Fahrrad-Restaurierung

Mit dem Trend zu Vintage- und Retrobikes steigt auch die Zahl der Enthusiasten, die sich der Restaurierung von historischen Rädern verschrieben haben. Was gilt es dabei zu beachten?

Herrenrad „Panzer“ um 1908 mit Holz-Kotschützern.Foto: Martin Möbius
Herrenrad „Panzer“ um 1908 mit Holz-Kotschützern.Foto: Martin Möbius

Fahrräder im weitesten Sinn gibt es seit 200 Jahren, in heute bekannter Form seit 1890. Im Mittelpunkt der folgenden Abhandlung stehen Räder des Zeitraumes von 1900 bis 1960. Historische Fahrräder faszinieren durch viele Details, die sich im Laufe der Jahrzehnte veränderten. Große Hersteller ließen neben dem Steuerkopfschild und Rahmenschriftzügen Sättel, Werkzeugtaschen und Griffe mit dem eigenen Firmenlogo versehen. Auch Kettenblätter wurden von jedem Hersteller individuell gestaltet und können mithilfe von historischen Katalogen identi ziert werden. Kataloge der einzelnen Fahrradhersteller sind daher bei Sammlern begehrt und bieten auch einen guten Überblick über das seinerzeit erhältliche Zubehör. Historische Ausfahrten sind in den letzten Jahren immer beliebter gewor- den; bei sogenannten Tweed-Rides präsentieren sich die besonders stilvoll gekleideten Radler gerne mit historischen Fahrrädern.

Soll das Rad gefahren werden?

Vor der Restaurierung sollte genau festgelegt werden, welches Ziel verfolgt werden soll: Fahrbereit, museale Präsentation oder dokumentarische Erhaltung besonderer Merkmale. Erhal- tungszustand, Vollständigkeit, Seltenheit oder der eventuell überlieferte Herkunftskontext spielen dabei eine Rolle.

Das Ideal des Sammlers ist das möglichst unveränderte, wenig verschlissene, gepflegte Rad in gutem Zustand. Bei der Aufarbeitung stehen die behutsame Reinigung und Konservierung der Oberflächen sowie die technische Pfleege im Vordergrund. Lackoberflächen werden mit Lackpflegemitteln aufpoliert, blanke Teile mit Metallpolituren. Der Auftrag einer Wachsschicht verstärkt den Glanz und schützt vor atmosphärischen Einflüssen. Einzelne kleine Fehlstellen werden mechanisch entrostet, retuschiert oder nur konserviert. Lederteile werden mit Vaseline eingerieben mit Tannin-Rostumwandlung schwärzt, um sich dem ehemaligen Erscheinungsbild zu nähern. Da- nach ist eine Konservierung mit Wachs oder trocknenden Ölen nötig.

Anderenfalls kann man auch eine vollständige Rekonstruktion der Oberflächen mit allen Zierlinien und Beschriftungen erwägen. Oft aber befindet sich der Zustand irgendwo dazwischen: Teile der ursprünglichen Oberfläche sind durch mechanische Beschädigungen verlustig gegangen und von Korrosion befallen. Die Lackierung und ihr Zierlinienschema sowie Schriftzüge sind noch erkennbar, aber beeinträchtigt. Hier können Teilergänzungen vorgenommen werden: Rostige Stellen können auch hier mit Tannin geschwärzt und konserviert werden, oder der Lack wird partiell ergänzt: Mit dem Feinstrahlgerät wird der Rost entfernt, grundiert und mit passendem Lack lackiert; evtl. müssen Rostnarben mit Spachtelmasse ausgefüllt und verschliffen werden. Zierlinien und Schriftzüge werden ergänzt. Viele Räder wurden auch neu angestrichen. Mit Skalpell und kurz einwirkenden Lösemittelkompressen kann der alte Lack wieder freigelegt werden. Dabei darf die Farbe nur angelöst werden, um eventuell noch vorhandene Dekore nicht zu beschädigen.

Soll das Rad gefahren werden, empfiehlt sich die komplette Zerlegung in alle Einzelteile, gefolgt von der gründlichen Reinigung von alten Schmierstoffen und Verschmutzungen. So kann der Zustand der Verschleißteile wie Lager, Ach- sen und Kugeln beurteilt werden. Wichtig ist das richtige Werkzeug: Neben gängigen Ring-Gabel- und Hakenschlüsseln gibt es besondere Fahrradwerkzeuge, beispielsweise Spezialschlüssel für Pedale oder Hinterradnaben. Tretkurbeln sind meist mit markenspezifischen Muttern auf der Tretlagerachse befestigt, hier hilft nur die Anfertigung eines genau passenden Werkzeuges, um die Muttern nicht zu beschädigen. Bei gut erhaltener Technik werden alle Teile wieder montiert, verschlissene gegen besse- re bzw. neue ersetzt. Dabei wird möglichst wenig ausgetauscht, manchmal nur einzelne Kugeln. Beim Zusammenbau wird neues alterungsbestän- diges Öl und Fett verwendet.

Wo kann man Ersatzteile beschaffen?

Meist fehlen originale Sättel, Lenkergriffe, Pedale und Beleuchtungseinrichtungen oder sind gegen neuere ausgetauscht worden. Bei der Ersatzteilbeschaffung sollte auf einen ähnlichen Erhaltungszustand und dem Baujahr entsprechende Teile geachtet werden. So kann ein stimmiges Gesamtbild des Rades erreicht wer- den. Alte Fahrrad-Ersatzteile findet man auf Oldtimer-Teilemärkten, manchmal sogar unbenutzte Lagerware. Auch das Internet bietet einiges: Auf Ebay gibt es die Kategorie „Fahrrad-Sammlerobjekte“, die mit über 11.000 Angeboten sehr ergiebig ist. Daneben gibt es spezialisierte Versandhändler für historische Fahrräder, Ersatzteile und Nachfertigungen. Dort findet man auch als Reproduktionen die vor 1940 gebräuchlichen Wulst-Reifen. Schutzblech-Figuren bekannter Marken gibt es in Kleinserien als Nachfertigungen, Rahmen-Schriftzüge werden als Nass-Schiebebilder angeboten. Von Vorteil ist auch der persönliche Kontakt zu Sammlern, neben Teilen kann man Erfahrungen und Fachwissen austauschen. Fahrradrestaurierung bietet also ein reiches Betätigungsfeld, und es ist immer wieder spannend, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich der Diplomrestaurator Martin Möbus mit historischen Fahrrädern. Damals begann er gezielt nach alten Rädern, Zubehörteilen und Literatur zu suchen, machte erste praktische Erfahrungen und entdecke seitdem immer wieder interessante Details. Als Diplomobjekt behandelte er ein seltenes Jaray-Sesselrad von 1924. Thema war der Umgang mit Altreparaturen, die weitgehend belassen wurden. Dagegen wurde der ungewöhnliche Antriebsmechanismus zu Vorführzwecken ergänzt und reaktiviert.