Entstanden italienische Geigenlacke nach deutschen Rezepten?

Balthazar Soulier, Stefan Zumbühl und Christophe Zindel weisen Mineralien in historischen Lacken nach und klären erstmals, welche Funktion mineralische Zusätze haben. RESTAURO sprach mit Balthazar Soulier, Projektleiter des Forschungsprojekts über Untersuchungen und Ergebnisse: Entstanden italienische Geigenlacke nach deutschen Rezepten? Der Pariser Diplom-Restaurator und Geigenbauer forscht seit 2018 an der Hochschule der Künste Bern HKB über historische Geigenlacke 

Das kunsttechnologische Labor der Hochschule der Künste Bern hat gemeinsam mit dem Pariser Restaurator Balthazar Soulier historische Geigenlacke untersucht. Mit sensationellen Ergebnissen, die im Februar 2021 publiziert wurden (Journal of Cultural Heritage, Volume 47, January–February 2021, p. 59–68). Untersucht wurde die Zusammensetzung der Lacke von 60 italienischen Geigen, die vor 1750 in den wichtigsten italienischen Geigenbauzentren entstanden. Analysiert wurden Geigen, die unter anderen von namhaften Geigenbauern wie Amati, Guarneri, Stradivari, Goffriller, Montagnana, Rogeri, Gagliano, Guadagnini. Dazu mussten den Geigen nahezu unsichtbare Probenmengen von etwa 20μm3 im Rahmen von Dokumentationsund Restaurierungsarbeiten im Atelier Cels in Paris entnommen und anschließend im kunsttechnologischen Labor der HKB in Bern im „Institut Materialität in Kunst und Kultur“ untersucht werden. Die Entwicklung einer spezifischen Probenvorbehandlungstechnik des Fachbereichs Konservierung und Restaurierung an der Hochschule der Künste Bern HKB macht es möglich, „die meisten organischen Verbindungen mit Mikro-Infrarotspektroskopie (μFTIR) zu identifizieren. Da diese Technik nicht zerstörungsfrei ist, konnte die anorganische Zusammensetzung der gleichen Mikroproben mit energiedispersiver Röntgenspektroskopie in einem Rasterelektronenmikroskop (SEM-EDX) bestimmt werden“, heißt es im Artikel des Journal of Cultural Heritage.

RESTAURO: Sie haben historische Geigenlacke untersucht. Wie kam es zu diesem Forschungsprojekt an der Hochschule der Künste Bern? 

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Balthazar Soulier: Nach einer klassischen Ausbildung zum Geigenbauer und Restaurator im Handwerk in mehreren renommierten Geigenbauwerkstätten habe ich mich im Rahmen meines Gemälderestaurierungsstudiums an der Kunstakademie in Stuttgart auf die wissenschaftliche Erforschung von historischen Lautenund Geigenlacken spezialisiert. Während meiner Diplomarbeit 2010 lag mein Forschungsschwerpunkt bei Lautenfirnissen der Renaissance. Ein Teil der Untersuchungen wurde damals bereits von Stefan Zumbühl, Professor im Fachbereich Konservierung und Restaurierung an der Hochschule der Künste Bern, durchgeführt. Seitdem war es immer mein großer Wunsch, historische Geigenlacke in einem größeren Kontext zu untersuchen. Diese Untersuchungen sind aber sehr komplex und benötigen viele Fachkompetenzen sowie modernste Untersuchungsverfahren, um möglichst viele Informationen anhand minimal invasiver Proben zu gewinnen. Der indirekte Auslöser zu diesem Projekt war die Entwicklung eines speziellen Verfahrens der Infrarotspektroskopie, das Stefan Zumbühl entwickelt hat. Dieses Verfahren ermöglicht anhand winzigster Mikroproben spezifischere Informationen als bisher zu bekommen – insbesondere von gealterten Lackrohstoffen. 

RESTAURO: Wurden historische Geigenlacke denn noch nie untersucht?

Balthazar Soulier: Doch, es gibt seit 100 Jahren immer wieder Untersuchungen historischer Geigenlacke. Es wurden bei den einzelnen Projekten aber immer nur wenige Instrumente untersucht. Deshalb konnten bisher keine Aussagen zur zeitlichen und regionalen Entwicklung der Geigenlacke im 17. und 18. Jahrhundert gewonnen werden. 

RESTAURO: Was ist an den alten italienischen Lacken für Sie so faszinierend?

Balthazar Soulier: Italienische Geigenlacke zeichnen sich durch eine herausragende leuchtende goldene bis rote Farbe und einen einzigartigen Tiefenlicht-Effekt, der die Holzstruktur dreidimensional hervorscheinen lässt, aus. Diese spezielle optische Wirkung findet man in anderen zeitgenössischen Schulen nördlich der Alpen nicht. Und alle Versuche von Geigenbauern seit Beginn des 19. Jahrhunderts, diesen optischen Effekt nachzuahmen, sind gescheitert. Dies erklärt, warum die altitalienischen Lacke und insbesondere der Lack von Stradivari, zum Mythos geworden sind, vergleichbar dem Malmedium der Gebrüder Van Eyck. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kaum ein Jahr, in dem kein Geigenbauer oder Pseudochemiker proklamiert hätte, dass er endlich das Geheimnis der altitalienischen Lacke entschlüsselt habe. Selbst heute, mit hochmodernen naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden, ist die genaue Identifikation der gealterten Materialmischungen sehr komplex und relativ unpräzise. Eine bedeutende Anzahl an Instrumenten ist erforderlich, um systemrelevante Komponenten zu identifizieren und deren Rollen zu verstehen.

RESTAURO: Wie viele Geigen konnten Sie untersuchen?

Balthazar Soulier: Bisher konnten wir ungefähr 60 italienische Geigen aus verschiedenen italienischen Schulen und Epochen untersuchen. Da sich die meisten historischen Geigen in Privatbesitz befinden, braucht man einen Zugang zu den Eigentümern.

RESTAURO: Den Zugang zu den Instrumenten haben Sie, weil Sie auch als Restaurator und Experte freiberuflich tätig sind?

Balthazar Soulier: Genau. Dank des Renommee unseres Atelier in Paris haben wir die Chance, bedeutende historische Instrumente von Musikern und Stiftungen aus der ganzen Welt zu pflegen. Der Moment einer Restaurierung bietet eine besonders günstige Gelegenheit, um ein Instrument gründlich zu studieren und zu beproben. In der kleinen Welt der Geigenspezialisten bin ich einer der wenigen, der einen Master in Konservierung gemacht hat. Das hat mir eine spezielle Position beschert – anfangs bei Stiftungen und Museen, dann auch bei privaten Besitzern historischer Geigen.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 1/2022.

Save the date: Eine Reihe von Vorträgen und Kolloquien finden in Bern statt. So feiert Ende Januar (27./28.1.2022) der Major Moderne Materialien und Medien das 20-jährige Bestehen des HKB-Programms zur Konservierung zeitgenössischer Kunst in einem hybriden Symposium und reflektiert die Entwicklung der Methoden der jungen Disziplin. Ein Grund mehr, sich bald auf den Weg nach Bern zu machen. Das Programm finden Sie hier

Tipp: Wer Konservierung und Restaurierung an der Hochschule der Künste Bern HKB studiert, darf einiges erwarten. Der Fachbereich Konservierung und Restaurierung verfügt über jahrzehntelange Tradition und Erfahrung bei der Erhaltung von Kunst und Kulturgut, ist innovativ und mehrfach spezialisiert. Dr. Ute Strimmer sprach mit Studiengangsleiter Prof. Dr. Andreas Buder