05.02.2024

Porträts
Pascal Koertel

Pascal Koertel ­­– Preisträger des Kulturförderpreises Straubing 2023

von Julia Korn
Pascal Koertel: We did it for our god: The sun, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: We did it for our god: The sun, 2023. Foto: Pascal Koertel

Pascal Koertel studiert seit 2020 Malerei und Grafik an der Akademie für Bildende Künste in der Klasse von Professor Gregor Hildebrandt. Er ist einer von zwei Preisträgern des Straubinger Kulturförderpreises, der von der Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung für Bildende Kunst vergeben wird. Restauro traf ihn zum Interview.

Der Künstler Pascal Koertel. Foto: Sandro Prodanovic
Der Künstler Pascal Koertel. Foto: Sandro Prodanovic

JMK: Herzlichen Glückwunsch zum Straubinger Kulturpreis! Ist das Preisgeld von 3.000 € schon ausgegeben?

PK: Vielen Dank! Das Geld ist noch nicht ausgegeben, aber verplant. Ich möchte damit eine Serie von drei Arbeiten produzieren, die ich ausschließlich mit Lapislazuli malen möchte. Ich möchte einfach mit diesem tollen Material herumexperimentieren.

Ich habe für mich entdeckt, dass ich Formen und Schatten viel spannender finde, als konkret ausgearbeitete Motive. Eine wichtige Orientierung bieten mir Haute Couture und Haute-Couture-Fotoshootings, weil ich bei diesen insbesondere die Silhouetten spannend finde. Die Arbeiten möchte ich auch großformatig gestalten. 

JMK: Also ein ganz vernünftiges Investment in zukünftige Werke und nicht etwa in Haute Couture beispielsweise?

PK: Nein, ich reinvestiere immer.

JMK: Du hast es schon erwähnt: Du benutzt häufig teure Materialien wie Lapislazuli und stellst deine Farben aus den Pigmenten selbst her. Warum betreibst du einen solchen Aufwand und kaufst nicht einfach fertige Tubenfarben?

PK: Das hat zwei Gründe: Zum einen möchte ich die alten Meister ehren, zum anderen habe ich am Anfang meines Studiums durchaus Tubenfarbe verwendet, war aber mit dem Ergebnis nie zufrieden. Ich bin dann an der Münchner Akademie zu Dr. Kathrin Kinseher, der Leiterin der Studienwerkstatt für Maltechnik gegangen und habe ihr gesagt, dass die Farben nicht die Brillanz haben, die ich mir vorstelle. Die Farben wirkten immer ein wenig „schmutzig“. Sie hat mir dann erklärt, dass sich die Pigmente aus den Tubenfarben zum Teil untereinander nicht vertragen. Ein gutes Beispiel ist Titanweiß, da sind häufig noch andere Stoffe mit drin. Ich möchte jedoch das reine Titanweiß haben. Also mache ich es selbst, um das reine Pigment zu haben. Beigemischte Stoffe verändern für mich immer die Farbe, was mir auffällt und mich stört.

 

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„Ich bin ein Materialfetischist!“

JMK: Du machst ja auch deine Leinwände selbst, das heißt du spannst sie selbst auf einen Keilrahmen. Das ist auch wieder sehr aufwändig, du könntest sie ja auch kaufen.

PK: Ich bin ein Materialfetischist. Vorgefertigte Leinwände haben nicht die Stoffqualität, die ich mir wünsche. Ich benutze einen besonderen Stoff aus Frankreich, der besonders fein, aber dennoch sehr dick ist. Mir ist das auch bei Kleidung sehr wichtig, ich mag festere und dickere Stoffe sehr und hier vereint sich dann auch wieder Fashion und Kunst in meiner Arbeit. Mir ist die Haptik der Leinwände einfach wichtig; sie müssen sich für mich richtig anfühlen. 

JMK: Du erwähnst jetzt die Haptik, eigentlich kennt man es ja so aus den Museen, dass man Kunstwerke nicht anfassen sollte. Kann man die besondere Haptik oder auch die Struktur des Leinwandstoffes denn als Betrachterin oder Betrachter sehen beziehungsweise erkennen? 

PK: Ich lade die Leute schon immer dazu ein, wenn sie Interesse daran haben, wie ich arbeite, dass sie das Werk auch anfassen dürfen. Ich arbeite in meiner Kunst auch viel mit Kupfer oder Porzellan als Trägermaterial und habe ein Verfahren entwickelt, durch das Porzellan weniger brüchig wird. Da finde ich es ganz wichtig, dass die Leute es anfassen können, denn sie sind meist überrascht, wie es sich anfühlt. Ich bin selbst ein sehr haptischer Mensch und mag es bei Bekleidung an Stoffen zu fühlen oder auch wenn ich den Stoff für die Leinwände kaufe. Ich bin da immer sehr touchy. 

JMK: Das kann ich total nachvollziehen, man merkt ja auch die Stoffqualitäten: Seide ist nicht gleich Seide und Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle. 

