22.08.2022

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Das Oddy-Torium – Test von Restaurierungsmaterialien

von Uta Baier
Angesetzte Oddy-Tests vor Einsetzen in den Wärmeschrank. Fotos: www.abk-stuttgart.de/forschung
Angesetzte Oddy-Tests vor Einsetzen in den Wärmeschrank. Fotos: www.abk-stuttgart.de/forschung

Stuttgart untersucht Schadstoffemissionen von Restaurierungsmaterialien – mit überraschenden Ergebnissen: Das Oddy-Torium – Test von Restaurierungsmaterialien

Die Emissionen von Baustoffen können empfindliche Kunstwerke schädigen – vor allem wenn sie ihnen so nahe kommen wie Vitrinenbaustoffe. Das ist bekannt und wird seit langem mit dem Oddy-Test untersucht. Doch auch Stoffe und Materialien, die für eine Restaurierung verwendet werden, sind nicht emissionsfrei und können die Kunstwerke zerstören. Im Unterschied zu Baumaterial werden Restaurierungsstoffe jedoch noch nicht systematisch auf Emissionen getestet. Das will ein groß angelegtes Projekt des Studiengangs Konservierung und Restaurierung von Kulturgut an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart nun nachholen. Unter dem Titel „Oddy-torium. Test von Restaurierungsmaterialien“ sollen „systematisch alle Restaurierungsmaterialien getestet werden“, wie es in der Forschungsankündigung von Projektleiter Christoph Krekel und seinen beiden Mitarbeitern Simon Stegen (bis 2/2022) und Anna Lisa Krautheimer (seit 3/2022) heißt.

Der Ausgangspunkt für das Projekt

 

Ausgangspunkt für das Projekt war die Beobachtung, dass die Fachhandelsprodukte zum Kleben von Keramikscherben nicht nur sehr gut und sehr lange haltbar sind. Das „Material Keramik selbst (ist) weitgehend inert gegenüber den sauren, nitrosen Gasen, die von Cellulosenitrat emittiert werden“, wie es im Bericht heißt. Die entscheidende Frage, die zu den Stuttgarter Forschungen führte, war ganz einfach: „Was passiert, wenn ein so geklebter Fund in einer Vitrine zusammen mit empfindlicheren Objekten ausgestellt wird?“ Die Stuttgarter Forscher stellten fest, dass es dazu bisher keine Untersuchungen gibt und kommentieren: „Eine gefährliche Forschungslücke wie sich herausstellte! Beim Oddy-Test von solchen Keramikklebstoffen für die Restaurierung traten die stärksten jemals in Stuttgart beobachteten Korrosionsreaktionen an Testblechen auf (…).“

Die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bewahrt seit ihrer Gründung Rückstellproben von Restaurierungsmaterialien auf

 

Damit war klar, dass dringender Forschungsbedarf besteht. Mittels der einfach anzuwendenden Oddy-Tests werden in Stuttgart nun handelsübliche neue und auch alte Restaurierungsmaterialien auf Schadstoffemissionen untersucht. Das einfache Testverfahren setzt Streifen aus Silber, Blei und Kupfer bei konstant 60 Grad und einer Luftfeuchte von 100 Prozent den Stoffen aus, die mit den Kunstwerken in Kontakt kommen. Korrodieren die Metallstreifen, geben die Materialien Schadstoffe ab und sind für die Restaurierung und Aufbewahrung von Kunstwerken ungeeignet. Da die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart seit ihrer Gründung Rückstellproben von Restaurierungsmaterialien aufbewahrt, können die Forscher nicht nur neues Material untersuchen, sondern auch die Emissionen von 50 Konservierungsmaterialien aus 70 Jahren testen.

Was sind bisher die Ergebnisse?

 

Zwei Ergebnisse können die Stuttgarter bereits vorweisen. Nach den Untersuchungen aller in der Restaurierung verwendeten Celluloseether – 60 verschiedene Materialien – wurde festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Proben (33) keine Korrosionen verursachen, bei 20 wurde eine schwache Korrosion nachgewiesen. Bei Klucel G beispielsweise schwankt der Essigsäuregehalt stark. Allein die pharmazeutische Qualität des Stoffes ist emissionsfrei. Die Forscher informierten die Hersteller über ihre Ergebnisse. „Die Antworten der Firmen fielen sehr positiv aus und das korrosive Produkt soll ersetzt werden“, schreiben sie in ihrem ersten Forschungsbericht, der auch Ergebnisse zur Verwendung  gesättigter Salzlösungen zur Einstellung einer festen relativen Luftfeuchte in dichten Vitrinen enthält.

Mehr zum „Oddy-Torium“ finden Sie hier.

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