Shangri La

 

Cosima und Klaus Schneider haben das Museo des Italieners Pietro Benzi fotografiert

Wären alle Museen wie das Museo von Pietro Benzi, müssten sich Restauratoren komplett neu erfinden. Denn der italienische Umweltschützer, Glockenreparateur und Sammler Benzi legte keinen Wert auf Retuschen, säurefreie Papiere, hermetisch abgeschlossene Vitrinen. Sein Museo sind Schuppen und Verschläge, die er nur notdürftig gegen Wind und Wetter schützen konnte. Seine Sammlungen – es waren um die 2,7 Millionen Stücke – hat er seit 1965 auf einem 5.000 Quadratmeter großen Gelände im Piemont sorgfältig arrangiert. Da finden sich Antiquitäten neben Nippes und Gerümpel, Wertvolles neben Wertlosem. Für tägliches Staubwischen fehlte ihm die Zeit, er nutzte sie lieber, um weiter zu sammeln und sein Shangri-La zu vervollkommnen. Den Titel Shangri-La borgte er sich bei James Hilton, in dessen 1933 erschienenen Bestseller „Der verlorene Horizont“ das fiktive Bergkloster Shangri-La im Himalaya zum Gegenentwurf zur realen Welt stilisiert wird.

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Das Cover des Buchs. Foto: Cosima und Klaus Schneider / modo Verlag Freiburg, 2015

 

Seinen Besuchern erklärte der 1931 geborene Umweltaktivist Benzi auf einem der vielen selbstgeschriebenen Schilder, die Teil der Inszenierung waren: „Mensch des 2. Jahrtausends – wenn für Dich nur Museen mit Monalisen kulturellen Wert haben, versuche nicht zu verstehen, wieso wir dieses Museum gemacht haben, das von der Arbeit, den Opfern, der Intelligenz und der Kreativität unserer Vorfahren zeugt.“

Das jetzt erschienene Buch „Shangri-La. Das Museum hinter der Brücke“ von Cosima und Klaus Schneider stellt dieses überaus fragile, überaus faszinierende Gesamtkunstwerk in einem 300-seitigen Bildessay und einigen nachdenklichen Texten vor. Das Buch ist ein Plädoyer für das Außer-Ordentliche, das Unangepasste, Privatmythologische. Und beste Werbung für einen Ort, der wohl verschwinden wird. Denn Benzi starb Anfang 2014, seine Frau Rosa musste aus Altersgründen das Anwesen verlassen. „Es besteht die Absicht, den größten Teil der Sammlung zu verkaufen, in Lagerhallen zu deponieren und möglicherweise dort aufzuarbeiten“, schreiben die Autoren. Mit ihrer eindrucksvollen Foto-Dokumentation haben sie eine gute Grundlage für einen teilweisen Wiederaufbau gelegt.

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Eindrücke aus dem Buch „Shangri-La“. Foto: Cosima und Klaus Schneider / modo Verlag Freiburg, 2015
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Foto: Cosima und Klaus Schneider / modo Verlag Freiburg, 2015

 

Sollte es nicht gelingen, Teile dieses Gesamtkunstwerks zu erhalten, wäre dieses Buch nicht nur die Dokumentation eines außergewöhnlichen Ortes. Es wäre ein Requiem für einen Sammler, der einen Ort fern aller Konventionen geschaffen hat, mit dem er den Besuchern neue Welten und neue Sichtweisen zu eröffnen in der Lage war.

Dass zu diesen Sichtweisen der Staub gehört, der sich auf den Arrangements von Alltagsdingen, Antiquitäten, Sperrmüll ablagert, beschreibt der Kunstwissenschaftler Roland Meyer in seinem Text zum Fotoessay so nachdrücklich wie überzeugend: „Das Flüchtige fixieren, ohne ihm eine vernünftige, geordnete Form aufzunötigen – der ebenso behutsame wie radikale Umgang mit den Spuren der Vergangenheit, den Pietro Benzi gepflegt hat, hätte Duchamp wie Bataille wohl gefallen – auch für sie wäre eine Welt ohne Staub keine Utopie, sondern bloß steinernes Abbild kühler Vernunftherrschaft: ein toter Traum. Wo die Träume dagegen lebendig bleiben, hat auch der Staub seinen Platz.“

Sollte das Museo des Pietro Benzi auch einmal komplett verschwunden sein, bleibt immerhin dieses wunderbare Buch, das gleichzeitig als Dokument und Pforte in eine Traumwelt zu verstehen ist.

„Shangri-La. Das Museum hinter der Brücke“, Bildessay von Cosima und Klaus Schneider, 400 Seiten, Modo Verlag Freiburg, 56 Euro. Zur Verlagsseite gelangen Sie hier