01.04.2019

Museum Projekte

Zu Gast bei der Marquise von Londonderry

von Ute Strimmer

Der National Trust ist eine Art Volksbewegung, die heute vier Millionen Mitglieder hat. Frances Bailey ist Kuratorin bei der englischen Denkmal-Treuhandschaft und leitete das Mammut-Projekt der Sanierung und Restaurierung des irischen Anwesens Mount Stewart

Über sieben Millionen Pfund kostete die Sanierung und Restaurierung des Mount Stewart Estate. Das herrliche Anwesen, ehemaliger Stammsitz der bekannten Aristokraten-Familie Stewart, liegt auf der 25 Kilometer von Belfast gelegenen nordirischen Halbinsel Ards und ist seit 1957 in der Hand des „National Trust for Places of Historic interest or national Beauty“ – kurz National Trust –, deren Präsident übrigens Prinz Charles ist. Vier Jahre arbeitete der britische Denkmalschutzfonds daran, den ehemaligen Adelssitz wieder in den prächtigen Zustand zu versetzen, den er zu seinen Hochzeiten in den 1920/30er-Jahren besaß. Jetzt ist das prachtvolle Anwesen – Kandidat für das UNESCO-Welterbe – wieder für das Publikum geöffnet. Das außerordentlich aufwendige Projekt leitete Frances Bailey. Seit über 35 Jahren ist sie als Kuratorin für die gemeinnützige Organisation tätig, die heute beachtliche vier Millionen Mitglieder zählt und bereits seit 1895 existiert. Weil damals im innovativen Großbritannien aufgrund der frühen Industrialisierung sowohl Landstriche als auch Bauwerke von historischer Bedeutung Platz für modernere Gebäude machten mussten, gründeten Sozialarbeiterin Octavia Hill, Rechtsanwalt Sir Robert Hunter und Pfarrer Hardwick Rawnsley die Vereinigung zum Schutz gefährdeter Regionen und Bauten, weiß Frances Bailey. Mittlerweile ist der National Trust der größte Landbesitzer in Großbritannien. Mehr als 21.000 Hektar Land und 800 Kilometer Küstenlinie gehören der Stiftung. „Das Prinzip des Denkmalschutzfonds setzte sich schnell durch, weil er den Eigentümern schützenswerter Gebäude bis heute ein attraktives Bündnis anbietet“, erklärt Frances Bailey. „Oftmals sind diese aus finanziellen Gründen dazu gezwungen, ihre teils hektargroßen Anwesen zu verkaufen.“ Der National Trust räumt den Eigentümern nach der Übernahme ein Wohnrecht auf Lebenszeit ein, öffnet die Anwesen aber bis auf einen privaten Teil für die Öffentlichkeit und finanziert so den Unterhalt durch Eintritte sowie Mitgliedsbeiträge. Rund 62.000 Freiwillige und 5.300 Angestellte kümmern sich um die über 500 historischen Gebäude und Schlösser, Dutzende von Kirchen, über 50 Pubs, ganze Dörfer und weite Teile der wichtigsten Nationalparks sowie prominente Häuser wie etwa von Lord Winston Churchill, Agatha Christie, Bernard Shaw und den Beatles-Frontmännern John Lennon und Paul McCartney. 

„Meine Aufgabe ist es, eine Vision für das jeweilige Objekt zu entwickeln und in Bezug auf die Historie des Hauses und seine architektonische Entwicklung, die Dekoration und die Sammlung zu beraten. Hier arbeite ich eng mit Architekten, Planern, Restauratoren und den Erben zusammen.“ Einige Jahre setzte sie sich mit der Baugeschichte von Mount Stewart auseinander. „Das macht Entscheidungen immer wieder leichter, die wir im Rahmen des laufenden Projekts fällen müssen“, betont die Kuratorin. „Als ich allerdings Ende der 1970er-Jahre am Trinity College in Dublin studierte, gab es kaum ein Dutzend akademische Bücher über den Typus des irischen Landhauses“, erinnert sich Frances Bailey. „Heute füllen Bibliotheken glücklicherweise ganze Regale zu diesem Thema.“

Die Arbeiten an dem neoklassizistischen Herrenhaus entpuppten sich als logistisch besonders kompliziert. Denn die vielen Kunstwerke mussten zuerst in die Eingangshalle ausgelagert werden, um das Ensemble komplett von Grund auf zu sanieren. Vor allem vorbeugender Brandschutz und die Modernisierung des Heizsystems waren die zentralen Themen. „Die Aufgabe des National Trust ist es aber vor allem zu konservieren“, unterstreicht Frances Bailey. „Wir tun so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich.“ So galt es auch, alle 150 Holzfenster instand zu setzen. Die handwerkliche Qualität der Restaurierung war so gelungen, dass das Projekt bei den RICS (Royal Institute of Chartered Surveyors) Awards 2016 mit dem Preis ausgezeichnet wurde.

Lesen Sie weiter. Der Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2019, www.restauro.de/shop.

Scroll to Top