26.04.2022

Kulturerbe

Dresden ist ein Gesamtkunstwerk

von Alexandra Wach
Blick auf Dresden vom Westen. Foto: Wikimedia Commons

Blick auf Dresden vom Westen. Foto: Wikimedia Commons

Die Kulturstadt Dresden ist ein Gesamtkunstwerk der Barockarchitektur mit einer einzigartigen Konzentration von Kunstschätzen, Museen und Forschungsprojekten

Blick auf Dresden vom Westen. Foto: Wikimedia Commons

Dresden und der „italienische Himmel“

Zuletzt geriet die Elbmetropole wegen des Einbruchs ins Grüne Gewölbe unvorteilhaft in die Schlagzeilen. Die Beute aus millionenschweren Juwelen bleibt verschwunden, der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter läuft. Da ist es vielleicht an der Zeit, an die fortdauernde Anziehungskraft der anderen Juwelen zu erinnern, die Sachsens Hauptstadt weiterhin zu bieten hat. „Dresden hat mir große Freude gemacht, und meine Lust, an Kunst zu denken, wieder belebt. Es ist ein unglaublicher Schatz aller Art an diesem schönen Orte“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe, nachdem er 1794 bereits zum vierten Mal in der Stadt gewesen ist und wiederholt die Kunstsammlungen, vor allem aber die Gemäldegalerie mit ihren Höhepunkten von Raffael, Giorgione, Vermeer oder Bellotto besucht hatte.

Auch Heinrich von Kleist schwärmte von den Sehenswürdigkeiten, der landschaftlichen Lage, den Elbhängen und dem geradezu „italienischen Himmel“. Kein Wunder, denn in der Residenz der sächsischen Kurfürsten und Könige entstanden seit dem 16. Jahrhundert Architekturwerke in nahezu jeder Stilphase, exquisite Baukunst, gereiht wie auf einer Perlenkette. Die Brühlsche Terrasse etwa, im 16. Jahrhundert errichtet, verbirgt im Erdinneren Hinterlassenschaften der Renaissance. Als die Festigungsanlagen entlang des Elbufers nicht mehr gebraucht wurden, bekam Staatsminister Brühl diesen Uferstreifen von 600 Metern geschenkt. Er ließ hier einen Garten, ein Palais, eine Bücherei und eine Galerie anlegen. 1814 wurde die heutige Flaniermeile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, inklusive des Eingangs ins Albertinum mit der Gemäldegalerie.

König August der Starke und Gottfried Semper prägten die Stadt an der Elbe

In der Barockzeit betrat dann Sachsens König August der Starke (1670–1733) die Bühne und hinterließ die stärksten Spuren. Seine gesamte Regentschaft über strebte er danach, zur Selbstdarstellung den Prunk der italienischen und französischen Höfe auf Dresden zu übertragen. Ihm verdanken die Dresdner die Paraderäume im Stadtschloss, die umfangreiche Sammlung im Grünen Gewölbe und in der Gemäldegalerie Alte Meister, den Bau des palastartigen Zwingers oder der Frauenkirche und schließlich auch den berühmten Dresdner Beinamen Elbflorenz“. Später prägte noch Baumeister Gottfried Semper das Bild der Altstadt. 1878 wurde die nach ihm benannte Semperoper eröffnet.

Detailgetreue Restaurierung der Barockbauten nach der Wende

Bis fast zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Altstadt und die berühmten Bauten von den Bomben der Alliierten verschont. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 legten englische und amerikanische Bomber dann die Stadt in Schutt und Asche und damit auch die meisten Baudenkmäler. Schon in DDR-Zeiten begonnen, nahm nach der Wende der Wiederaufbau an Schwung auf. Viele der Barockbauten wurden detailgetreu restauriert und sind heute wieder als Wahrzeichen der Stadt zu besichtigen.

2004 Aufnahme in die Liste des UNESCO-Welterbes

Allen voran die Frauenkirche, ein Bauvorhaben, das viele für unmöglich hielten. Aus der Ruine wurde Stein für Stein wieder die barocke Bürgerkirche, 1722 bis 1743 von George Bähr erbaut. Ein Drittel der Steine stammte von dem Barockbau, der Rest wurde in der sächsischen Schweiz neu zugeschnitten. Nicht nur diese peniblen Rekonstruktionen, sondern die ganze Elblandschaft zwischen Pillnitz und Übigau wurde 2004 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Wegen der schwierigen Verkehrssituation in und um Dresden entschloss man sich, die geplante Waldschlösschenbrücke über die Elbe trotz der Ermahnungen der UNESCO zu bauen.

Aberkennung des Welterbetitels im Jahr 2009

2009 wurde deshalb Dresden der Welterbestatus aberkannt. Zum ersten Mal überhaupt erkannte die UNESCO damit einer europäischen Welterbestätte den Titel ab. Der ideelle Schaden war immens, auch wenn den Tourismuszahlen die Aberkennung nicht geschadet hat. Mittlerweile gibt es einen neuen Dresdner Anlauf mit der Gartenstadt Hellerau. In vielen Bereichen des Planens, Bauens und Lebens hatte sie Modellcharakter.

