NICAS: Ein Plus für den Schutz des Kulturerbes

Restaurator-, Kunsthistoriker- und Naturwissenschaftler:innen erforschen im Amsterdamer Netherlands Institute for Conservation+Art+Science+ (NICAS) gemeinsam, wie Materialität und Bedeutung von Objekten zusammenhängen

„Wir sehen plötzlich Dinge, die wir nie zuvor gesehen haben”, sagt Robert van Langh. Er ist der Leiter des Netherlands Institute for Conservation+Art+Science+ (NICAS) in Amsterdam. So zum Beispiel im Verkündigungsgemälde Maarten van Heemskercks, das Maria in einem gelb-gräulichen Gewand zeigt. Das gab der Fachwelt Rätsel auf, da der Muttergottes in der christlichen Ikonographie die Farbe Blau zugschrieben wird. Eine Materialprobe belegte, dass der Maler aus blau gefärbtem Glas gewonnene Malz-Pigmente genutzt hatte. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sich das ursprüngliche Tiefblau verfärbt. Für die Kunstgeschichte war das des Rätsels Lösung und für die Restaurator:innen des Frans Hals Museums ein wichtiger Anhaltspunkt für die Behandlung des Gemäldes. Anfang 2018 rückte Johannes Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring” (Mauritshuis, Den Haag) in den Fokus der NICAS-Wissenschaftler (Leitung Prof. Dr. Erma Hermens, Rijksmuseum, University of Amsterdam). Eine frühere Untersuchung
wurde bereits 1994 durchgeführt, doch nun standen den Expert:innen eine Reihe neuer Bildgebungsverfahren zur Verfügung. Diese reichten von der multispektralen Infrarot-Reflektographie über die Digitale 3D-Mikroskopie bis hin zur makroskopischen Röntgenpulverbeugung (MA-XRPD). Außerdem untersuchten die Wissenschaftler:innen mithilfe einer mikroskopischen, organischen und anorganischen Analyse erneut die früher entnommenen Proben. In den letzten sechszehn Jahren hatte sich die Berechnungs- und Datenwissenschaft rasant weiterentwickelt: Die Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungstechniken konnten nun gemeinsam registriert, verglichen und somit neue Ergebnisse generiert werden.

NICAS: Weltweit einmaliges Konzept

Dass das NICAS Unsichtbares sichtbar machen kann, liegt vor allem an der wegweisenden Zusammensetzung der Fakultät: Forschende der Disziplinen Konservierung und (Kunst-)geschichte arbeiten kontinuierlich Seite an Seite mit Physiker- und Informatiker:innen. „Die Kooperation von Restaurator- und Geisteswissenschaftler:innen mit Hard core-Wissenschaftlern ist zwar nicht neu, geschah jedoch bisher nur auf Projekt-Basis“, erläutert van Langh das weltweit einmalige Konzept. Bereits in den 1990er Jahren hatte die niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung (NOW) Pionierprogramme gestartet, in denen Museen und Wissenschaftsinstitutionen gemeinsam zu Fragen der Konservierung forschten. Im neuen Jahrtausend folgte das Programm Science4Arts, ein Zusammenschluss der NWO mit dem SciArt-Programm der National Science Foundation in den USA.

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NICAS arbeitet eng mit der Forensik, der Industrie und großen Forschungseinrichtungen zusammen

Um die diversen erfolgreichen Initiativen der vergangenen Dekaden auf ein institutionelles Fundament zu stellen, wurde 2015 das NICAS gegründet. Hauptpartner des Instituts sind die Abteilung für Physikalische Wissenschaften der NWO, das Rijksmuseum (RM), die Agentur für kulturelles Erbe der Niederlande (RCE), die Fakultäten für Geistes- und Naturwissenschaften der Universität Amsterdam (UvA) und die Technische Universität Delft (TU Delft). Wissenschaftler:innen und diejenigen, die von dem Wissen profitieren, arbeiten intensiv zusammen. „Das gilt sowohl, wenn es darum geht, Herausforderungen und Forschungsfragen zu artikulieren, als auch darum, die Ergebnisse zu verbreiten und anzuwenden“, erläutert der Institutsleiter. Ziel sei es, die multidisziplinäre und multisektorale Zusammenarbeit zu vertiefen, so van Langh. Das NICAS arbeitet daher eng mit der Forensik, der Industrie und großen Forschungseinrichtungen zusammen. 

