02.12.2021

Branchen-News Museum

Von Picassos Kunstraub aus Athen und mehr

von Martin Miersch
Kunstraub: Vor neun Jahren wurde Pablo Picassos kubistischer "Frauenkopf" aus der Athener Nationalgalerie gestohlen. Jetzt ist das Gemälde aufgetaucht. Das Foto zeigt die Rückseite mit Widmung und Signatur von Pablo Picasso. Foto: AFP

Kunstraub: Vor neun Jahren wurde Pablo Picassos kubistischer “Frauenkopf” aus der Athener Nationalgalerie gestohlen. Jetzt ist das Gemälde aufgetaucht. Das Foto zeigt die Rückseite mit Widmung und Signatur von Pablo Picasso. Foto: AFP

Neun Jahre nachdem es in Athen gestohlen worden war, ist in diesem Jahr ein Gemälde von Pablo Picasso wieder aufgetaucht. Im Juni 2021 wurde der kubistische Frauenkopf von 1939 der Öffentlichkeit präsentiert. Als größter ungelöster Kunstraub gilt der Einbruch im Isabella Stewart Gardener Museum in Boston am 18. März 1990. In nur 81 Minuten wurden damals 13 Gemälde gestohlen, darunter Kunstwerke von Rembrandt, Vermeer, Manet und Degas. Welche Werke wurden in den letzten Jahrzehnten gestohlen? Ein Blick in die Geschichte

Kunstraub: Vor neun Jahren wurde Pablo Picassos kubistischer "Frauenkopf" aus der Athener Nationalgalerie gestohlen. Jetzt ist das Gemälde aufgetaucht. Das Foto zeigt die Rückseite mit Widmung und Signatur von Pablo Picasso. Foto: AFP
Kunstraub: Vor neun Jahren wurde Pablo Picassos kubistischer "Frauenkopf" aus der Athener Nationalgalerie gestohlen. Jetzt ist das Gemälde aufgetaucht. Das Foto zeigt die Rückseite mit Widmung und Signatur von Pablo Picasso. Foto: AFP

Am Tatort Postkarte mit Nachricht: „Danke für die schlechte Sicherung!“

Trotz umfangreicher, global ausgerichteter Datenbanken zu gestohlenen Kunstwerken kommt es immer wieder zu spektakulären Kunstdiebstählen. Welche Ziele werden mit dem Raub prinzipiell unverkäuflicher Kunstwerke verfolgt? Welchen Sinn macht es, im Art Loss Register oder bei ArtClaim registrierte Kunstwerke auf dem Kunstmarkt anzubieten? Eine Reihe von Kunstdiebstählen gibt den Verantwortlichen in Museen und Behörden bzw. den auf Kunstraub spezialisieren Einheiten der Polizei immer noch Rätsel auf. So wurde im November 2018 im Wiener Auktionshaus Dorotheum bei der Vorbesichtigung ein 27 mal 40 Zentimeter kleines Bild, die Ölstudie einer bretonischen Landschaft, von Auguste Renoir gestohlen, die bisher nicht wieder auftauchte. Ein seit 1988 verschollenes Porträt Francis Bacons von Lucian Freud wurde aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin gestohlen. Nach dem Raub entwarf Freud sein eigenes Fahndungsposter für das gestohlene Porträt, das dennoch keine Resonanz fand.

Zuweilen beweisen die Täter auch Sinn für Humor: Als 1994 in der Nationalgalerie Oslo eine Version von Munchs „Schrei“ gestohlen wurde, hinterließen die Täter eine Postkarte mit der Nachricht „Danke für die schlechte Sicherung!“. 1969 wurde Caravaggios „Geburt Christi“ aus dem Oratorium von San Lorenzo in Palermo gestohlen. Der Aufbewahrungsort des Gemäldes ist bis heute unbekannt. Es wird angenommen, dass die lokale sizilianische Mafia den Diebstahl begangen hat. Nach wie vor gesucht werden auch die Berliner Version von Spitzwegs „armem Poet“ und (bereits seit 1934) die Tafel der „gerechten Richter“ von Van Eycks Genter Altar. Frans Hals’ „Zwei lachende Jungen mit Bierkrug“ aus dem Jahr 1626 wurde sogar gleich dreimal (1988, 2011 und 2020) aus dem Museum im niederländischen Leerdam gestohlen. 1993 wurde Giovanni Bellinis „Madonna mit Kind“ aus der venezianischen Kirche „Madonna dell’Orto entwendet. Auch dieses Bild wurde bereits zum dritten Mal gestohlen.

