Überlegungen eines Steinrestaurators

 

Ein Kommentar von Steinrestaurator Boris Frohberg über denkmalpflegerische Ansprüche und die Schere zwischen theoretischen Vorstellungen, praktischen Anwendungen und Synergieeffekten in der Branche.  

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„Den Stein der Weisen werden wir nicht finden, aber bessere Lösungen zur Erhaltung unserer Denkmale und Denkmäler.“ Foto: Ingrid Ruthe/pixelio.de

Ich saß im Saal bei einer Tagung zum Thema Laseranwendung in der Denkmalpflege und Restaurierung und hörte einem Vortrag zu, in dem es um die Reinigung des Sandsteinportals von der Schlosskirche des ehemaligen Residenzschlosses zu Dresden ging. In der anschließenden Diskussion entbrannte die Frage, ob man den Stein neu fassen dürfe? In der Geschichte ist der Naturstein am Bauwerk oft farblich gefasst worden, auch zum Schutz. In erster Linie steht dabei die Ölfassung. Diese ist in die Kritik geraten, weil sie unwiederbringliche Schäden am Stein verursachen soll. War hier eine falsche Anwendung, zum Beispiel ungenügende bzw. falsche Grundierung oder mangelhafte Pflege die Ursache?

Was ist falsch, was ist richtig?

Die Farbfassung von Naturstein im Außenbereich wird auch in jüngster Zeit wieder angewendet: in Lübeck, Potsdam, Dresden, Bern und anderen Orten. Die Gedanken gehen weiter: Darf man überhaupt eine Farbfassung rekonstruieren, wird dafür Öl-, Öltempera, Silikonharz-, Silikat-, Kalkkasein- oder Dispersionsfarbe verwendet oder ist der überkommene Zustand als unantastbar anzusehen? Wie verhält es sich mit der Ergänzung fehlender Teile eines Bildwerks, eines Bauteils, einer Fassade? Wo endet die Konservierung und wo beginnt die Restaurierung und um was handelt es sich überhaupt? Was ist ein Denkmal, wann ist es ein solches und warum wird der Denkmalstatus ab und zu aufgehoben? Handelt es sich nun um Denkmale oder Denkmäler? Darf eine Rekonstruktion zur Restaurierung gezählt werden oder nur eine Teilrekonstruktion oder gar nichts davon?

Schwierige Fragen, die immer neu gestellt und unterschiedlich beantwortet werden. Sollte sich eine Ergänzung klar vom Original abgrenzen oder weitgehend an sie annähern, ist eine steinmetzmäßige Vierung durch die notwendigen Abarbeitungen ein unvertretbarer Eingriff in das Original? Sollten Kittungen schneller verschleißen als das Original? Im Zweifelsfall ja. Aber wie verhält es sich mit plastischen Ergänzungen? Wir reden doch immer von Verschleißschicht und Sollbruchstelle. Steht die Erhaltung des Originals im Vordergrund, ist genau abzuwägen, welche Vorgehensweise, welche Verfahren, welche Mittel dafür angewendet werden sollten und welche nicht. Ist es besser, eine stark beschädigte Plastik zu festigen, zu dübeln, zu kleben und anschließend alle Brüche und Fehlstellen zu kitten oder zu ergänzen, um sie dann eventuell neu zu fassen? Oder ist es besser, eine Kopie zu erstellen? Darf diese Kopie vom Bildhauer aus entsprechendem Naturstein hergestellt werden? Aber was ist, wenn das originale Steinmaterial heute nicht mehr zu beschaffen ist? Soll es dann ein Abguss aus Kunststein sein, und wird das dann trotzdem noch eine Plastik, hoffentlich ist sie nicht aus Plaste? Einfach ist das nicht zu beantworten, jeder Handwerker, Restaurator, Denkmalpfleger, Architekt und Bauherr hat hierzu seine eigene Meinung. Es prallen Ansichten aufeinander. Wer wird sich durchsetzen? Steht dann immer noch die Erhaltung des Originals im Vordergrund oder spielen persönliche Befindlichkeiten, Kostenaspekte oder das (mehr oder weniger gute) Fachwissen eine tragende Rolle bei der Entscheidung? Wer hält sich denn wirklich an die Charta von Venedig?

