16.03.2021

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International vernetzt: Die Bauhütte ist UNESCO Kulturerbe

von Inge Pett
Das Kulturerbe der Bauhütte ist ein für allemal in Stein gemeißelt: Seit Ende Dezember 2020 ist das europäische Bauhüttenwesen Immaterielles Kulturerbe. Foto: UNESCO/Henning Groett/Cathédrale de Trondheim

Das Kulturerbe der Bauhütte ist ein für allemal in Stein gemeißelt: Seit Ende Dezember 2020 ist das europäische Bauhüttenwesen Immaterielles Kulturerbe. Foto: UNESCO/Henning Groett/Cathédrale de Trondheim

Ende Dezember erhielt das europäische Bauhüttenwesen die begehrte Auszeichnung der UNESCO und findet sich nun im Register guter Praxisbeispiele zum Erhalt Immateriellen Kulturerbes. RESTAURO sprach mit Peter Füssenich, Dombaumeister der Kölner Bauhütte

Das Kulturerbe der Bauhütte ist ein für allemal in Stein gemeißelt: Seit Ende Dezember 2020 ist das europäische Bauhüttenwesen Immaterielles Kulturerbe. Foto: UNESCO/Henning Groett/Cathédrale de Trondheim

Ein Werk von und für Generationen

„Wir sehen keine Konkurrenz, wir lernen voneinander.“ Peter Füssenich ist Dombaumeister der Kölner Bauhütte und gut vernetzt mit seinen europäischen Kolleg*innen. Gemeinsam mit 17 anderen Werkstätten aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, Österreich und der Schweiz hatte sich die Kölner Dombauhütte um die Aufnahme in das UNESCO-Register des Immateriellen Kulturerbes beworben. Mit Erfolg: Ende 2020 erhielt das europäische Bauhüttenwesen die begehrte Auszeichnung.

Die Bauhütten gehen auf das Mittelalter zurück. Bis zum 11. Jahrhundert lag die Bautätigkeit in den Händen der Klöster. Dann taten sich Baumeister, Poliere, Steinmetz- und Maurermeister, Gesellen und Lehrlinge zu fest eingerichteten Werkstätten zusammen. Bauhütten genossen Sonderrechte, hatten eigene Gesetze mit eigener Gerichtsbarkeit und waren frei von den Zwängen der Handwerkszünfte. Im Fokus stand das große Ganze der Architektur: Die Meisterwerke der Gotik wären ohne diese fachübergreifend gebündelte, handwerkliche Expertise undenkbar gewesen.

„Oft gingen die Bauhütten an die Grenzen des damals technisch Möglichen“, erklärt Peter Füssenich.  „Sie begannen Unternehmungen, von denen sie wussten, dass es viele Generationen brauchen würde, bis sie Wirklichkeit werden.“ Er selbst steht seit 2016 der Kölner Dombauhütte vor und sieht sich in derselben Traditionslinie. Einst wie heute sei es eine Notwendigkeit, über Generationen hinweg vorauszuplanen, so der Baumeister: „Die Bauten selber geben uns immer vor, was zu tun ist“. Derzeit saniert die Kölner Bauhütte die Strebewerke des Doms. Ein Langzeit-Projekt, das voraussichtlich im Jahr 2070 vollendet sein wird – von Füssenichs Nachfolger*innen im Amt.

Etwa 100 Menschen sind an der Kölner Dombauhütte beschäftigt, davon knapp vierzig Frauen und Männer im Steinbereich: als Hüttenmeister*innen, Steintechniker*innen, Steinmetz*innen, Versetzsteinmetz*innen und Steinbildhauer*innen sowie als Steinrestaurator*innen. Hinzu kommen Dachdecker*innen, Elektriker*innen und ein Schmied, der das Privileg innehat, das einzige offene Schmiedefeuer in der Kölner Innenstadt zu hüten.

Um Restaurierungsmaßnahmen umsichtig und denkmalgerecht anzugehen, greifen die Fachleute der Bauhütte auf einen Schatz historischer Pläne, Tagebücher, Wetteraufzeichnungen, persönlicher Notizen, Fotografien, Gutachten und Rechnungsbücher zurück.

Gleichzeitig nutzen sie die neusten Technologien, und stehen auch damit ganz in der Tradition der Bauhütte, in der die Offenheit für Neues tief verankert ist. „Die Bauhütten“, so Füssenich, „waren immer schon Innovationsstätten, die für ihre Belange neue Methoden einsetzen.“ Heute kreisen Drohnen mit hochauflösenden Kameras im Kölner Dom und um ihn herum, um ein digitales Aufmaß zu erstellen. Längst haben Laserscans Maßband und Zollstock abgelöst.

