Kunst und Alchemie – Ausstellung in Düsseldorf

Aufgrund ähnlicher Berufsziele und der Raritäten ist die Ausstellung relevant für Restauratoren.

Die Ausstellung ist zweigeteilt: Im ersten Teil geht man in die Vergangenheit der Alchemie in der Vormoderne, der zweite Teil befindet sich räumlich gegenüber und sucht Verbindungen zur Kunst seit dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Diese Trennung ist auch inszenatorisch vollzogen. Die Vergangenheit präsentiert sich in stark abgedunkelten Räumen mit Hell-Dunkel-Effekten, themengerechten Installationen wie Alchemistenlabor und Farbenwerkstatt sowie großformatiger, audio-visueller Unterstützung. Die Gegenwart erscheint dagegen nüchtern vor der üblichen weißen Wandfarbe, allerdings monumentaler, da hier die doppelstöckigen Räume des Museums für Großformate genutzt werden. Kurzeinführungen zu Themenblocks und Einzelwerken finden sich in beiden Ausstellungsteilen. Begleitet wird die Ausstellung von einem ausgebreiteten Rahmenprogramm für Kinder und Erwachsene und einem gebundenen Katalog.

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Foto: Robilant + Voena, London und Mailand

Im historischen Teil wird auf vielfältige Weise versucht, den komplexen Gegenstand „Alchemie“ so gut, wie es auf einem definierten Raum möglich ist, zu präsentieren. Es ist selbstverständlich, dass die Auswahl der Objekte daher Kritik erfahren kann. Für den Laien ergibt sich aber eine durchaus attraktive Mischung. Man muss sich allerdings viel Zeit nehmen, um die Gegenstände aus dem Inszenierungsdrama in ein vernünftiges Verstehen zu befördern. Hilfreich sind dabei sowohl die kostenfreien Audioguides, als auch die bereit gestellten Museumshocker. Wer sich diese Mühe macht, wird gut und angenehm informiert.

Kurz gesagt kann man den Ausstellungsinhalt so auffassen: Die Alchemie wird als eine zeitübergreifende Sehnsucht des Menschen nach Ganzheit und Einheitlichkeit sowie als Symbol für menschliche Einbettung in die Natur und den Kosmos gezeigt. Die sehr komplexen und verklausulierten Inhalte der Alchemie wiederzugeben, muss wegen des Materialumfanges, der Fragilität und Menge an zu vermittelndem Wissen sowie sicherlich auch der Selektion und Beschaffung der Leihgaben und damit verbundenen Kosten eine schwere, kuratorische Aufgabe gewesen sein. Einige Einzelbeobachtungen sollen das verdeutlichen: Mit Hilfe moderner Computertechnik bestens aufgeschlüsselt sind gleich beim Eingang die Inhalte der sogenannten „Ripley Scrolls“: Es handelt sich dabei um rätselhafte Zeugnisse mittelalterlicher Geheimsprache mit verblüffender Informationssymbolik. Auch viele andere Werke sind für die Darstellung des Themas sorgfältig ausgewählte Kleinodien. Im Kontext der Konservierung ist die gelungene Schau von Pigmenten aus dem Institut für Technologie der Malerei der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zu nennen. Durch einen spiegelnden Hintergrund wird die sich ins Unendliche erstreckende, faszinierende Vielfalt der Farben auf einfache Weise vermittelt.

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Foto: Courtesy of Roy Eddleman, Chemical Heritage Foundation, Philadelphia/Gregory Tobias

Die ansonsten eher dramatische Präsentation im ersten Teil brachte manche, vor allem auf die Beleuchtung zurückzuführenden Einbußen. Hierunter leidet besonders deutlich und störend der Einblick in das „Labor“. Ein intensiveres Studium, der hier zusammengestellten Objekte ist daher kaum möglich. Die gelungenste Vermittlung der beabsichtigten Bezüge unserer technokratischen Gegenwart zu den Rätseln der Alchemie bietet eine Objektschau aus der Sammlung Olbricht. Hier sind originell und direkt heutige Kunst und alchemistische Rätsel im Ambiente der Wunderkammer verquickt. Mit dem sinnigen Titel „Neugier“ ist dies der einzige Ort der Ausstellung, wo die Kontinuität und Aktualität künstlerischer Suche nach naturverbundener Ganzheitlichkeit visuell offenkundig ist. Dies geschieht mittels Einbettung zeitgenössischer Werke in Raritäten in Natur und Kunsthandwerk. So vertreten z. B. der schöne Kopf „Thinking about it“ von John Isaaks (2002) und die einem Schwan ähnelnde Skulptur „Quell“ von Kate MccGwires (2011) überzeugender aktuelles „Künstleralchemistentum“ als so manches im zweiten Teil räumlich und durch unterschiedliche Inszenierungsmechanismen von der Alchemiegeschichte getrenntes Werk.