Wichtig ist das Ergebnis und die Qualität der Ausführung. Aber wer definiert diese? Eine materialadäquate, bildhauerische Kopie besitzt aus meiner Sicht keine Einschränkung. Ist handwerkliche Qualitätsarbeit aber aus restauratorischer Sicht und akademisch restauratorische Leistung aus handwerklicher Sicht vertretbar? Kann eine Kittung den Naturstein ersetzen, physikalisch, optisch, ethisch? Besteht die Ergänzung aus sogenannter mineralischer Steinersatzmasse, ist sie kieselsäureester- oder acrylatgebunden, darf die Oberfläche glatt gerieben, gekratzt, gewellt, oder durch den Steinmetz bearbeitet werden? Darf oder muss eine Verschmutzung von der Oberfläche entfernt werden oder auch nicht, was sind schädigenden Krusten und schützende Patina? Was wird zur Reinigung eingesetzt: Steinmetzwerkzeug, Micromeißel, Feinstrahlgerät, Laser, Skalpell, Pinsel, Lösungsmittel?

In den 1970er- und 1980er-Jahren bemerkte ich vermehrt Abgüsse von Skulpturen und Bauteilen wie Baluster u. ä. aus Beton, die schon nach wenigen Jahren unbefriedigende Oberflächenabwitterungen zeigten. Soweit die Originale geschützt und konserviert im Depot oder Lapidarium verwahrt wurden, können sie für spätere bildhauerische Kopien dienen und auch ausgestellt werden. Es gibt aber auch Beispiele von bildhauerischen Kopien, bei denen die Originale leider nicht die notwendige Beachtung erhielten und ohne Konservierung, ungeschützt und bewittert, zum Beispiel als Hof- oder Gartendekoration, dem weiteren Verfall preisgegeben wurden. So geschehen bei den sandsteinernen Hermenpilastern der Wasserkunst in Wismar, die 1973 und 1976 kopiert wurden. Eine restauratorische Bearbeitung hätte die Originale vermutlich besser erhalten können (Kuhnert 2007). Die historischen Grabplatten aus den Böden der St. Georgenkirche in Wismar und der St. Jakobikirche in Stralsund lagern gestapelt außerhalb der Bauten und warten auf ein Konzept zur Erhaltung und Präsentation, sie mussten Fußbodenheizungen für die uneingeschränkte Nutzung weichen.

Restauration und Restaurierung

Diese Aufzählung kann sicher jeder in der Steinrestaurierung Tätige beliebig fortsetzen. Es ist aber sehr schwer festzustellen, welche der Entscheidungen von wem getroffen wurden, war es der Planer, Bauherr, Handwerker, Restaurator oder der Denkmalpfleger? Da kann man Stein und Bein schwören und wird falsch liegen. Dies zeigt die Komplexität des Themas, es gibt kein schwarz-weiß, viele Einflüsse spielen mit. Viele denkmalpflegerische Prozesse können nicht katalogisiert, nicht in DIN-Normen gepresst werden. Manche Leistungen sind überhaupt nicht beschreibbar und sollen doch ausgeschrieben werden, da stehen einem die Haare zu Berge, oder man bekommt zu allem Überdruss gleich graue. Jeder kennt das Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“, ein Hinweis zur Teamarbeit über die eigenen Grenzen hinaus. Jeder sollte sein Handwerk verstehen und sich ständig weiterbilden, um den Anschluss nicht zu verpassen. Aber hat das Handwerk noch goldenen Boden? Man sollte sich eines Handwerks nicht schämen, doch was ist, wenn einer ins Handwerk pfuscht oder gar jemandem das Handwerk legt? Vorsicht vor sogenannten Restaurationsfachbetrieben, außer der Hunger treibt einen in das nächste Gasthaus. Der Wortstamm ist zwar gleich (Wiederherstellen), aber die Bedeutung sehr unterschiedlich definiert, auch als politische Geisteshaltung ist der Begriff für eine Zeitphase in die Geschichtsbücher eingegangen.

