Nicht nur das große Format war eine große Herausforderung

Der Naumburger Dom besitzt eine bedeutende Gruppe großformatiger illuminierter Chorbücher aus dem späten Mittelalter. Acht davon wurden am CICS, Technische Hochschule Köln detailliert dokumentiert und untersucht

Trockenreinigung eines Großformates: Die Restauratorin Annegret Seger arbeitet mit „langem Arm“ an der Hs. VIII
Trockenreinigung eines Großformates: Die Restauratorin Annegret Seger arbeitet mit „langem Arm“ an der Hs. VIII

 

Acht Chorbücher wurden am CICS, Technische Hochschule Köln im Zuge einer Kooperation mit den Vereinigten Domstiftern Naumburg in einem von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) geförderten Projektes detailliert dokumentiert und untersucht. Band VIII wurde modellhaft restauriert, um eine belastbare Kostenkalkulation für die anderen sieben Bände zu ermöglichen. Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen sollten den Schadensverlauf ermitteln und zukünftige Schadenspotenziale aufzeigen. Diese sollen dann in einem Monitoring über die nächsten Jahre hinweg beobachtet werden, um die Notwendigkeit weiterer konservatorischer Maßnahmen abzuschätzen und diese planen zu können.

Restaurierung – Monitoring – Dokumentation

Die Dokumentation wurde von zwei Studentengruppen mit jeweils vier Studenten durchgeführt. Sie be- inhaltete die fotografische Dokumentation (Makro sowie bei Bedarf Details) und einem eigens hierfür entwickelten Excel-Formular. Die Größe und das Gewicht stellte die größte Herausforderung beim Handling dar. Die Chorbücher sind ca. 81 x 63 cm groß, zwischen 8 und 15 cm dick und wiegen je zwi- schen 30 und 40 kg. Die Bearbeitung dieser Formate war teilweise nur durch drei Personen gleichzeitig zu schaffen, vor allem, wenn es hieß, die schweren Bücher zu bewegen. Daher musste allein für die Fo- tografie ein spezielles System entwickelt werden, indem ein Buch auf eine selbst gebaute Buchwiege auf den Boden gelegt wurde und der Fotoapparat durch Stative darüber bewegt wurde. Hier war hilfreich, dass moderne Profikameras per WLAN ausgelöst werden und die Bilder gleich auf einen Laptop transferiert und kontrolliert werden können. Hierdurch war es dann auch möglich, Band VIII (Naumburg Dom, Hs. 8) zu dokumentieren, dessen Einband so stark beschädigt war, dass der schwere Holzdeckel (mehr als 1 kg) nicht völlig geöffnet und auch nicht geschlossen werden konnte. Mittels Makroobjektiv konnten Detailaufnahmen gemacht werden; ein Arbeiten mit einem Mikroskop war dagegen kaum möglich. Die Fotos wurden im Repetiermodus aus der Hand geschossen (Canon 80D) und abschließend die schärfste Aufnahme ausgesucht.

Die Registerkarten des Excelformulars gliedern die Schäden in folgende Bereiche: Schäden an Blättern (zum Beispiel Fehlstellen), Schäden auf der Seite (zum Beispiel Verschmutzung), Schäden der Schrift (v. a. Tintenschäden), Schäden der Malerei. Als einzelne Schadenstypen wurden erfasst und kategorisiert: Verwellungen, Knicke, Löcher, Risse, Verformungen, Verhornung, Schrumpfen, Perforierung, Schmutz, Fingerschmutz, Tintenfraß, Abpulvern von Malschichten. Die Auswertung erfolgte in drei Schadensklassen: In die erste Kategorie fallen Schäden, die die Handschrift unmittelbar gefährden und die schnellstens behoben werden sollten. In die zweite Kategorie fallen die Schäden, die zwar in Zukunft weitere Schäden verursachen können, aber auch noch später behoben werden könnten, und die dritte Kategorie bezeichnete geringe Schäden, die als solche keine weitere Behandlung erfordern. Hierbei handelt es sich vornehmlich um Alterungs- und Nutzungsspuren, die eine gewisse ästhetische Beeinträchtigung hervorrufen, zugleich aber wertvolle Zeugen der Nutzungsgeschichte sind und damit schon aus ethischen Gründen nicht behandelt werden sollten.

Das Projekt wurde aus Mitteln des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen des Bündnisses Kunst auf Lager finanziert.

 

Lesen Sie mehr in der aktuellen RESTAURO 3/2018, die sich speziell dem Thema Papierrestaurierung widmet.

 

Zum Autor: Prof. Dr. Robert Fuchs leitete von 2009 bis 2015 das CICS Institut für Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft an der Fachhochschule Köln. Robert Fuchs ist Mitglied verschiedener naturwissenschaftlicher und restauratorischer Verbände, Sprecher und Mitglied des NRW- Forschungsschwerpunktes „Baudenkmalpflege und Restaurierung“, stellvertretender Schriftführer des „Arbeitskreises Analytik“ an der Fachhochschule Köln und Vorstand der Arbeitsgruppe „Antike Pigmente“, die sich der Übersetzung antiker Farbrezepttexte von Theophrast bis Heraklius beschäftigt. Zudem ist Robert Fuchs Mitglied verschiedener Beiräte: seit dem Brand (2004) der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar im Beirat der Bibliothek, seit dem Zusammensturz des Historischen Archivs der Stadt Köln (2009) im Beirat des Archives und seit 2010 Mitglied im Kuratorium „Stiftung Stadtgedächtnis“ der Stadt Köln.