5 Abteilungen im NICAS

Das NICAS untergliedert sich in fünf Abteilungen: technische Kunstgeschichte, Materialdynamik, Konservierung, Diagnose und Datenwissenschaften. Sie alle tragen ein „+“ hinter dem Fachbereichsnamen, womit der Anspruch des Instituts unmissverständlich zum Ausdruck kommt: Die Grenzen der Konservierungswissenschaften weit auszudehnen. Leiterin des Bereichs der technischen Kunstgeschichte+ ist die Professorin Erma Hermens vom Rijksmuseum. Ihre Abteilung befasst sich mit Kunstwerken als physische Objekte. Untersuchungsgegenstand sind die diversen Facetten der künstlerischen Praxis – Techniken, Produktionsprozesse und Materialien. Hermens Team zeichnet die materielle Biographie eines Objekts nach – von der künstlerischen Idee bis zu seinem gegenwärtigen Zustand. Besonders die Wechselwirkung zwischen künstlerischen Ideen, technischen Innovationen und stilistischen Entwicklungen sind für sie von Interesse. Daneben aber auch die Frage, woher und wohin die Macher, Techniken und Materialien sich bewegten, welche Einflüsse sie auf dem Weg aufnahmen oder
ausübten. „Kombiniert mit Methoden der Digital Humanities kommen wir so zu einem besseren Verständnis von Trends, Mustern und Transformationen in der Geschichte der Kunstproduktion“, erklärt Hermens. 

Statische Daten über die materielle Zusammensetzung von Objekten

Die Abteilung Materialdynamik+ leiten Maarten van Bommel und Noushine Shahidzadeh, beide von der Universität Amsterdam. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind das Verständnis und die Vorhersage der langfristigen materiellen Veränderung von Kulturgut. „Wir erkunden, wie physikalische und chemische Veränderungen, die das bloße Auge nicht erkennt, visuelle Veränderungen beeinflussen“, so van Bommel und Shahidzadeh. Ihr Ziel ist es, statische Daten über die materielle Zusammensetzung von Objekten in ein Verständnis dynamischer Prozesse zu übersetzen – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Den Bereich der Konservierung+ leiten Ella Hendriks von der Universität Amsterdam und Tatja Scholte vom RCE. Sie arbeiten an neuen Methoden und Instrumenten, mit denen Objekte weniger invasiv und möglichst reversibel behandelt, geschützt und präsentiert werden können. 

Konservierungsforschung und Data Sciences

Zudem entwickeln sie neue Konservierungsmethoden und -theorien, die den Übergang von einer erfahrungs- zu einer wissensbasierten Konservierungspraxis markieren. Dabei streben sie vor allem die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Disziplinen an, die in der Konservierungsforschung bis vor kurzem keine bedeutende Rolle gespielt haben, etwa mit den Data Sciences. Da in Forschungsprojekten riesige, oft heterogene Datenmengen anfallen, ist die Datenwissenschaft ein wesentlicher Bestandteil der modernen Kulturerbe-Forschung. Für den Bereich der Datenwissenschaft+ ist Rob Erdmann zuständig. Seit 2014 ist der Amerikaner Senior Scientist am Rijksmuseum und Professor für Konservierungswissenschaften an der Universität Amsterdam. Schwerpunktmäßig forscht der Erfinder der Visualisierungstechnik „Curtain Viewer“ zur automatisierten Leinwandanalyse von Tafelbildern. Für seine Arbeit am Bosch Research and Conservation Project erhielt er den renommierten Europa Nostra Award. Auch Erdmanns Forschungsbereich am NICAS umfasst neuartige Techniken zur Datenerfassung, Datenfusion, Analyse, Simulation und Visualisierung. Mithilfe der Data Science lassen sich gleichermaßen riesige Datenmengen aus der Analyse einzelner Objekte verarbeiten, wie auch große Datensätze mit mehreren Objekten analysieren.