Restaurierungskolloquium: Vom Umgang mit der Lücke

 

Wie viel Rekonstruktion ist notwendig, wie viel Fehlstelle zumutbar? Die Fachgruppe Polychrome Bildwerke und die Kustodie der Universität Leipzig haben am 9. September 2016 in Leipzig ein eintägiges fachübergreifendes Kolloquium organisiert, das inhaltlich als Folgeveranstaltung an das gleichnamige Kolloquium von 2009 anknüpfte. Ein Nachbericht.

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Blick in den Andachtsraum mit Epitaphien und dem Paulineraltar. Foto: Kustodie Leipzig/Marion Wenzel

 

Ausgangspunkt war das groß angelegte „Epitaphienprojekt“, welches seit 2002 die Restaurierung und Wiederaufstellung 24 restaurierter Epitaphien aus dem 16.–18. Jahrhundert umfasst. Die Epitaphien stammen aus der Paulinerkirche und konnten kurz vor der Sprengung 1968 in einer Notbergung gerettet werden. Seit 2014 erfolgt die Montage im Neubau, wo sie bald wieder der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Organisiert wurde das Kolloquium von den Sprechern der VDR-Fachgruppe Polychrome Bildwerke Sibylle Wulff, Cornelia Saffarian und Tino Simon sowie Mitarbeitern der Kustodie. Insgesamt fanden sich etwa 100 Teilnehmer ein, denen ein straffes Programm mit 15 Vorträgen und zwei Führungen geboten wurde. Die insgesamt 18 Referenten kamen nicht nur aus verschiedenen Berufen, sondern blickten vor allem aus unterschiedlichen Perspektiven auf die (Kunst-)Werke.

Grenze zwischen Rekonstruktion und Annäherung

Im ersten Themenblock stand das Epitaphienprojekt im Mittelpunkt. Kustos der Universitätssammlung, Prof. Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen, berichtete umfassend über die Odysee des fast schon verlorenen Kunstschatzes. Die Vorträge der Restauratoren Johannes Schaefer/Anke Scharrahs und Claudia Nicolaisen-Luckenbach/Sibylle Wulff gaben anhand zahlreicher Bilder Einblicke in die Herausforderungen, welche die Konservierung der stark beschädigten Holzobjekte und die damit verbundenen Aufgaben hinter den Kulissen stellten. Als wesentlich für die Realisierung der Hängung erwies sich die Zusammenarbeit mit Ingenieur Thomas Bolze, der sich mit den Fragen zur Statik und Wiederbefestigung befasste. Die Steinrestauratoren Manfred Sährig und Thomas Schubert unterstrichen mit der Präsentation der Hängung zweier tonnenschwerer Epitaphien aus Alabaster die besondere Herausforderung der Montage.

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Innenansicht des Andachtraumes im Paulinum. Foto: Marion Wenzel/ Kustodie der Universität Leipzig

 

Als zentrales Thema des Kolloquiums beschrieb der Metallbildhauer Thomas Leu das von ihm entwickelte Verfahren, wesentliche Bauteile mit gerastertem Siebdruck auf eloxierten Aluminiumplatten auf Basis von Fotografien zu ergänzen. Nach individueller Entscheidung über das Ausmaß der Ergänzung für jedes einzelne Epitaph sollen sich prinzipiell die modernen Zutaten nicht nur optisch, sondern auch physisch vom originalen Bestand unterscheiden. Dabei konzetrierte sich die Diskussion auf die Frage, wo die Grenze zwischen Rekonstruktion und Annäherung verläuft, da die Entscheidung, welche Teile als wesentlich für die Aussage des Kunstwerks zu betrachten sind, letztendlich subjektiv bleibt.

Fallbeispiele unterschiedlicher Fächer

Im zweiten Vortragsblock stellten Restauratoren aus anderen Fachbereichen der Universität Leipzig Fallbeispiele zum Thema vor: Markus Brosig (Musikinstrumentenmuseum) präsentierte das Beispiel eines Orgelspieltisches, der als Bachreliquie verehrt wird. Einen Ein- und Überblick über ihre Sammlung und den individuellen Umgang mit den Objekten unter Zuhilfenahme moderner Techniken gab Grit Friedmann vom Antikenmuseum. Und Karl-Heinrich von Stülpnagel berichtete vom Umgang mit den fragmentarischen Objekten im Ägyptischen Museum.

Von Lücken und Fehlstellen

Externe Referenten präsentierten grundlegene Überlegungen zum Thema sowie auch konkrete Fallbeispiele im dritten Block. Den theoretischen Unterbau lieferte Prof. Thomas Staemmler (FH Erfurt). Rüdiger Beck (Museum der Bildenden Künste Leipzig) stellte die Restaurierung von Klingers „Christus im Olymp“ vor, der heute im scheinbar unversehrten Zustand wieder zu sehen ist, da verlorene Teile mit annähernd authentischen Materialien rekonstruiert wurden. Während Isa Päffgen (Lenbachhaus in München) von den Überlegungen zum Umgang mit einer langjährig wie zum Werk zugehörig ausgestellten Fehlstelle in Jawlenskiys Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff berichtete, präsentierte Tino Simon (HfBK Dresden) die bereits erfolgte prozesshafte Entscheidungsfindung zur Restaurierung mit weitreichenden Ergänzungen des Bildträgers eines lebensgroßen geschnitzten Taufengels. Pfarrer Albrecht Henning demonstrierte hingegen aufs Eindringlichste am Beispiel eines nur als Torso erhaltenen Christus, welche Kraft auch eine Lücke entfalten kann.

Das Resümee zog Prof. Volker Schaible (AbK Stuttgart) und ging der Frage nach dem Wunsch nach klaren Richtlinien zur Ergänzung auf den Grund. Letztendlich drückte er seinen Respekt gegenüber diesem komplexen Projekt aus und schloss die Veranstaltung mit einem aufmunternden „Mehr Mut zur Lücke!“.