Betoninstandsetzung

 

Der Untertitel der Tagung zur Betoninstandsetzung verweist auf die Programmatik: „ – keine oberflächliche Angelegenheit “, denn bei den Instandsetzungsmaßnahmen an denkmalgeschützten Stahlbetonbauten rückt zwar die charakteristische Betonästhetik in den Vordergrund – da aber Oberfläche und Baustoff aus einem Guss bestehen, gilt es, sich auch für die Eigenschaften und die Alterung des Baustoffs zu interessieren.

Die durchweg gut organisierte Veranstaltung fand am 27.2.2015 im Fortbildungs- und Beratungszentrum für Denkmalpflege, im Bauarchiv des BlfD im ehemaligen Kloster Thierhaupten statt und zeigte mit 119 Teilnehmern das große Interesse am oben genannten Thema. Das Bauarchiv arbeitet fachübergreifend „als Schnittstelle zwischen denkmalpflegerischer Forschung und Praxis“, wobei Materialkunde, Bautechnik und historische Konstruktionsweisen im Mittelpunkt der Arbeit stehen.

Zu Beginn rätselte die Eingangsvortragende und Referatsleiterin vom Bauarchiv Thierhaupten, Julia Ludwar mit Blick in den Vortragssaal, ob Betonrestaurieren eine männliche Domäne sei?  Doch mit der Frauenquote von 3:2 bei den Vortragenden war der Frauenanteil am Gesamtergebnis sichtlich aufgewertet .

Nicht nur im Bauarchiv Thierhaupten bildet das Thema Instandsetzung von Sichtbetonoberflächen einen Schwerpunkt. Die typischen Nachkriegsbetonbauten gehören zu den nachwachsenden Denkmälern; für deren immer mehr anstehende Restaurierungsmaßnahmen gilt es, technologiebezogene Vorarbeit zu leisten.

Schwebeseilbahn-Bad Reichenhall-Historisch
Die höchste Stahlbetonstütze der Predigtstuhl-Schwebeseilbahn in Bad Reichenhall in einer historischen Aufnahme, Foto: Archiv W. Conrad

Wenn zur Tagung vorwiegend von Objekten der 1950er, 1960er und 1970er Jahre die Rede war, so gehören auch noch ältere, z. B. zwei altbayerisch besetzte Kulturgutobjekte dazu, das siebenstöckige Mälzereigebäude im Klosterbrauhaus Andechs (1906) oder die einzigartigen Stahlbetonstützen der Predigtstuhl-Schwebeseilbahn in Bad Reichenhall (1928).

Schwebeseilbahn-Bad Reichenhall-Nachher
Ausbesserungsarbeiten an der äußeren Betonsschale der Seilbahn im Sommer 2008, Foto: W. Conrad

 

Am bekanntesten sind aber die ungeliebten Betonbauten in den Großstätten, wie beispielhaft genannt das Münchner GALERIA-Kaufhofgebäude (1965–1972) am Marienplatz, die große Münchner Wohnanlage in der Soxhletstraße (1975), die Nürnberger Norishalle (1965–1967), das Theater in Ingolstadt (der polygonale Sichtbetonbau erhielt nach der Fertigstellung 1967 den ersten BDA-Preis Bayerns) oder die Augsburger Kongresshalle (1972).

Letztere bildet zusammen mit dem Hotelturm eine städtebauliche Gesamtheit aus dem Beginn der 1970er Jahre in Augsburg, das heute als Architekturensemble unter Denkmalschutz steht, aber auf modernem Stand saniert ist. Das Sichtbetongebäude wird mit einem besonderen Beleuchtungskonzept nachts so in Szene gesetzt, dass die Gegensätze zwischen Sichtbeton und weichen Formen, Emotionen und schnörkellosem Gebäude, Natur und geradliniger Architektur eine einmalige und aufregende Kulisse bilden.

Ein weiterer sehr bekannter Betonbau ist das Rathaus in Bensberg, welches inzwischen zur Ikone des modernen Baues mit seiner freien Architekturform in Beton und Glas geworden ist. Dort gelang es von 1964–1969, mit den Sichtbetonflächen im harmonischen Farbkontext eine Verbindung zu den Altbauten der Burganlage zu schaffen.

Diese und andere artgleichen Bauten haben zu einer Deklaration dieses Architekturstils zum Begriff des Brutalismus geführt. Mit dem Leitspruch „Denkmale sind nicht immer Schönmale“ räumte Dr. Bernd Vollmar vom BlfD ein, dass die Betonbauten nicht immer den gängigen Schönheitsvorstellungen bzw. -idealen entsprechen und fortgesetzt kontrovers diskutiert werden. Inzwischen soll es aber auch ortsbezogene Akzeptanz für die ungeliebten Objekte geben, wie z. B.  durch schöne Erinnerungen an berauschende Konzerte mit Udo Jürgens oder Roy Black in der Stadthalle von Augsburg.

Die Baustoffindustrie hat sich das Problem der Betonrestaurierung seit den 1980er Jahren angenommen: Die ZTV-Ing gilt in Deutschland für alle Betoninstandsetzungen, dabei ist immer ein Oberflächenegalisierungsmörtel bzw. Spachtel für die nachfolgende gleichmäßige Applikation der abschließenden Farbbeschichtung vorgegeben, um eine CO2  dichte Oberflächenabsperrung zu erreichen.

