommage to New York“ (1960) oder „Study for an End of the World“ (1962). Nach dem Tod von Tinguely 1991 setzte Imhof diese unerlässliche Arbeit noch bis zur Pensionierung in der Werkstatt des Museums fort. Und er hortete Hunderte Zeichnungen, Briefe, Werkskizzen und Postkarten von Tinguely, die sich bei ihm über Jahre angesammelt hatten. Aus ihnen lässt sich einiges über die gemeinsame Vorgehensweise schließen. Tinguely hielt sich mit Entwürfen nicht lange auf. Planungen und Vorzeichnungen waren seine Sache nicht. Für ihn stand die Suche nach dem passenden Material eher im Vordergrund. Das Zusammenbauen sollte schnell gehen, wenn etwas nicht funktionierte, übernahm der Assistent. Etwa dann, wenn eine Maschine für die vorhandenen Türen zu groß war, wie im Fall von „Utopia“ im Palazzo Grassi in Venedig: „Das war nicht vorausbedacht worden“, erinnert sich Imhof, „nur um den Bahnwagen hinzubringen, brauchten wir einen Kran. Dann kam die Frage, wer löst in zwanzig Meter Höhe die Ketten?“. Seppi natürlich.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 1/2021.

Lesetipp: Den experimentellen und künstlerischen Umgang mit dem Medium Radio zeigte das Basler Museum Tinguely mit der Schau „Radiophonic Spaces“ im Jahr 2018: Ein akustischer Parcours durch die Radiokunst. Lesen Sie hier mehr.