PK: Genau, und meine Arbeiten übergieße ich ja meist auch noch mit einem Harz oder einem Lack. Da ist es dann nicht so schlimm, wenn es an der Seite mal angefasst wird. Bei meiner Ausstellung in Straubing habe ich zum Beispiel zwei Arbeiten hängen, die sind mit organischem Material gemacht, das wird niemals trocknen. Da habe ich eine ganz dicke Schicht Epoxidharz übergossen und das hat eine total coole Haptik. Die Leute gehen immer ganz nah dran und wenn ich merke, dass die Leute es gerne anfassen wollen, dann gehe ich zu ihnen und sage ihnen, dass sie das auch gerne mal dürfen. Das gehört für mich dazu. Mit meiner Kunst möchte ich verschiedene Sinne bedienen, daher mache ich oft auch Musikinstallationen oder spiele mit Düften. Mir ist es auch wichtig, wie der Raum gestaltet ist, in dem meine Kunst präsentiert wird. Das denke ich immer mit. Ich habe zum Beispiel im Januar letzten Jahres mit einem befreundeten Künstler, Sandro Prodanovic, einen ganzen Raum in 3000 Desinfektionstücher verpackt, die wir aneinandergeklebt, genäht und getackert haben. Mir ist es einfach wichtig, dass man in meine Kunst eintauchen kann und alle Sinne gefragt sind.

JMK: Das ist natürlich auch sehr spannend, dass du mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeitest …

PK: Ich mache Kollaborationen immer sehr gerne. Das habe ich vielleicht auch ein wenig von der Modeindustrie übernommen. Es ist einfach spannend, wenn man sich auf eine andere Künstlerin oder einen anderen Künstler einlässt und dann nicht nur verbal, sondern auch im Arbeitsprozess in den Austausch kommt.

Pas
Pascal Koertel: We Three Kings (the visitor that stays for a day), 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: What did you put in the tatar sauce, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: What did you put in the tatar sauce, 2023. Foto: Pascal Koertel

„Beschäftigt euch mit dem Material!“

JMK: Wie muss ich mir den Arbeitsprozess denn bei dir vorstellen? Du hast gerade schon gesagt, du bespannst die Leinwände selbst, du machst die Farben …

PK: Ich mache eigentlich alles selbst, ich kaufe so gut wie keine fertigen Sachen. Ich bin so materialversessen, dass ich immer wissen will, woraus etwas besteht. Das ist auch ein Rat, den ich den Erstsemesterstudierenden gebe: Beschäftigt euch mit dem Material! Wenn man weiß, was man mit welchem Material machen kann, arbeitet man auch ganz anders. 

JMK: Und wie geht es dann weiter? Bereitest du die Materialien und die Leinwand vor und machst du dann noch Vorstudien? Oder malst du direkt auf die Leinwand?

PK: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal fängt es an mit einer Studie, die kann mir dann aber so gut gefallen, dass ich es dabei belasse. Diese Studie kann aber dann trotzdem noch dazu dienen, ein Gemälde zu machen. Ich widme mich zwar sehr genau dem Untergrund, aber mache tatsächlich sehr selten Vorskizzierungen. Ich male ganz oft frei Hand, denn bei Skizzen habe ich häufig das Gefühl, eingeengt zu sein. Ich mache auch kein Raster auf die Leinwand.

JMK: Ich habe vor kurzem etwas zu einem Maler gelesen, dessen Gemälde genauer mit Röntgenstrahlung untersucht wurde. Da hat man festgestellt, dass er im Werkprozess noch Änderungen vorgenommen hat. Könnte man sowas bei dir auch finden?

PK: Eine gewisse Vorskizze fertige ich auch an, das mache ich aus dem Grund, sie noch innerhalb des Werks dazu zu nutzen, um den Untergrund etwas schmutziger wirken zu lassen. Die Skizzierung mache ich meist mit Graphit oder Kohle, die ich  selbst herstelle. Dafür verbrenne ich Weidenhölzer. Dieses schwarze Pigment verstreiche und verdünne ich dann mit Öl direkt auf der Leinwand. In Kombination mit den leuchtenden Farben, die ich dann auftrage, habe ich eine ganz andere Wirkung.


Inspiration aus Kunst und Mode

JMK: Woher kommen deine Ideen?

PK: Ich komme ganz oft zu Motiven, wenn ich spazieren gehe. Dann sehe ich vielleicht ein Relief oder Fenster, das mir supergut gefällt. Das greife ich dann auf. Aber auch Geschichten, die mir die Leute erzählen.