Wie die Gebietsreferentin für Bau- und Kunstdenkmalpflege, Elke Hamacher ausführte, kann man abhängig vom Alter und der Betonqualität davon ausgehen, dass die Carbonatisierung des Betons nach einer gewissen Zeit abgeschlossen ist, deshalb seien bei guten alten Betonqualitäten CO2 dichte Beschichtungen nicht immer nötig, was aber im Vorfeld durch unterschiedliche Überprüfungsmethoden festgestellt werden muss. Dabei kann auch gefunden werden, dass die Alkalität des Betons als Schutzmedium gegen das Korrodieren der Eisenbewehrung  aufgehoben ist, aber neue Korrosion kann nur durch Zutritt neuer Feuchtigkeit entstehen, deshalb gilt auch hier die alte Regel “Wasserschutz = Denkmalschutz“.

So sind einige denkmalgeschützte Objekte mit Hydrophobierungen behandelt worden, abschließend mit Betonlasuren: zuerst partiell für die Ausbesserungsstellen und dann ganzflächig, um eine vereinheitlichende Oberflächenqualität anzustreben. Mit der vorzugsweisen Verwendung von silikatischen Lasuren bleibt der mineralische Charakter der Betonoberfläche erhalten.

Problem: Diese denkmalgerechte Spezialbehandlung ist nicht richtliniengerecht und die Frage stand im Raum: „Wer entbindet uns von den gesetzlichen Vorgaben?“ Bislang hat man sich in den Vertragsketten in großer Eigenverantwortung mit Einigkeit zum gemeinsamen Ziel verholfen. Der bessere und sichere Weg für alle Beteiligten kam als Vorschlag aus der Zuhörerschaft, dass nämlich Normen nach neuen Erkenntnissen fortgeschrieben werden können. Für unser Thema fehlt ganz eindeutig eine ergänzende Norm zur Betonrestaurierung am Denkmal!

Von Schadensfällen mit großer Tragweite wurde im Praxisbeispiel von der Instandsetzung des sog. Rohstoffbunkers im Areal des UNESCO-Weltkulturerbes Völklinger Hütte von Dipl.-Geol. Martin Sauder berichtet, wo in Folge massiver Material- und Formverluste in Form von Abbrüchen großflächige Ergänzungen ausgeführt werden mussten, auch, um die Standsicherheit wieder herzustellen.

Bei dieser statisch-konstruktiven Instandsetzung hilft nur Auffüllen mit Spritzbeton nach DIN 18551 als erstes Ergänzungsmaterial, danach wird die zu rekonstruierende Oberfläche mit Restaurierungsbeton (artgleiche Zusammensetzung wie der Originalbeton) im Negativabdruck der Schalungsstruktur reprofiliert.

Eine echte Draufgabe war der Vortrag zur Betonretusche an denkmalgeschützten wie auch an zeitgenössischen modernen, ja sogar an neuen Betonobjekten!

Solche Arbeiten zur Egalisierung von unerwünschten Farbtonunterschieden und Formwiedergaben führten vor 10 Jahren zu einer spezialisierten Firmengründung unter der anteiligen Geschäftsführung der referierenden Dipl.-Rest. Inga Antony. Auch für ihr Team gilt es, die Eingriffe so gering wie möglich vorzunehmen und das Original vordringlich zu bewahren. Dabei wird viel Arbeit und Kunstfertigkeit aufgewendet, um für die unterschiedlichen Ausgangszustände eine optimal abgestimmte Materialauswahl (Mörtelherstellung nach originaler Sieblinie) und Lasurausmischungen in Verbindung mit effektiven Applikationstechniken  zu ermitteln, um „… die originale Oberfläche in Farbigkeit und Textur nach(zu)empfinden“.

Hier treffen sich die zielorientierten Interessengruppen, um gemeinsam die jungen Baudenkmale mit ihrem charakteristischen Schalungsmuster als eigenständige Oberflächenästhetik zu erhalten.

In diesem Zusammenhang wurde wiederholt die mögliche Standardisierung von bislang erkennbaren, von Objekt zu Objekt übertragbaren restauratorisch/handwerklichen Arbeitsschritten besprochen. Jedes Restaurierungsobjekt hat seine spezifische Eigenart in Entstehungs- Alterungs- und Behandlungsgeschichte, aber Beton hat ein ausgezeichnetes  Alleinstellungsmerkmal: Der Kunstwerkstein Beton besitzt mit seiner ausgehärteten Oberflächenausprägung – in fehlerfreier Mischung und gleichmäßiger Verdichtung vorliegend –  eindeutige, überschaubare Materialeigenschaften (im Vergleich zu denen der vielen Natursteinarten), deshalb würde sich für die Restaurierung von Sichtbetonbauten die relativ einfache Erarbeitung von ergänzenden Regelwerken, die über die geltenden DIN-Vorschriften hinausgehen, anbieten.

Denkmalpfleger, Planer und Ausführende sollte es reizen, diese zeitnah modellhaft zu entwickeln und sie in kommenden Praxisphasen erfolgreich anzuwenden.