Wurde Claude Monets Gemälde „Charing Cross Bridge“ zerstört?

Im Mai 2010 wurde Pablo Picassos „Le pigeon aux petits pois“ zum Ziel eines großen Kunstraubs. Das Gemälde wurde neben vier weiteren Werken aus dem Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris gestohlen. Die fünf Arbeiten haben einen geschätzten Wert von 100 Millionen Euro. Unter den verschollenen Gemälden, die noch immer nicht wiedergefunden wurden, befindet sich auch Vincent van Goghs „Vase mit Pechnelken“. Das Bild wurde im August 2010 aus dem Mohamed Mahmoud Khalil Museum in Kairo gestohlen, zeigt gelbe und rote Mohnblumen und ist mit einer Größe von nur 65 x 54 Zentimetern verhältnismäßig klein. Mit einem geschätzten Wert von 50 Millionen Dollar und seinem handlichen Format musste es für potentielle Diebe sehr verlockend erscheinen. Der Raub im Jahr 2010 war nicht das erste Mal, dass das Gemälde gestohlen wurde. Im Juni 1977 wurde es bereits aus demselben Museum gestohlen. Nach einer umfangreichen Suche wurde es zehn Jahre später in Kuwait gefunden. Wenige Stunden nach dem zweiten Diebstahl im Jahr 2010 glaubten ägyptische Behörden und Polizisten, das Gemälde auf dem Internationalen Flughafen Kairo entdeckt zu haben, als zwei Verdächtige versuchten, in ein Flugzeug nach Italien zu steigen. Dieser Hinweis stellte sich jedoch als falsch heraus, weshalb der Verbleib dieses Gemäldes weiterhin ungeklärt bleibt. Das Gemälde „Charing Cross Bridge“ von Claude Monet wurde im Oktober 2012 in Rotterdam gestohlen. Nach dem Diebstahl wurde eine Gruppe rumänischer Diebe wegen des Verbrechens verurteilt. Einer der Einbrecher behauptete, dass das verschollene Gemälde von Monet sowie einige andere gestohlene Kunstwerke im Ofen seiner Mutter verbrannt wurden, um jegliche Beweise für den Diebstahl zu verbergen. Nach einer Durchsuchung des Ofens wurden Spuren von Pigmenten gefunden, aber es gab nicht genügend solide Anhaltspunkte, um die Zerstörung des verschollenen Gemäldes zu beweisen. Es ist noch immer als fehlend aufgeführt, und die Untersuchung wird fortgesetzt.

Der größte ungelöste Kunstraub

Als größter ungelöster Kunstraub gilt der Einbruch im Isabella Stewart Gardener Museum in Boston am 18. März 1990. In nur 81 Minuten wurden damals 13 Gemälde gestohlen, darunter Kunstwerke von Rembrandt, Vermeer, Manet und Degas. Experten schätzen den Wert der Beute auf 600 Millionen Dollar. Die Täter waren als Polizisten verkleidet in das Museum gekommen, um einer angeblichen Beschwerde wegen Ruhestörung nachzugehen und hatten das Sicherheitspersonal überwältigt. Sie hatten es auf relativ kleinformatige Leinwandgemälde abgesehen, die sie aus den Rahmen schneiden und so leichter transportieren konnten. Daher ließen sie auf Holz gemalte Werke (bzw. solche, die sie dafür hielten) zurück. Das Diebesgut umfasste u.a. Rembrandts „Christus im Sturm auf dem See Genezareth“ von 1633, sein „Porträt eines Ehepaares“, Vermeers „Konzert“ und eine Landschaft Govaert Flincks. Das Museum hat diesbezüglich eine Belohnung von 5 Millionen Dollar ausgesetzt. Mit einem 2015 auf 250 Millionen US-Dollar geschätzten Wert macht der Verlust des Vermeer-Gemäldes die Hälfte des wirtschaftlichen Schadens durch den Kunstraub aus.