Alljährlich trifft sich die europäische Vereinigung der Dombaumeister, der Münsterbaumeister und Hüttenmeister zum Erfahrungsaustausch. Von diesem, wie Füssenich es nennt, „Netzwerk großen Reichtums“ profitiert jeder Standort.

Um etwa den gotischen Hochaltar des Doms fachgerecht mit dem originalen, im Mittelalter verwendeten Stein – dem Drachenfels Trachyts – zu restaurieren, steht Köln im engen Austausch mit der Xantener Dombauhütte. Auch die Werkstätten des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland wirken an dem Großprojekt mit: Sie erforschen die bestmögliche Restaurierung im Umgang mit Antragungen, also mit Steinersatzmassen. Zur Problematik der Restaurierungsmörtel steht Köln darüber hinaus im intensiven Austausch mit der Münsterbauhütte in Bern.

Rund fünfzig Gesteine im Kölner Dom

Stein ist der wichtigste Werkstoff für den Dom – rund fünfzig verschiedene Gesteine wurden im Lauf der Zeit an der Kathedrale verbaut. 2019 zeichnete der Berufsverbande Deutscher Geowissenschaftler e. V. (BDG) die Kölner Dombauhütte mit dem Preis „Stein im Brett“ aus. Die Auszeichnung geht an Institutionen und Personen, die sich in besonderer Weise um die Geowissenschaften verdient gemacht haben – ohne selbst auf diesem Gebiet tätig zu sein.

Anders als vielen Handwerkbetrieben fehlt es der Kölner Bauhütte bisher nicht an Nachwuchs. „Für uns ist aber auch ganz wichtig, dass wir den Nachwuchs selbst generieren“, sagt Füssenich. Weil wir so spezielle Handwerkstechniken benötigen, müssen wir diese über die Ausbildung an die nächste Generation weitergeben.“  Indem die Kölner Bauhütte Steinmetz*innen, Schlosser*innen, Schmied*innen und Schreiner*innen ausbildet, garantiert sie, dass diese alten Techniken nicht aussterben.

Im Prinzip der Bauhütte, die es übrigens nicht nur im kirchlichen Bereich gibt, – auch Profanbauten wie der Dresdner Zwinger und das Berliner Humboldtforum unterhalten eigene Werkstätten – sieht Füssenich eine Chance für die Architektur der Zukunft. Die Bauhütten seien ja schon immer Vorbilder für die Organisation des Bauens gewesen. Auch in der Bauhaus-Bewegung hätten sich Künstler, Architekten und Handwerker zusammengeschlossen: „Man sieht ja: Daraus ist Großartiges entstanden.“

Die Bauhütte: Ein Modell für die Zukunft

Das Kulturerbe der Bauhütte ist ein für allemal in Stein gemeißelt. Dabei lebt und entwickelt sich diese weiter. Interdisziplinäre Kooperation war immer schon progressiv. Für die Zukunft kann der Dombaumeister sich vorstellen, dass man weitere Disziplinen zusammenführt: „Heute sind es vielleicht die Biologen, die uns zeigen können, wie ökologisch orientiert man zukünftiges Bauen aufstellen kann.“ In kleinerem Zusammenhang geschehe das bereits: „In die Richtung darf man weiterdenken und das Prinzip der Bauhütten auf solche Dinge ausweiten.“

Bleibt die Frage nach der Wette mit dem Teufel und, ob Peter Füssenich sie heute annehmen würde. Meister Gerhard, Kölns erster Dombaumeister, so erzählt die Legende, ist eine Wette mit dem Teufel eingegangen, der diesen um sein „stolzes, heiliges Werk“ beneidete, den Kölner Dom, der heute zum Weltkulturerbe zählt. Eher würde er „einen Bach von Trier nach Cöln erschaffen als Herr Gerhard seinen Bau vollenden“, wettete der Teufel. Er war tatsächlich schneller, und der Kölner Dom sollte nie fertiggestellt werden.

„Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter“, zitiert Füssenich ein Kölner Sprichwort. „Dafür wollen wir in der Dombauhütte nicht verantwortlich sein.“ So werden die Arbeiten am Dom wohl immer weitergehen. Bis mindestens 2070 sind wir erstmal sicher.

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