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Foto: Ron Zijlstra, Richard Meitner

Der Kontrast vom ersten zum zweiten Teil ist dem Beleuchtungswechsel entsprechend hart und insofern enttäuschend, als man hier weniger einer dem Thema und dem historischen Teil entsprechenden Struktur, sondern eher einer visuellen Aufzählung von Künstlern, Stilen und nicht mit den im ersten Teil verwendeten Übertiteln übereinstimmenden Begriffen begegnet. Auch die Auswahl der Werke ist nicht immer nachvollziehbar, obwohl es durch Zitate bewiesene Identifikationen mit der Alchemie (z. B. von Anish Kapoor und Jannis Kounellis) und evidente Entsprechungen gibt. Beispiele sind der direkte Bezug zu Hermes Trismegistos bei Sigmar Polke, die analogen Chiffren bei Rebecca Horn, das Augenzwinkern des Zauberers bei James Lee Byers und die spielerischen Verwendung von Laborprozessen zur ironischen Zeitkritik in der ephemeren Auftragsarbeit „Das Chymische Lustgärtlein 2013/14“ beim Künstlerpaar Steiner-Lenzinger. Der poetische Name „Künstleralchemisten“, den Germano Celant für die arte povera Künstler erfand, hat die Ausstellungsplanung offensichtlich zu einer breiten Öffnung inspiriert. Es braucht trotz exzellentem Internettrailer von Markus Kottmann Phantasie, um die Verwendung von reinem Pigment bei Yves Klein alchemistisch zu etikettieren, wie die Wandtextbezeichnung Pigment als Materia Prima  nahelegt. Auch bei der schönen Widmung Helmut Schweizers an Bern Porter, angeregt durch dessen Abkehr von einer Atombomben erzeugenden Wissenschaft und verkörpert in der Installation Melancholy & Heavy Water 12/17-2/11, to whom it may concern, scheint die Verbindung zur Alchemie gesucht. Die Analogie von Bankeragieren und Künstlerarbeit im Werkkomplex Thomas Hubers Die Bank – eine Wertvorstellung kam der Verfasserin trotz Studium des Katalogtexts im Kontext alchemistischer Verwandlung nicht plausibel vor. Die Schau heutiger Werke bot somit vor allem eine Werkzusammenstellung mit guter Ablesbarkeit der großen Variationsbreite technisch- medialer Möglichkeiten und inhaltlicher Spannbreite der gegenwärtigen Kunst. Interessant ist, dass die bei Zeitgenossen oft spürbare Ironie im krassen Gegensatz zu den im ersten Teil gezeigten historischen Objekten steht. Doch regt der Kontrast zwischen überzeugender und nicht überzeugender Analogie zu den ursprünglichen Absichten der Alchemie in jedem Fall zum Denken an.

Die Ausstellung ist somit für Restauratoren vor allem wegen der im historischen Teil gezeigten Raritäten sehenswert, aber auch wegen des interessanten Begleitprogramms wie z. B. dem Vortrag Doris Oltrogges vom Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der FH Köln mit dem Thema: „Zinnoberrot und Safrangelb – Geheimnisse mittelalterlicher Farbherstellung“. Wer könnte besser die unendliche Rätselhaftigkeit der Farben goutieren und über das Köcheln von verheimlichten Ingredienzien lächeln als Fachkollegen und -kolleginnen. So freut man sich an den vielen materiellen und thematischen Verwandtschaften zum eigenen Tun und kann die Aktualität mancher im Katalog ausgedrückter Wahrheiten mit einem Schmunzeln auf die eigenen Ziele beziehen, wie z. B. die Worte Lawrence M. Principle‘s im Katalog, S. 21:

„Frühe Alchemisten … stellten praktisches Wissen und empirische Beobachtung mit theoretischen und philosophischen Erkenntnissen in Beziehung und schufen eine neue Disziplin, die Theorie und Praxis, intellektuelle und praktische Arbeit miteinander verband.“

Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der Verwandlung
Noch bis 10.08.2014, SMKD Museum Kunstpalast Düsseldorf
Zur Ausstellung erschien ein gebundener Katalog im Hirmer Verlag, € 29,90.