Ergänzungsmaterial für Glas

Abb.1
Auf eine Glasplatte wurde mit Knetmasse ein Quadrat abgegrenzt und mit Polyethylenfolie ausgelegt, um anschließend den Klebstoff einzugießen, Foto: HTW Berlin

Im Rahmen der Bachelorarbeit der Verfasserin wurden Versuche mit alternativen Ergänzungsmaterialien an einem Dummy mit großen Fehlstellen untersucht. Aufgrund der höheren Sprödigkeit und Glasübergangstemperatur wurden die Untersuchungen mit Paraloid™ B44 sowie mit Polyvinylbutyral unternommen.

Da die Fehlstellen des Glastellers sehr großflächig waren und etwa 2/3 der Originalsubstanz fehlten, mussten die Ergänzungsmaterialien eine hohe Stabilität aufweisen, um die Statik des Gesamtobjektes zu gewährleisten. Auch wäre es nicht möglich gewesen, die Originalfragmente mit reversiblen Klebstoffen zu kleben, ohne stabilisierende Ergänzungen in die Bruchstellen einzufügen. Paraloid™ B44 wurde in Ethylacetat (w/w 50:50) gelöst, jedoch ohne die Beimengung von Ethanol, wie es Stephen Koob in seinen Versuchen beschrieben hatte. In den Versuchen verwendet er Paraloid™ B72, welches sich für das vorliegende Objekt nicht geeignet hätte, da eine wesentlich geringere Glasübergangstemperatur aufweist als Paraloid B44 und bei nicht kontrollierten Lagerungsbedingungen sich negativ auf die Originalsubstanz auswirken könnte (Koob et alii 2011).

Um Platten von etwa 13×13 cm herzustellen, wurde der gelöste Klebstoff auf Polyethylen-Folie (Abb. 1) und nicht in eine Silikonform gegossen (Abb. 2), sofort mit einer zweiten PE-Folie abgedeckt und für zwei Tage unter nahezu vollkommenem Sauerstoffabschluss stehen gelassen. Der Guss erfolgte nicht in Silikonformen, da bei dem in den Versuchen verwendetem Silikon eine starke Trübung der Oberfläche bei Paraloid B44 sowie bei Polyvinylbutyral festgestellt wurde Silikon Rhodorsil RTV 3221 und Härter von Kremer Pigmente.

Abb.2
Durch den Guss in Silikonform getrübte Oberfläche von Polyvinylbutyral (links) und Paraloid B44 (rechts). Ebenso ist die leichte gelbliche Eigenfarbe von Polyvinylbutyral erkennbar, Foto: HTW Berlin

Anschließend wurde die Sauerstoffzufuhr zunehmend erhöht. Nach fünf Tagen konnten die noch elastischen Platten von der Folie gelöst werden. Derselbe Vorgang wurde mit Polyvinylbutyral in Ethanol (w/w 50:50) gelöst durchgeführt, wobei durch die Verwendung von Ethanol die Aushärtezeit mindestens acht Tage betrug.

Paraloid™ B44 besticht durch seine glasklare farblose Transparenz, war nach 14 Tagen aber immer noch sehr elastisch und nach einem zusätzlichen Monat immer noch nicht spröde ausgehärtet.

Polyvinylbutyral besitzt eine leicht gelbliche Eigenfarbe, ist aber ebenso transparent wie Paraloid™ B44. Die positive Eigenschaft von Polyvinylbutyral und die letztendliche Entscheidung für die Verwendung dieses Materials zur Ergänzung von großen Fehlstellen lagen darin, dass es nach etwa vier Wochen komplett spröde in der zuvor gebogenen Form aushärtet und genügend Stabilität für große Ergänzungsflächen aufwies. Die vorher noch elastischen Platten konnten auf die Bruchkanten genau mit einer Schere zugeschnitten, in die Fehlstellen eingepasst und angeklebt werden (Abb. 3).

Abb.3
Fertig zusammengeklebter und ergänzter Dummy mit 12,5 cm Durchmesser. Überlappende trübe 1 mm starke Ergänzung aus Paraloid B44 (o.), transparente eingepasste 2,5 mm starke Ergänzung aus Paraloid B44 (l.) und mit Knitterfalten gegossene, eingepasste 2,5 mm starke Ergänzung aus transparentem Polyvinylbutyral (r. u.), Foto: HTW Berlin

Die Ergänzungsplatten wurden aufgrund von Zeitdruck etwas zu früh in die Fehlstellen geklebt. Durch die immer noch folgende Aushärtung und Schrumpfung veränderte sich auch leicht die Form bzw. Rundung der Ergänzungen. Daher muss der Faktor Zeit bei der Herstellung von passgenauen und komplett ausgehärteten Ergänzungsplatten sehr genau einkalkuliert und besser etwas mehr davon eingeplant werden.

Durch die Verwendung von Paraloid™ B72 in Ethylacetat als Klebstoff wurden die Polyvinylbutyralplatten beim Einkleben an den Rändern wieder angelöst und es entstanden Luftblasen an den Klebestellen. Diese hätten vielleicht durch eine Minderung der Luftzufuhr bei der Aushärtung des Klebstoffes und der angelösten Platten verhindert werden können. Die Aushärtezeit des Klebstoffes hätte sich dadurch jedoch verlängert.

Fazit: Bei kleinflächigen Ergänzungen reicht Paraloid™ B44 als Ergänzungsmaterial aus, es kann in dünnen Folien bis zu etwa 2–3 mm dicken Platten gegossen werden. Je dicker die Platte, desto größer ist jedoch die Gefahr, dass die Platte elastisch bleibt und daher nur bedingt stabilisierend wirkt. Bei der Verwendung von Folien kann auch überlappend, also über die Originalfläche hinausragend, geklebt werden. Dies bietet sich besonders bei dünnem Glas an und wenn die Überlappungen nicht auf der Sichtseite der Glasoberfläche liegen oder Ornamente überdecken.Dadurch entstehen keine Luftblasen an den Bruchkanten selbst. Bei großen Fehlstellen, die sich auf die Gesamtstabilität eines Glasobjektes auswirken, eignet sich Polyvinylbutyral sehr gut, da es komplett spröde aushärtet. Nachteilig kann jedoch die leicht gelbliche Eigenfarbe sein.

Zudem sind auf diesem Gebiet noch viel Forschung und praktische Erfahrungen notwendig, um auch oben genannte Problematiken zu umgehen und auszugleichen. Doch scheint für Glas mit Polyvinylbutyral und Paraloidb™ B44 die Möglichkeit zur Verwendung von reversiblen Klebstoffen und reversiblen, langzeitstabilen Ergänzungsmaterialien durchaus gegeben zu sein.

Mag. Phil. Irene Pamer B.A. (Rest.) schrieb ihre BA-Arbeit zum Thema „Ein postmeroitischer Glasteller aus dem ägyptischen Wadi Qitna des Náprstek Museum Prag. Untersuchungen zu Klebung und Ergänzung“, HTW Berlin unter Prof. Dr. Alexandra Jeberien, Berlin 2014. Diesen Beitrag schrieb sie ergänzend zu Zara Löschbergers Beitrag zu Paraloidplatten als Ergänzungsmaterial.

Literatur

Koob et alii 2011
Koob, Stephen P. et alii: An Old Material, a New Technique. Casting Paraloid B-72 for Filling Losses in Glass, CCI Symposium ICC (Adhesives and Consolidants for Conservation: Research and Applications), Ottawa 2011.