Great or Fake?

Eine Facebook-Gruppe auf der Suche nach Echtheit von Tribal Art. Wie Digitalisierung die Kunstlandschaft verändert

Sammler Roberto Domingos: Der Karlsruher Musikprofessor ist Gründer und Administrator der Facebook-Gruppe „Great or Fake. Dico- vering African Art“. Foto: Roberto Domingos
Sammler Roberto Domingos: Der Karlsruher Musikprofessor ist Gründer und Administrator der Facebook-Gruppe „Great or Fake. Discovering African Art“. Foto: Roberto Domingos

 

Facebook wurde als soziales Medium für den Alltag vor allem bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in seiner Bedeutung von Instagram abgelöst. Es ist aber immer noch die erste Wahl für Interessengemeinschaften, die es zum Austausch nutzen: Auf der Plattform ist es äußerst schnell, einfach und bequem, anderen Interes- sierten Informationen oder auch Bilder zukommen zu lassen, Feedback zu erhalten und Diskussionen anzuregen.

Für solche Interessengemeinschaften gibt es in Facebook die Möglichkeit, auf bestimmte The- men spezialisierte Gruppen zu gründen, die offen oder geschlossen sein können: Offen heißt, dass jeder mitmachen, etwas lesen, kommentieren oder selbst veröffentlichen kann – so er denn bei Facebook angemeldet ist. Geschlossen, dass die Mitgliedschaft beantragt werden muss, die zu- meist sehr schnell von einem Gruppenmitglied bestätigt wird. In der Regel überwacht ein Administrator, ob Beiträge gegen die Regeln einer Gruppe verstoßen, weil sie z. B. persönlich verletzend sind. Er kann solche Posts löschen und oder gar Mitglieder ausschließen.

Seit einigen Jahren ist Facebook mit Gruppen wie „Authentic Tribal Art“ oder „Ethnic Textiles Community“ in der Tribal-Art-Szene angekommen. Eine der lebendigsten dieser Gruppen heißt „Great or Fake. Discovering African Art“ und befasst sich mit der Authentizität von Werken afrikanischer Stammeskunst, einem für die Szene sehr neuralgischen Thema: Nur Objekte, die tatsächlich kulturell verwendet wurden, sind sammlungswürdig, unbespielte Objekte (außer sie sind sehr früh entstanden) oder gar Kopien und Fälschungen gelten wenig. Jeder Sammler lebt mit der Angst, künstlichen Gebrauchsspuren, etwa durch eine Manipulation der Patina, oder auch nachgeschnitzten Elementen auf den Leim gegangen zu sein. Gründer und Administrator dieser ‚geschlossenen‘ Gruppe ist der Karlsruher Musikprofessor Roberto Domingos (Foto).

Als Domingos einmal Zweifel über die Echtheit eines Stückes hatte, postete er es bei der Facebook-Gruppe „The Ethno Collector“, bat um Meinungen dazu und nannte den Post „Great or Fake“, „weil es sich irgendwie gereimt hat“. Kurz darauf fingen andere Mitglieder von „The Ethno Collector“ an, mit derselben Überschrift Beiträge zu veröffentlichen. Domingos bemerkte dadurch, dass seine nur spaßig gemeinte Überschrift bei Sammlern einen Nerv getroffen hatte, und gründete ‚seine‘ Gruppe. Angemeldet sind im Januar 2019 bereits über 3500 Mitglieder.

Primär geht es bei „Great or Fake. Discovering African Art“ darum, Objektfotos einzustellen, die andere Gruppenmitglieder insbesondere darauf- hin begutachten, ob es sich bei den abgebildeten Artefakten um authentische Stücke („Great“) oder Fälschungen („Fake“) handelt. Dafür wird vor allem beurteilt, inwieweit ein Objekt stilistisch stimmt und als wie logisch die Gebrauchs- spuren erscheinen. Die Einschätzungen basieren auf Erfahrungswerten und der Literatur. Zusätzlich kann in der Gruppe weiterer ethnologischer Background zu den Stücken erfragt werden.

Diese Gruppe bietet damit einen handfesten Benefit: Man kann seine Werke unvoreingenommen begutachten lassen und seinen Blick am Computer schulen. Ein weiterer Vorteil: Idealerweise äußern sich mehrere Personen zu einem Objekt, die auf dem Themengebiet, um das es geht, z. B. eine bestimmte Region in Afrika, wirklich Experten sind. Das Wissen über afrikanische Kunst wird dadurch demokratisiert; ob ein Objekt authentisch ist oder nicht, wird nicht mehr nur von einzelnen älteren Herren in Paris oder Brüssel, den Hot Spots für die Tribal Art, mit Herrschaftswissen bestimmt. Selbst die Meinung eines bekannten Galeristen (oder ein von ihm offeriertes Objekt) wird auf den Prüfstein gestellt. Damit steht diese Gruppe im Idealfall prototypisch für die Vorteile einer Schwarmintelligenz.

