Millefleurs-Gebetbuch offenbart Geheimnis mit Infrarot-Technologie

Das Restauratoren-Team des Fitzwilliam Museums machte mithilfe von Infrarot-Technologie im Gebetbuch der Yolande d’Anjou ihr verborgenes Bildnis sichtbar. Damit wurde offenbar: König Franz I. ließ das Porträt seiner ersten Frau durch das der neuen Gattin übermalen

Im Fitzwilliam Museum in Cambridge befindet sich eine einzigartige Kostbarkeit: Das Gebetbuch der Yolande d’Anjou, der Gemahlin des Herzogs der Bretagne. Mithilfe von Infrarot-Technologie gelang es nun, ihr verborgenes Bildnis sichtbar zu machen. Das Wissenschaftler-Team der University of Cambridge nutzte das nicht-invasive Analyse-Verfahren zur Identifizierung der Pigmente und zur Offenlegung der Unterzeichnung. So spiegelt die Handschrift wie wir nun wissen die Heiratspolitik des Herzogs wider und kann abgesehen von ihrem künstlerischen Wert als bedeutendes Dokument der Geschichte der Bretagne angesehen werden. Das Gebetbuch weist in den Bordüren einen filigranen Streublumendekor auf, Dieser sogenannte Millefleurs-Dekor schmückte einst auch gotische Tapisserien, wie etwa den berühmten Wandbehang der „Dame mit dem Einhorn“ im Musée national du Moyen Âge in Paris.

Die Infrarot-Technologie offenbart es jetzt

König Franz I. ließ das Porträt seiner ersten Frau durch das der neuen Gattin übermalen. Franz I. war von 1442 bis 1450 Herzog der Bretagne. Er war der Sohn des Herzogs Johann VI. und der Johanna von Frankreich. Seine erste Ehe schloss er 1431 mit Yolande d’Anjou, die 1440 starb. Diese kniete ursprünglich, bedeutungsmäßig kleiner dargestellt, vor der Madonna. Nach dem Tod seiner Ehefrau heiratete Franz am 30. Oktober 1442 Isabella von Schottland, mit der er zwei Töchter hatte. Das um 1431 entstandene Stundenbuch wurde der neuen Ehefrau des Herzogs zum Geschenk gemacht. Dazu wurde das Porträt im Gebetbuch – ganz pragmatisch – einfach ausgetauscht. Die Preziose enthält mehr als 500 äußerst fein gearbeitete Miniaturen und war ursprünglich von Yolandes Mutter in Auftrag gegeben worden, die schon zuvor als Kunstmäzenin und -Sammlerin in Erscheinung getreten war und u.a. die berühmten, von den Gebrüdern Limburg illustrierten „Belles heures“ des Duc de Berry besaß, die sich heute in The Cloisters in New York befinden. Zur Eheschließung ihrer Tochter 1431 übergab sie ihr vermutlich das kostbare Buch, das nun genauestens untersucht wurde.

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Unterschiedlichen Farbpigmente von ursprünglicher Malerei und Übermalung

Eine Kurzwellen-Infrarot-Fotografie der Rückseite von Folio 20 zeigt die originale Unterzeichnung. Hier verlief die Robe der Frau noch bis zum seitlichen Bildrand und die Idee der Fürsprache und Begleitung durch die Heilige Katharina war noch nicht geboren. Das Restauratoren-Team des Fitzwilliam Museums entdeckte nun die Unterzeichnung und konnte sogar die unterschiedlichen Farbpigmente von ursprünglicher Malerei und Übermalung voneinander unterscheiden. Isabellas Gesicht und ihre hermelinbesetzte Robe wurden über die vorhandene Darstellung gemalt und die Heilige Katharina hinter der Herzogin hinzugefügt. Außerdem wurde Isabellas Wappen in der floralen Bordüre ergänzt, indem dasselbe Zinnoberrot Verwendung fand, das auch ihre Robe ziert. Es erscheint nicht weniger als viermal auf der mit Millefleurs-Motiven geschmückten Dedikations-Seite. Demgegenüber ergab die Analyse, dass bei der ursprünglichen Darstellung der Yolande d’Anjou ein anderes Rot verwendet wurde. Die Frisur der Yolande wurde mit Azurit übermalt und anstelle der hoch aufgetürmten Frisur eine Krone hinzugefügt.

Das Foto zeigt sehr deutlich, wo das Bild mit Azurit übermalt wurde, das sich vom Ultramarin der Umgebung abhebt. Als das Manuskript in den Besitz von Isabellas Tochter Margaret kam, wurde es von dieser um eine weitere Miniatur erweitert, die sie selbst vor der Madonna im Gebet kniend zeigt. Der letzte private Besitzer der kostbaren Handschrift war Richard Fitzwilliam, der dem Museum 1816 seine Bibliothek und seine Sammlungen vermachte.

Mehr als 20 Naturwissenschaftler, Konservatoren, Restauratoren und Fotografen des Rijksmuseums arbeiten an der „Operation Nachtwache“, um Rembrandts „Nachtwache“ zu erforschen und zu restaurieren. Das Kunstwerk, eines der Herzstücke des Amsterdamer Rijksmuseum, soll für die Zukunft gesichert werden. Die Kombination aus Fotografie, einschließlich Infrarot- und UV-Aufnahmen, und verschiedenen hochentwickelten Bildgebungstechniken wie Makro-Röntgenfluoreszenz-Scanning und Hyperspektral-Bildgebung (RIS – bildgebende Reflexionsspektroskopie) zeichnen den Zustand des Gemäldes minutiös auf. Lesen Sie mehr hier.