Auf der Denkmalmesse in Leipzig ging ich vor einigen Jahren mit einem Kollegen an einen Stand mit der Aufschrift „Tischlerbetrieb, Zimmerei, Restauration“ und wir bestellten Wiener-Würstchen und Kaffee, zum absoluten Unverständnis der Standmitarbeiter. Ich las schon auf Fahrzeugen die Aufschrift „Abbruch, Trockenbau, Restauration“, welch interessante Verbindung. Wenn einer erstmal etwas auf dem Kerbholz hat, sind Schulden aufgelaufen, Untaten werden notiert, bis nichts mehr auf die Kuhhaut geht und was dann, einer zweiten Kuh die Haut abziehen? Soweit muss es ja nicht kommen, redet man nicht auch vom ehrlichen Handwerk? Über die Restauratoren gibt es noch keine Sprichwörter, der Berufsstand ist dafür zu jung und wohl auch zu klein. Eventuell schreiben darüber mal meine Enkel oder Urenkel.

Synergieeffekte

„Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Restaurieren heißt nicht neu machen“, „kulturGUTerhalten“ oder „Die Kunst der Restaurierung“ lauteten Titel von Ausstellungen vor einigen Jahren. Kunst soll angeblich von „können“ kommen und nicht von „wollen“, so sprachen die Lehrer. Denkmalpflege, sagt schon das Wort, hat mit Pflegen zu tun, und das geht nur gemeinsam. Hier kann man mit gutem Gewissen sagen, es klingt einfach, ist aber schwer zu machen. Akzeptanz und Vertrauen in die jeweilige Qualifikation und Erfahrung des anderen sind notwendig. Es muss keine Abgrenzung der Fachgebiete geben, die Übergänge sind fließend, der Restaurator ist im weiteren Sinn auch Gewerbetreibender, da er nicht zu den genau festgelegten Freien Berufen gehört. Die Trennung der Fachgebiete „Wandmalerei“ und „Stein“ im Bereich der Restaurierung allein reicht nicht aus. Wie verhält es sich mit der Restaurierung von Putzen, Putzgestaltungen, Kalk- und Gipsstuckaturen, Stuckmarmor oder Baukeramik? Wo sind diese Materialspezifika einzuordnen, wo sind hierbei die Grenzen zu ziehen? Die Auffächerung ist längst nicht abgeschlossen, sollte aber immer beim Material bleiben. Es zeigt sich, dass auch die Restaurierung nicht ohne die handwerklich geprägten Spezialisierungen auskommen kann. Restaurator ist ein sehr anspruchsvoller Beruf, der zunehmend Akzeptanz in der Gesellschaft findet. Dazu gehört aber auch, wie mir im Münster zu Bad Doberan passiert, dass man auf der Baustelle von interessierten Besuchern angesprochen wird, was man denn da gerade Komisches mache, ob man denn nichts Besseres zu tun hätte, wie man mit dieser Arbeit sein Geld verdienen wolle, ob es für einen vernünftigen Beruf nicht gereicht hätte, oder gar, was man denn verbrochen habe, um zur Strafe diese Arbeit ausführen zu müssen.

Es gehört viel Enthusiasmus und auch uneigennütziges Engagement zum Beruf, das sollte man wissen. Der Beruf ist Berufung und nicht notwendiges Übel zum Broterwerb. Der Konkurrenzkampf wirkt hier leider kontraproduktiv. Es wird gespart, koste es was es wolle, meistens zu Lasten des Denkmals. Nicht nur der Steinmetz kann jemandem einen Stein in den Weg legen. Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung sind heilsam. Oft müssen wir das Miteinander erst wieder erlernen, auch das zwischen Handwerkern, Restauratoren und Künstlern, zum Nutzen aller. Den Stein der Weisen werden wir nicht finden, aber bessere Lösungen zur Erhaltung unserer Denkmale und Denkmäler.