Diskussionen auf „Great or Fake“ haben laut Roberto Domingos bereits dazu geführt, dass Mitglieder gekaufte Fälschungen zurückgeben konnten oder vor dem Kauf auf die Unechtheit eines Objektes aufmerksam gemacht wurden. Dementsprechend werden nicht nur eigene Objekte gepostet, sondern manchmal auch welche, die in Auktionen angeboten werden.

Durch die Gruppe werden aber auch Objekte geadelt. So berichtet Domingos, er hätte auf ebay als Teil eines Konvoluts ein Bronze-Objekt gekauft, bei dem er sich unsicher gewesen sei. Nach seiner Veröffentlichung in der Facebook-Gruppe hätte sich dann herausgestellt, dass es sich um eine seltene Figur der Dan handelte. Ein ähnliches Objekt sei bei Sotheby‘s für 6000 Euro ersteigert worden.

Die Arbeit der Gruppe kennt natürlich auch Beschränkungen und Grenzen. Es kann zu Fehleinschätzungen kommen, weil die Objekte nur aufgrund von Bildern begutachtet werden. Da im Prinzip jedes Gruppenmitglied Stücke beurteilen und seinen Kommentar veröffentlichen kann, auch wenn es zum Beispiel bei dem Stil, um den es geht, kein ausgesprochener Experte ist, kann nicht jeder Kommentar kompetent sein. Zudem lassen sich nicht alle Objekte auf das Schwarz-Weiß-Schema „echt oder falsch“ reduzieren, so etwa für Kolonialherren angefertigte Stücke. Schließlich kann es vorkommen, dass sich die Diskutierenden bei einem Objekt uneins sind.

Von den über 3500 Mitgliedern der Gruppe sind mehrere Dutzend aktiv bei der Bewertung von Objekten. Am prägnantesten ist neben Domin- gos vor allem Robert van der Heijden, ein seit Jahren aktiver holländischer Sammler und Händ- ler. Van der Heijden ist mittlerweile Moderator der Gruppe. Weitere aktive Mitglieder sind vor allem Sammler, in der letzten Zeit zunehmend auch Profis, d.h. Händler und Galeristen wie das Urgestein Pierre Loos oder Experten von Auktionshäusern. Für sie ist „Great or Fake“ eine erstklassige Möglichkeit, bei den Sammlern präsent zu sein, Kompetenz zu beweisen, das Auge der Leser für die Feinheiten dieser Kunst zu schulen – und idealerweise Sammler-Nachwuchs heranzuziehen. Personen, die sich wissenschaftlich mit Tribal Art befassen, d. h. Ethnologen, Museumsmitarbeiter oder auch Restauratoren, sind zumindest aktiv kaum vertreten. Ob dies daran liegt, dass kaum naturwissenschaftliche Möglichkeiten bekannt sind, um afrikanische Fälschungen zu entlarven? – Afrikanische Objekte sind ja zumeist erst im 20. Jahrhundert entstanden. Möchte man unter sich bleiben? Oder fehlt einfach die Zeit?

Eine Besonderheit, die zu einer großen Beteiligung führt, d. h. zu vielen Beiträgen, sind die von Domingos initiierten „Themenwochen“. Da geht es dann eine Woche intensiv (aber nicht ausschließlich) um Werke mit glänzender Oberfläche oder um die einer bestimmten Ethnie.

„Great or Fake. Discovering African Art“ ist eine lebendige Gruppe, die den Nutzer aber auch frustrieren kann: wenn ein eigenes Objekt ‚verrissen‘ wird. Dieses Gefühl wird manchmal dadurch verstärkt, dass Objekte mit allgemeinen Phrasen und ohne weitere Beweisführung („falsche Patina, falscher Stil, falsches Holz“) verurteilt werden. Solche negativen Bewertungen führen manchmal dazu, dass der Objektbesitzer ausfällig wird. Domingos musste bisher über 30 Personen aus der Gruppe ausschließen. Allerdings ist seit einiger Zeit der Wille zu einer „sorgfältigeren Argumentation“ erkennbar.

Ingo Barlovic ist Experte für Tribal Art. Der freie Journalist ist selbst leidenschaftlicher Sammler und schreibt für „Kunst&Kontext” sowie „Kunst und Auktionen” (ZEIT Kunstverlag). Einen eigenen Blog betreibt Ingo Barlovic unter www.about-africa.de

Der Beitrag erschien in der aktuellen Ausgabe der RESTAURO 3/2019. Lesen Sie weitere spannende Beiträge rund um die Themen Echtheit, Alter, Herkunft, www.restauro.de/shop.