Neue Lösungen für zerstörtes Kulturgut

 

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts und Wissenschaftler des „Moses-Mendelssohn-Zentrums für deutsch-jüdische Studien“ in Potsdam haben eine langjährige Zusammenarbeit vereinbart.

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Foto: Fraunhofer IPK

Produktentwicklung, Produktionsprozesse, Wiederverwertung von Produkten, Management von Fabrikbetrieben – die Selbstbeschreibung der Interessen und Aufgaben des „Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik“ (IPK) klingt nicht unbedingt nach direkter Nähe zu Museen und kulturellen Einrichtungen. Doch seit das Fraunhofer IPK ein System zur automatisierten virtuellen Rekonstruktion der geschredderten und zerrissenen Stasi-Unterlagen entwickelt hat, werden die Beziehungen zu Kulturinstitutionen immer enger. Gemeinsam mit dem Ägyptischen Museum in Berlin sollen – ähnlich wie bei den Stasiakten – Papyri rekonstruiert werden. In Zusammenarbeit mit dem Vorderasiatischen Museum in Berlin wird das digitale Puzzleverfahren auf dreidimensionale Objekte – fragmentierte babylonische Keilschrifttafeln – übertragen.

 

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Foto: Fraunhofer IPK

Jetzt haben das „Moses Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien“ in Potsdam und das Fraunhofer IPK neun erste Projekte zur Bewahrung zerstörten oder beschädigten Kulturguts vereinbart. „Unsere Erfolge bei der virtuellen Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Unterlagen bilden den Grundstock für die Projekte, die sich mit zerstörten oder beschädigten Archiven befassen und Dokumente durch Digitalisierung weltweit verfügbar machen. Unsere zahlreichen anderen, meist für industrielle Anwendungen entwickelten Technologien bei der Bewahrung des kulturellen jüdischen Erbes anzuwenden, stellt uns Ingenieure vor ganz besondere, spannende Herausforderungen“, sagt Bertram Nickolay, Leiter der Abteilung Sicherheitstechnik am Fraunhofer IPK. Zu den vereinbarten Projekten gehört beispielsweise die „Digitalisierung und Katalogisierung der Bibliothek der deutschsprachigen Prager Literatur“, die „Weiterentwicklung des Fraunhofer Kunstfahndungssystems zur mobilen Provenienzrecherche“ und eine „Nutzung der Mustererkennungstechnologie zur automatisierten Fahndung nach rechtsextremistischen und antisemitischen Symbolen in digitalen Welten“. Diese und sechs weitere Vorhaben werden in den nächsten Jahren Gegenstand der Zusammenarbeit zwischen dem Mendelssohn Zentrum und den Ingenieuren des Fraunhofer-Instituts sein. „Wir beginnen jetzt Drittmittel einzuwerben“, sagt Elke-Vera Kotowski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum.

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Foto: Fraunhofer IPK

Für ein Projekt steht der Zeitplan bereits. „Mitte nächsten Jahres werden die Anträge auf Fördermittel fertig sein“, so Kotowski. Sie rechnet 2016 mit dem Beginn der ersten Zusammenarbeit zum „Wiederlesbar-Machen unkenntlicher Grabinschriften auf jüdischen Friedhöfen“. Einige jüdische Friedhöfe mit stark verwitterten Grabsteinen sind bereits ausgewählt. Man arbeite mit Prag, Vilnius und Halberstadt zusammen, sagt Kotowski.
Von einer Technik zum Wiederlesbar-Machen verwitterter Grabinschriften können viele Forschungen profitieren. Zum Beispiel auch ein Hamburger Projekt, das die Verlegung eines jüdischen Friedhofs während der Nazizeit erforschte. Das Denkmalschutzamt der Kulturbehörde Hamburg hat dazu 2013 ein Buch herausgegeben. Der mehr als 500 Seiten starke Band „Der Grindel-Ersatzfriedhof auf dem jüdischen Friedhof Ohlsdorf-Ilandkoppel“ (Verlag Hanseatischer Merkur, € 34,80) erzählt die Geschichte eines jüdischen Friedhofs in Hamburg, der 1937 geräumt werden musste. Das Umbetten der Toten bedeutete für die jüdische Gemeinde nicht nur eine enorme finanzielle Belastung, sondern auch eine religiöse Unmöglichkeit. Denn nach jüdischer Lehre ist ein Grab für die Ewigkeit. Neben einer historischen Einordnung und Aufarbeitung aller Fakten und einer kulturhistorischen Bewertung der neuen und bis heute erhaltenen Friedhofsanlage auf dem so genannten Grindel-Ersatzfriedhof enthält das Buch vor allem eine komplette Dokumentation aller translozierten Grabsteine mit Fotos, Kommentaren und Übersetzungen der Inschriften. Dabei gibt es diverse Fehlstellen, denn auch die Hamburger Steine sind teilweise verwittert.