Großbrand in Moskau

 

Nikolaus-Katzer-Portrait
Nikolaus Katzer, Direktor des DHI, Foto: Olga Matveeva / DHI Moskau

 

„Das Institut ist in seinem Bestand akut gefährdet“

Ende Januar zerstörte ein Großbrand das Gebäude des Akademischen Instituts für Wissenschaftliche Informationen über Sozialwissenschaften (INION) in Moskau. Das Deutsche Historische Institut Moskau (DHI) war seit zehn Jahren im Gebäude des INION untergebracht. Seine Spezialbibliothek beherbergte vor allem Literatur zur deutschen, russischen sowie europäischen Geschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart sowie zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Nikolaus Katzer, Direktor des DHI, spricht über Schäden, das weitere Vorgehen und über eine Perspektive des kleinen deutschen Forschungsinstituts mit 17 Mitarbeitern in der russischen Hauptstadt.

Retuschierter Zustand INION
Retuschierter Zustand des INION, Foto: www.inion.ru

 

Herr Katzer, wie stark wurde ihr Institut in Mitleidenschaft gezogen? Wie groß sind die Schäden? 

Nikolaus Katzer: Der Großbrand in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar hat das Deutsche Historische Institut, die Repräsentanz der Max Weber Stiftung in Moskau, stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Gebäudeteil, in dem die drei Teilbereiche des Instituts untergebracht waren, ist zwar nicht unmittelbar von den Flammen erfasst worden, doch schädigten Löschwasser, Schnee, Ruß und Rauch massiv die Einrichtung. Die Bibliothek umfasste zum Zeitpunkt des Geschehens etwa 35.000 Einheiten. Sie wurden allesamt in Mitleidenschaft gezogen. Ein nur ungefähr zu schätzender Teil, der in einem Lagerraum untergebracht war und noch hätte eingearbeitet werden sollen, ist unter dem einstürzenden Dach begraben worden und unwiederbringlich verloren.

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Das INION im derzeitigen Zustand: Von der oberen Etage des betroffenen Flügels wurde weitgehend alles abgetragen - bis auf den Eckteil rechts, in dem sich die Bibliothek des DHI befand. Foto: Nikolaus Katzer

 

Wo ist der Bestand der Bibliothek heute untergebracht, und wie geht man mit den beschädigten Exemplaren um? 

Katzer: Sobald die Mitarbeiter das Restgebäude betreten durften, begann die Evakuierung der Bibliothek mit vereinten Kräften – in Schutzanzügen, mit Atemmasken und Helmen. So wurde sichergestellt, dass wertvolle Zeit nicht verlorenging. Eine Spedition brachte die Bestände der Bibliothek in ein nahegelegenes Archiv, das glücklicherweise über eine moderne Trocknungsanlage verfügt. Nach einer kurzfristigen Frostlagerung wurde umgehend mit dem Trocknungsverfahren begonnen. Eine Mitarbeiterin der Bibliothek ist stets anwesend, begleitet und beaufsichtigt die Arbeiten. Die Restaurierungsarbeiten werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Anschließend müssen die Bände einzeln in Handarbeit vom Ruß befreit werden. Besonders schwer geschädigte Bestände sollen nach Möglichkeit neu beschafft werden.

Bekommen Sie viele Hilfsangebote?

Katzer: Die Anteilnahme an der Katastrophe war überwältigend. Aus Universitäten, Instituten der Akademie der Wissenschaften, russischen und deutschen Einrichtungen gingen Hilfsangebote ein. Aus dem In- und Ausland gingen Schreiben ein, die den schweren Verlust bedauerten. Spenden, Kontingente von Zeitschriften und Büchern wurden angeboten. Auf einige dieser Offerten wird das Institut gern zurückkommen, wenn die Sicherung des noch Erhaltenen abgeschlossen sein wird. Dann nämlich, wenn der Umzug in neue Räume ansteht. Zunächst ging es darum, beherzt die Bergungsarbeiten selbst in die Hand zu nehmen. In den russischen Printmedien und im Fernsehen wurde das DHI Moskau eher beiläufig oder gar nicht erwähnt.