JMK: Gibt es auch Künstler, die dich beeinflussen? Ich weiß aus deinen Arbeiten, dass häufiger mal das Motiv eines blauen Pferdes auftaucht. Wir sitzen hier in München, da denke ich ganz schnell an Franz Marc und seine blauen Pferde …

PK: Franz Marc hängt damit zusammen, dass ich früher ganz oft mit meiner Oma und meiner Mama in München in den Museen war und da war das Lenbachhaus ganz oft mit dabei. Das „Blaue Pferd I“ hatte ich als Plakat über meinem Bett hängen. Das hat natürlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ansonsten gefallen mir die Arbeiten von Basquiat, das sieht man auch bei meinen Gemälden. Ich habe noch ein paar Lieblingskünstler, von denen die meisten nicht mehr leben, die aber in der Regel keinen Einfluss auf meine Arbeit haben. Da wären zum Beispiel Francis Bacon oder Louise Bourgeois. Ich bin ja kein installativer Künstler, ich mache aktuell reine Flachware, also Malerei. Aber Käfige und Räume finde ich schon sehr spannend, gerade auch das Düstere und Abstruse interessiert mich. Den Input, den ich da bekomme, nehme ich dann durchaus in meinen Werken auf und setze es in der Malerei um.

JMK: Das kann man ja bei deinen Werken auch gut sehen. Das sind durchaus düstere Motive, wie zum Beispiel Totenköpfe.

PK: Vanitasmotive sind auf jeden Fall Teil meiner Werke. Aber auch depressive Gedankenstimmungen kommen vor. Ich habe eine Zeitlang mit Borderlinepatientinnen und -patienten zusammengearbeitet, da entstanden sehr dunkle Arbeiten. Das hat mich dann aber auf Dauer zu sehr belastet, daher habe ich das nicht fortgeführt.

JMK: Du hast auch gesagt, dass du dich an den alten Meistern orientierst, zumindest im Prozess der Materialherstellung.

PK: Da stecke ich mittlerweile ein wenig in einem Konflikt. Früher habe ich sehr gerne Museen wie den Louvre oder auch die Alte Pinakothek hier in München besucht, aber momentan kann ich die dort ausgestellten Werk nicht mehr so sehen. Ich habe mich daran gewissermaßen „satt“ gesehen. Aber ihr Handwerk beeindruckt mich. Die haben alles noch selbst gemacht, weil es zum Beispiel Tubenfarben noch gar nicht gab. Diese Hingabe finde ich beeindruckend. Den Aufwand betreiben ja heute viele Künstler nicht mehr. Wenn man aber einmal anfängt, die Materialien selbst zu machen, dann möchte man gar nichts anderes mehr benutzen.

JMK: An was arbeitest du gerade, was beschäftigt dich? 

PK: Momentan bereite ich eine Ausstellung in Paris vor, im Marais. Das freut mich sehr, denn ich mag dieses Viertel von Paris sehr gerne, es gehört zu meinen Lieblingsvierteln. Die nächste Arbeit an Gemälde ist dann meine Ehrerbietung an die Haute Couture, über die wir anfangs sprachen. Insbesondere der Designer Martin Margiela dient mir da als Inspiration. Seine dekonstruierten Entwürfe finde ich superspannend. Die extravaganten Formen, die er geschaffen hat, beeinflussen mich. Das Spiel mit Formen interessiert mich besonders, denn so können die Betrachtenden ihre eigenen Geschichten zum Werk entwickeln. Das war mir auch in der Straubinger Ausstellung wichtig, daher auch der Titel „Somewhere between them and us“. Mich fasziniert der Raum zwischen dem Kunstwerk und den Betrachtenden, der sich dann öffnet, der ist ja erstmal leer. Du als Betrachterin kannst ihn dann füllen mit deinen Emotionen, deinen Wahrnehmungen, deinen Erinnerungen und kommst dann vielleicht auch ins Träumen. Mir geht das bei Arbeiten von Chagall so, die catchen mich immer. Ein paar Sachen von ihm klingen dann auch in meiner Kunst an.

JMK: Was sind deine kommenden Ausstellungen? Wo kann ich dich noch sehen, außer in Straubing und Paris?

PK: Wahrscheinlich gibt es noch eine Ausstellung in Mailand, im Mai haben wir von der Akademie der bildenden Künste noch eine Klassenausstellung hier in München.

JMK: Abschließende Frage: Hast du einen Ausstellungstipp?

PK: Die Kafka-Ausstellung in der Villa Stuck auf jeden Fall. Die geht nicht mehr lange, aber die ist sehr gut. Dann möchte ich die Mark-Rothko-Ausstellung in Paris in der Fondation Louis Vuitton sehen. In der Tate London, die Expressionistenausstellung mit den Ausleihen des Lenbachhauses und dann in München in der Kunsthalle die Ausstellung über die Designer Viktor & Rolf. Da gibt es auch noch viel mehr, ich habe da eine ganze Liste.

Pascal Koertel: We did it for our god: The sun, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: We did it for our god: The sun, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: Mr. Gorbatschow tear down this wall, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: Mr. Gorbatschow tear down this wall, 2023. Foto: Pascal Koertel

Ausstellungen (Auswahl)

2024 

„Somewhere Between Them And Us“ (Straubing)

 

2023

“MEIN TRÜBES WASSER WURDE KLAR“ (Berlin)

„daslebendegefühl“ (München)

„Getreidegasse 24“ (Salzburg)

 

2022

„MINDS ARE MAGNETS“ (New York)

Pascal Koertel: What's for dinner?, 2023. Foto: Pascal Koertel
Pascal Koertel: What's for dinner?, 2023. Foto: Pascal Koertel
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