Hellerau hat Modellcharakter

Hellerau gilt als Wegbereiterin eines kostengünstigen Wohnungsbaus, bei dem die Architekten in vollständig entworfenen Straßenzügen eine gestalterische Geschlossenheit erreichten. Die Ausführung mit standardisierten Bauteilen reduzierte die Baukosten entscheidend. Auch nach über einhundert Jahren sind die hier umgesetzten Ideen der sozialen Durchmischung hoch aktuell.

Generalsanierung des Hygienemuseums durch Peter Kulka

Ein weiteres Beispiel für das Aufeinandertreffen von Alt und Neu ist das 1912 gegründete Hygienemuseum. Das in den Jahren 1927 bis 1930 von Wilhelm Kreis errichtete Gebäude wurde zwischen 2002 und 2010 einer umfassenden Generalsanierung und Modernisierung durch den Architekten Peter Kulka unterzogen. Unter Hinzufügung moderner Elemente wurde es dabei in den Originalzustand zurückversetzt. Entstanden ist so ein Dialog des historischen Gebäudes der Klassischen Moderne mit einer zeitgenössischen Architektursprache.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Bemerkenswert auch der Bau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr. Nach Plänen des Stararchitekten Daniel Libeskind wurde das historische Arsenalgebäude mit einem Neubau erweitert, der in Form eines transparenten Keils die spätklassizistische Fassade durchbricht. Nicht zu vergessen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), die mit ihren zwölf Museen ein einmaliges Ensemble wissenschaftlicher Sammlungen darstellen, dem eine herausragende wissenschaftliche und kulturhistorische Relevanz zukommt.

Eine über 450-jährige Sammlungsgeschichte

In einer über 450-jährigen Sammlungsgeschichte ist ein einzigartiger Sammlungsbestand mit insgesamt rund 1,3 Millionen Objekten entstanden, angefangen von Sammlungen zur höfischen Kultur und Residenzkunst, über mechanische und naturwissenschaftliche Objekte, moderne und zeitgenössische Kunst bis hin zu völkerkundlichen Sammlungen. Sie bilden die Basis nicht nur für Ausstellungen mit internationalen Kooperationspartnern, sondern auch für vielfältige Forschungsmöglichkeiten. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehören damit zu den wenigen großen Museumsverbünden weltweit, die über internationale Strahlkraft verfügen. Unter den laufenden Projekten finden sich Fragestellungen, wie die nach der Bedeutung des Sammelns von sogenannten Orientteppichen und textilen Zeugnissen bäuerlich-nomadischer Kulturen in der DDR oder der Rolle von Planetenuhren in den Prozessen des Rezipierens von astronomischen Überlieferungen.

Der gesamte Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Museumsdatenbank DAPHNE

Und wie behält man die Übersicht über dieses ausufernde Reich der Dinge? Noch bis 2024 läuft das DAPHNE-Projekt – ein Recherche-, Erfassungs- und Inventurprojekt für mehrere Millionen Objekte. Den gesamten Bestand der SKD wird die eigens für diesen Zweck entwickelte Museumsdatenbank DAPHNE erfassen und abbilden. Es erlaubt erstmals die systematische Provenienzrecherche sämtlicher Zugänge seit 1933. Einige Museen der SKD verfügen über einen kleinen Bestand, wie die Porzellansammlung, der Mathematisch-Physikalische Salon oder das Grüne Gewölbe. Dort waren Erfassung und Inventur früh abgeschlossen. Es gibt aber auch Museen mit umfangreichen Sammlungen, wie das Kupferstich-Kabinett oder das Kunstgewerbemuseum, wo die Arbeit mehr Zeit in Anspruch nimmt. Neu hinzugekommen sind die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen sowie zuletzt das Archiv der Avantgarden und die Schenkung Sammlung Hoffmann.

Mit dabei: gemäldetechnologischen und konservatorischen Daten

Im August 2011 starteten die SKD die auf dem Datenbestand der DAPHNE-Datenbank basierende Internetpräsentation „Online Collection“. Die Daten sind zudem Grundlage für die Vermittlungsarbeit der Museen, sei es für den Multimedia Guide oder für die Ausstellungsplanung. Vor allem aber ermöglichen sie, die Kenntnisse über die Dresdner Schätze zu kommunizieren und die Forschung im Museum voranzubringen, wenn es etwa darum geht, eine Datenbank zu den Werken Rembrandts aufzubauen. Die Gemäldegalerie Alte Meister besitzt sieben von ihnen und hat für das internationale Projekt eine Reihe von gemäldetechnologischen und konservatorischen Daten sowie Bildmaterial einschließlich Roentgen- und Infrarotaufnahmen zur Verfügung gestellt.

Marlies Giebe ging 1984 als Restauratorin an die Gemäldegalerie Alte Meister an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und blieb dort für die nächsten 36 Jahre. RESTAURO sprach mit der einstigen Leiterin der Gemälderestaurierung. Erfahren Sie hier mehr.

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