04.06.2021

Ausstellungen Museum

Anfassen von speziellen Vitrinenobjekten erlaubt

von Martin Miersch
Christian Kempf
Christian Kempf

Das Unterlinden-Museum in Colmar hat seine archäologische Abteilung neukonzipiert. Die zeitgemäße Präsentation der archäologischen Artefakte kann anderen, vergleichbaren Häusern als Vorbild dienen

Christian Kempf
„Hands-on-Stationen“ im Unterlinden-Museum in Colmar ermöglichen Besucher:innen das Anfassen vergleichbar gearbeiteter Vitrinenobjekte. Foto: Unterlinden-Museum, Christian Kempf

Neuer Rundgang im Unterlinden-Museum

Die Vermittlung von Zeugnissen früher Epochen der Menschheitsgeschichte ist eine heikle Aufgabe. In vielen Museen wird diese Abteilung von den Besucher:innen nur allzu oft als rasch zu durchlaufende Durchgangszone zu späteren Epochen angesehen, insbesondere dann, wenn keine spektakulären Highlights wie Goldschätze, Moorleichen oder Fürstengräber zu erwarten sind. Im Unterlinden-Museum in Colmar hat man nun einen Versuch unternommen, die Grabungsfunde zeitgemäß didaktisch aufzubereiten und somit zum „Sprechen“ zu bringen.

Die archäologische Sammlung, die Funde von der Jungsteinzeit bis zur Eisenzeit und damit einen Zeitraum von ca. 5500 bis 50 v. Chr. umfasst, befindet sich auf einer Fläche von 250 Quadratmetern im historischen Keller eines ehemaligen Dominikanerklosters. Sie war seit 2011 geschlossen und ist inzwischen grundlegend umgestaltet worden. Das Museumsteam des Unterlinden-Museums in Colmar hat einen dreisprachigen chronologischen Rundgang entworfen, der Besucher:innen erlaubt, verschiedene Aspekte der Geschichte des Elsass wie Wohnen, Landwirtschaft, Handwerk, Haushalt und Bestattungsriten zu erkunden.

Einen Überblick vermittelt ein Zeitstrahl, der die elsässischen Funde in den europäischen Kontext stellt. Danach konzentriert sich die neue Präsentation im Unterlinden-Museum auf die wichtigen Grabungsorte aus Colmar und Umgebung. Zu Beginn dokumentiert das Unterlinden Museum die neolithische Besiedlung des Elsass. Die Region befand sich im Frühneolithikum an der Grenze zwischen zwei Kulturgruppen aus dem Donauraum, den sogenannten „Bandkeramikern“, benannt nach den bänderförmigen Verzierungen auf ihrer Keramik. Große bandkeramische Gefäße stehen im Mittelpunkt der ersten Vitrine. Einige weisen Ösen für Henkel auf, an denen die Gefäße außerhalb der Reichweite von Nagetieren aufgehängt werden konnten.

Highlights der Sammlung

Das präzise perforierte Sieb aus der Eisenzeit, Teil eines Metallgeschirrs aus einem Tumulus- Grab bei Appenwihr, und ein in der Bronzezeit aus Oberitalien importiertes Rasiermesser sind weitere Highlights der Sammlung. Die Bernsteinperlen einer Kette aus einer Urne der späten Bronzezeit, gefunden 1867 bei Bennwihr, zeugen dagegen vom Austausch mit der Ostseeküste. Das Arsenkupfer einer Kette (4. Jahrtausend v. Chr.), die bei Grabungen im Vorfeld eines Fabrikbaus bei Colmar 2007 entdeckt worden war, stammt nachweislich aus den österreichischen Alpen.

Am Ende der Bronzezeit tritt ein Brauch auf, der schwer zu deuten ist: manche Gegenstände wurden absichtlich zerbrochen oder verformt, bevor sie mit dem Verstorbenen beigesetzt wurden. Häufig ist dies der Fall bei Armreifpaaren, wovon einer zerstört und einer unversehrt gelassen wurde. Bei anderen Artefakten wiederum ist die Funktion ein Rätsel: Waren sie Alltagswerkzeuge oder bloße Prestigeobjekte?

Prunkgrab von Ensisheim

Ein Höhepunkt der Sammlung ist das Prunkgrab von Ensisheim. In einem Hügelgrab wurde dort 1873 neben einer Speerspitze qualitativ hochwertiger Goldschmuck zutage gefördert. Demzufolge handelt es sich um ein „Fürstengrab“, von denen nur etwa zwanzig im gesamten gemäßigten Europa bekannt sind. Diese Gräber, die in den Zeitraum zwischen 550 und 480 v. Chr. datiert werden können, dokumentieren den außerordentlichen Reichtum der damaligen Elite, die sich häufig mit Bronzegeschirr aus dem Mittelmeerraum bestatten ließ, so zum Beispiel die Dame von Vix im Burgund. Ein goldener Halsring symbolisierte die herausragende Stellung eines keltischen Fürsten in der zweiten Hälfte des 6. Jh. v. Chr. Dieser Torques mit getriebenem Dekor aus Ensisheim, der aus einer Legierung von 98 Prozent Gold besteht, ist das Symbol der weltlichen und geistlichen Macht des Fürsten.

Zeitgemäße Präsentation: „Hands-on-Stationen“ im Unterlinden-Museum

Ein Hauptproblem bei der Präsentation archäologischer Artefakte ist die oft mangelnde Anschaulichkeit. In Colmar versucht man diese mit aquarellierten Zeichnungen von Jean-Claude Goepp zu erreichen, die als Hintergrundpanoramen die Verwendung der in der Vitrine gezeigten Objekte im Alltag der Menschen veranschaulichen. Im konkreten Sinne greifbar werden die Herstellungstechniken der Bronzeund Eisenzeit an nachempfundenen Objekten.

Ein großer Gewinn ist die neue Präsentation für die Museumspädagogik. Führungen im Unterlinden-Museum können jetzt viel anschaulicher gestaltet werden und dem bei allen Menschen so stark verwurzelten Trieb, alles anfassen zu müssen, kann nun bei den zahlreichen Nachbildungen ungehemmt nachgegangen werden. Diese sogenannten Hands-on-Stationen sind mit handwerklich gut gearbeiteten Werkzeugen und unter Verwendung authentischer Materialien gestaltet.

Sie thematisieren das Bearbeiten einer Pfeilspitze aus Silex, die Keramikherstellung, das Spinnen und Weben sowie die Bronzeherstellung und -verarbeitung. An der Station zur Glasbearbeitung kann zum Beispiel eine Glasperlenkette angefasst werden. Sehbehinderte erhalten so einen Eindruck der vergleichbar gearbeiteten Vitrinenobjekte. So wird das erstaunliche technische Know-how der vor- und frühgeschichtlichen Menschen deutlich.

Lesen Sie mehr in der RESTAURO 6/2020.

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