INION-Moskau-Innenaufnahme
Ein Blick in das Innere des DHI nach der Brandkatastrophe, Foto: Nikolaus Katzer

 

Wie geht es weiter?

Katzer: Das DHI Moskau versucht, unter den schwierigen Rahmenbedingungen seinen Betrieb soweit wie möglich aufrechtzuerhalten. Für den Außenkontakt konnte der E-Mail-Verkehr schon nach wenigen Tagen wiederaufgenommen werden. Inzwischen sind zwei kleine Wohnungen angemietet worden. Ein Festnetz-Telefon wird eingerichtet, die Webseite ist abrufbar. Die Büros werden gerade für die Verwaltung, den technischen Betrieb und die organisatorische Tätigkeit hergerichtet. Einige wenige Arbeitsplätze für die Wissenschaftlichen Mitarbeiter sind ebenfalls vorgesehen. Die Veranstaltungen – Konferenzen, Kolloquien, Vorträge oder Stipendiaten-Tage – werden an wechselnden Orten in der Stadt durchgeführt. Wir können auf die Gastfreundschaft der Universitäten oder einzelner Akademie-Institute zählen. Wie lange dieses Provisorium anhalten wird, ist offen. Dies hängt maßgeblich davon ab, wann dem Institut eine mittelfristige Akkreditierung durch die russischen Behörden gewährt wird. Nur dann sind hohe Investitionen in eine neue Bleibe gerechtfertigt. Immerhin ist außer der Bibliothek nahezu die gesamte Ausstattung des DHI verlorengegangen. Vieles war durch Wasser und Ruß geschädigt. Selbst in Auftrag gegebene Untersuchungen ergaben zunächst erhöhte toxische Belastungen, die auch durch aufwendige Reinigung nicht zweifelsfrei zu beseitigen waren. Erst nach dem Umzug in ein anderes Gebäude wird die Bibliothek wieder aufgestellt werden können.

Wo findet das Institut eine neue Bleibe?

Katzer: Ein Zurück in das Gebäude des INION wird es für das DHI Moskau leider nicht geben. Einerseits sind die Schäden so gravierend, dass eine erneute Nutzung als Mieter ausgeschlossen ist. Andererseits ist die Frage ungeklärt, ob das Gebäude tatsächlich wiederaufgebaut werden wird. Die Nachrichten darüber sind widersprüchlich. Sie reichen von einem erweiterten Wiederaufbau der wissenschaftlichen Einrichtung bis hin zu einem Abriss und der Umwidmung in ein kommerzielles Baugelände. In jedem Fall kann das DHI nicht warten, bis dieser Findungsprozess abgeschlossen sein wird. Dies ist deshalb besonders schmerzlich, weil erst im vergangenen Herbst die Fläche des Instituts verdoppelt werden konnte und ein Ausbau mit eigenen Mitteln abgeschlossen wurde.

Einige Angebote für eine neue Niederlassung liegen bereits vor, müssen aber zu gegebener Zeit noch genauer geprüft werden. Die aktuelle Akkreditierung läuft im Herbst dieses Jahres aus. Insofern hat sich durch den Brand die Lage des Instituts auch in rechtlicher Hinsicht zugespitzt. Es ist in seinem Bestand akut gefährdet. Noch will niemand an diesen schlimmsten Fall denken. Vielen ist kaum vorstellbar, was wäre, wenn das DHI nach zehn Jahren seines Bestehens als Forum für den deutsch-russischen wissenschaftlichen Dialog, als Stätte der interdisziplinären Begegnung und des freien Austauschs ausfiele.

Das Interview führte Alexandra Nyseth.

 

Mehr zu den Hintergründen lesen Sie in der RESTAURO 03/15