08.05.2019

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„Auch Facebook-Seiten, Tweets und Blogs gehören zum digitalen Nachlass eines Autors“

von Martin Miersch
DLA Marbach
DLA Marbach

Sie hat Freude am visionären Denken, gilt als hervorragende Kennerin der Wissenschaftspolitik und hat keine Berührungsängste vor Manga, digitaler Poesie oder vor der sogenannten Unterhaltungsliteratur. Mit Sandra Richter übernimmt erstmals eine Frau das Amt der Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Wo und wie will Sandra Richter neue Akzente setzen?

Zunächst einmal möchte sie, dass sich die altehrwürdige Institution öffnet: für ein neues Publikum, für Jüngere und für Menschen ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund. Sie will dies insbesondere mit neuen Diskussionsformaten und Ausstellungen erreichen. Sandra Richter, geboren 1973, studierte Literaturwissenschaft und Politik, lehrte an Universitäten in London und Paris und ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart. Fellowships und Gastprofessuren führten die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin an zahlreiche Universitäten, u.a. an die École normale supérieure in Paris und die Harvard University; von 2011 bis 2017 war sie Mitglied in der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats.

Als Hochschulprofessorin und Mutter kennt sie die Lesegewohnheiten junger Menschen und weiß wie man junge Leute mit spannenden Themen von Smartphone und Spielkonsole weglocken und wieder für die Literatur begeistern kann. „Ich möchte die altehrwürdige Institution des Literaturarchivs Marbach für ein neues, jüngeres Publikum öffnen. Junge Leute wollen gerade auch die Prozesse, die vor und hinter einer literarischen Veröffentlichung ablaufen, kennenlernen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Studierende sehr wohl für die Aussagekraft von literarischen Original-Manuskripten begeistern können.“ Obwohl das DLA in Marbach keine ausgesprochene Kinderliteratur sammelt, möchte Richter gerade auch Schüler und Schülerinnen ansprechen und mit ihren Ausstellungen „eine Linie, einen besonderen Weg für Kinder legen.“ Deutlich benennt sie die Herausforderungen, vor denen ein Literaturarchiv heute steht. „Vor allem muss es sich noch stärker in die digitale Welt hineinbegeben.“ Zu fragen sei, wie die digitale Revolution unser Leseverhalten verändert hat. „Auch Computerspiele sind eine Form von Literatur.“ Wie bei Romanen geht es auch bei Adventure Games um Spannungsaufbau und die Anlage charakteristischer Figuren. Aber es gibt auch Video-Spiele, die sich an literarischen Vorlagen wie etwa Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ orientieren.

Auch die literarischen Austauschprozesse sollen stärker als zuvor in den Mittelpunkt des DLA rücken. Deutschsprachige Literatur wird im Ausland oft ganz anders wahrgenommen als hierzulande. Wie sie in ihrem Buch „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ erwähnt, war z.B. Salomon Gessners “Tod Abels” von 1758 ein europäischer Bestseller. Gessners Erfolgsrezept war damals dass er den biblischen Stoff mit einer Kriminalgeschichte verband und für sein Buch intensives Marketing betrieb. Heute ist der interessante, einst gefeierte Autor nur noch wenigen Spezialisten bekannt. Dagegen haben vor allem besonders kontrovers diskutierte Bücher wie Goethes „Werther“ die Chance, den dauerhaften Status von Weltliteratur zu erreichen.

Die 45-jährige Literaturprofessorin wird sich auch mit Restaurierungs- und Konservierungsfragen beschäftigen. Ein großes Problem bereiten die Zerfallsprozesse beim Holzschliffpapier ab dem 19. Jahrhundert. Der zunehmende Säuregehalt sorgt für einen rascheren Papierzerfall. In Marbach werden große Anstrengungen unternommen, um diesem Prozess entgegenzuwirken. Die betroffenen Bestände werden Stück für Stück entsäuert und genießen Priorität bei der Digitalisierung. Dennoch ist es zuweilen schwer zu entscheiden, welches Objekt am dringendsten behandelt werden muss. Bei der Archivierung moderner Trägermedien wie Disketten, Tonbänder, Festplatten, PCs ergeben sich andere Probleme. Um den Zugriff auch weiterhin zu gewährleisten, werden hier die Original-Träger einerseits archiviert und deren Information in digitale Archivformate übertragen. Neue Herausforderungen sind zu meistern: Die Nachlässe der Digital natives werden nicht mehr den herkömmlichen Autorennachlässen gleichen. Auch Facebook-Seiten, Tweets und Blogs gehören zum digitalen Nachlass eines Autors.“

Die Wechselausstellungen in Marbach haben zum Teil sehr lange Laufzeiten. Um trotzdem sicherzustellen, dass die Papier-Dokumente nicht durch eine zu hohe Beleuchtungsstärke gefährdet werden, empfiehlt sie, Publikationen während der Laufzeit regelmäßig umzublättern oder durch gleichwertige auszutauschen. Können anstelle empfindlicher Originale nur Repros gezeigt werden, müssen diese als solche gekennzeichnet sein. Die lichttechnische Ausstattung im Deutschen Literaturarchiv und den Museen sei sehr gut. Auch sei darauf zu achten, dass einige auch für Kinder interessante Objekte für diese in Augenhöhe angebracht und betrachtet werden können. Für die Ausstellungen möchte sie bislang wenig genutzte Archivbestände in den Fokus rücken. Hier schlummern noch so einige ungehobene Schätze. Vor allem die Verbindung von Literatur und Film liegt ihr am Herzen. Sandra Richter will sich – was bislang vernachlässigt wurde – insbesondere den reichen Beständen an Filmdrehbüchern widmen. So befindet sich etwa das Original-Drehbuch zum Film „Der blaue Engel“ von Carl Zuckmayer im DLA. Schriftstellerinnen wie Vicki Baum arbeiteten an der Verfilmung ihrer Romane mit. Auch Korrespondenzen, die sich um die Drehbücher herum ergeben hatten, werden in Marbach aufbewahrt. Geplant ist, diese Ausstellung zunächst in Marbach und später an geeignetem Ort in Berlin zu zeigen. In Planung befinden sich darüber hinaus Ausstellungen über „Hegel und seine Freunde“, über das „Schreiben mit der Hand“ und eine Ausstellung mit dem Titel „Lachen. Kabarett“. Die Ausstellung „Tropenkoller“ nach dem gleichnamigen Roman von Frieda von Bülow wird sich kritisch mit deutscher Kolonialliteratur beschäftigen. Eine notwendige Ergänzung wird diese Aufarbeitung eines Kapitels deutscher Literaturgeschichte durch eine Autorentagung mit afrikanischen und deutschen Autoren erfahren. Und ein weiteres Ziel hat Sandra Richter sich gesetzt: „Dichterstimmen würde ich gern intensiver erschließen, denn sie vermitteln Literatur in besonderer Weise.“ Das DLA beherbergt auch ein Tonarchiv und historische Tondokumente veranschaulichen, dass der Vortragsstil, das laute Lesen von literarischen Texten durch die entsprechenden Autoren sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt hat. Man las früher anders, wie etwa archivierte Tondokumente von Hugo von Hofmannsthal oder Arthur Schnitzler beweisen. Bis Dezember 2019 sollen circa 1000 Tonbänder und Tonkassetten des Deutschen Literaturarchivs digitalisiert und u.a. auf dichterlesen.net online gestellt werden.

Der Beitrag erschien in der aktellen Ausgabe der RESTAURO 3/2019, www.restauro.de/shop

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