Materialanalyse von Rembrandts „Seestück“?

Die Räuber hinterließen weder Fußabdrücke noch Haare am Tatort, und von den gesicherten Fingerabdrücken ist unklar, ob sie von den Tätern oder Mitarbeitern des Museums stammen. 1997 wurden dem FBI Farbpartikel zugespielt, die von Rembrandts „Seestück“ stammen sollten. Das FBI ließ eine Materialanalyse durchführen, doch die Farbe stammte zwar aus der Zeit Rembrandts, wies aber nicht die erwartete Zusammensetzung auf. Ein Informant lieferte außerdem ein Röhrchen mit Farbpartikeln und 25 Farbfotos der beiden Gemälde von Rembrandt. In einer gemeinsamen Erklärung des Museums und der Bundesanwaltschaft für den Bezirk Massachusetts wurden die Farbpartikel als aus dem 17. Jahrhundert, aber nicht von den Rembrandts stammend bezeichnet. Sie könnten aber von dem geraubten Vermeer stammen. Die Werke bleiben verschollen. Das „Art Crime Team“ des FBI geht davon aus, dass ein Kunstraub von besonders wertvollen, international bekannten Werken, dazu dienen kann Straffreiheit oder Haftentlassung von Schwerstkriminellen zu erwirken oder das Museum um eine beträchtliche Geldsumme zu erpressen.

Wie Ermittler Pablo Picassos kubistischen „Frauenkopf“ fanden, sehen Sie im Video:

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Auch politisch motiviertes „Art napping“ kann eine Rolle spielen. Der Gründer und ehemalige Leiter der Spezialeinheit für Kunstdiebstähle des FBI, Robert K. Wittman, ermittelte zwanzig Jahre lang in Amerika und Europa. Er sieht die eigentliche Schwierigkeit nicht im Diebstahl eines Kunstwerkes, sondern in den nachfolgenden Bemühungen der Diebe, das Diebesgut zu versilbern. Oft gehören Mitarbeiter des bestohlenen Museums zu den Tätern oder fungieren zumindest als Informanten. Das Art Loss Register meldete 2010 ungefähr 300.000 gestohlene Kunstgegenstände, wovon seit der Gründung 1991 rund sechstausend wiederbeschafft werden konnten. Die Datenbank von Interpol hat bis heute rund 40.000 Kunstwerke aus 125 Ländern aufgelistet. Davon wurden zweitausend wiedergefunden. Die Aufklärungsquote von Kunstdelikten in Deutschland liegt bei etwa 25 Prozent. Auf Lösegeldforderungen gehen Versicherungen aus guten Gründen nie ein, denn das Risiko, die Diebe „zu belohnen“ und somit für Nachahmer zu sorgen, ist zu groß.

Wieder aufgetaucht: Pablo Picassos kubistischer „Frauenkopf“

Hin und wieder gibt es jedoch auch Erfolge zu vermelden: Neun Jahre nachdem es in Athen gestohlen worden war, ist 2021 ein Gemälde von Pablo Picasso wieder aufgetaucht: Der kubistische „Frauenkopf“, der einenSchätzwert von rund 16,5 Millionen Euro hat, wurde in einer Schlucht rund fünfzig Kilometer von der griechischen Hauptstadt entfernt gefunden. Die Ermittler schlugen zu, nachdem der Dieb versucht hatte, Kontakt zu holländischen Kunsthändlern aufzunehmen. Er hat den Kunstraub aus der Athener Pinakothek gestanden und soll zu Protokoll gegeben haben, das Museum 2012 monatelang observiert zu haben. Sogar die Zeiten für die Zigarettenpausen der Wachen seien ihm bekannt gewesen.

Lesetipp: Im November vor zwei Jahren brachen unbekannte Täter brachen an einem frühen Montagmorgen in das Residenzschloss in Dresden ein und erbeuteten drei Juwelengarnituren aus einer Vitrine des Grünes Gewölbes – auch dieser ist einer der spektakulärsten Kunstraube der jüngeren Geschichte. Lesen Sie mehr hier

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