16.09.2022

Die Von Parish Kostümbibliothek in München ist wiedereröffnet

Familienbibliothek und ehemaliges Arbeitszimmer von Hermine von Parish mit nach Befund rekonstruiertem Schablonenfries, Foto: Münchner Stadtmuseum. Foto: © Florian Holzherr
Familienbibliothek und ehemaliges Arbeitszimmer von Hermine von Parish mit nach Befund rekonstruiertem Schablonenfries. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr

Sie ist eine wissenschaftliche Spezialbibliothek zur Mode- und Kostümgeschichte: die zum Münchner Stadtmuseum gehörende Von Parish Kostümbibliothek, die in einer prächtig ausgestatteten Jugendstil-Villa im Münchner Stadtteil Nymphenburg beheimatet ist. Gestern wurde sie nach drei Jahren Restaurierung und Sanierung feierlich wiedereröffnet. Das Video unten zeigt einen Rundgang durch das Juwel der Jahrhundertwende

Die zum Münchner Stadtmuseum gehörende Von Parish Kostümbibliothek gehört zu den größten und thematisch umfassendsten Fachsammlungen ihrer Art, von denen es weltweit nur wenige gibt (Leitung: Dr. Esther Sophia Sünderhauf). Fachleuten aus der Film- und Theaterbranche, Modeschulen und -designer:innen, Kostümforscher:innen, Ausstellungskurator:innen und Kunsthistoriker:innen ist diese Spezialbibliothek eine Fundgrube für Spezialanfragen. Beheimatet ist sie in der Jugendstil-Villa, die in den letzten drei Jahren vom Baureferat München umfassend saniert und technisch modernisiert wurde. Dabei wurde sie behutsam in ihr originales Erscheinungsbild von 1901 versetzt.

Außenansicht der Von Parish Kostümbibliothek, Kemnatenstraße 50, Foto: Münchner Stadtmuseum. Foto: © Florian Holzherr
Außenansicht der Von Parish Kostümbibliothek, Kemnatenstraße 50, Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr

Die Historie der Von Parish Kostümbibliothek

 

Errichtet und ausgestattet wurde die Nymphenburger Villa damals in der Wotanstraße 50 (heute Kemnatenstraße 50!) um 1900/01 von der bekannten Münchner Baugesellschaft Gebrüder Rank für den Offizier und Tonkünstler Friedrich Wilhelm von Schirach (Philadelphia 1870–1924 München). Bereits 1916 verkaufte er sein Haus an Hermine von Parish sen., die dann 1936 mit ihrer Tochter und ihrer damals schon großen Sammlung darin einzog. Seitdem füllte sich das Gebäude vom Dachboden bis zum Keller mit fortlaufend wachsenden Beständen. Aufgrund des nur zweimaligen Besitzerwechsels hat sich in der über 120-jährigen Geschichte der Villa fast die gesamte originale Innenraumgestaltung  in den Repräsentationsräumen im Erdgeschoss erhalten.

Die Sanierung der Räume war überfällig

 

Das Ensemble, das Baugestalt und Inhalt gelungen verbindet, steht nun gleichwertig neben der Villa Stuck, dem Lenbachhaus und dem Hildebrandhaus – den anderen städtischen historischen Häusern, die kulturell genutzt werden. Eine Sanierung der Räume war längst überfällig. Aus dem Bauunterhalt der Landeshauptstadt München, gestreckt über die Jahre 2019–2021 und begleitet durch das Landesamt für Denkmalpflege und das Kommunalreferat, wurden viele Maßnahmen durchgeführt: Neben einer dem Brandschutz Rechnung tragenden Fluchtleiter an der Hausrückseite, einer neuen Heizungsanlage und einem zusätzlichen Archivraum im Keller, einer modernisierten Alarm- und Brandmeldeanlage sowie der neuen Farbgebung von Fenstern und Zaun, waren es vor allem die Räume im Erdgeschoss samt Wintergarten und Treppenhaus, die weitgehend originalgetreu wiederhergestellt wurden.

Salon Richtung Westen. Gelungener Stilmix zwischen Historismus und Jugendstil, Foto: Münchner Stadtmuseum. © Florian Holzherr
Salon Richtung Westen. Gelungener Stilmix zwischen Historismus und Jugendstil, Foto: Münchner Stadtmuseum. © Florian Holzherr

Der Lehrstuhl für Restaurierung der TU München übernahm unter anderem die Befundung der Wand- und Holzfarben 

 

Dank intensiver Befundung der Wand- und Holzfarben, die zum Teil vom Lehrstuhl für Restaurierung der TU München und von den ausführenden, in der Restaurierung erfahrenen Schreiner:innen und Kirchenmaler:innen vorgenommen wurden, ergab sich ein genaues Bild der ursprünglichen Farbgebung. Für Elemente, die rekonstruiert werden mussten, hat die Von Parish Kostümbibliothek Grundlagenrecherchen geleistet. So boten die gleichfalls von der Firma Rank errichteten Nachbarhäuser Orientierung, ebenso Entwurfszeichnungen der Architekten, historische Fotos sowie die Publikation „Farbige Raumkunst“ mit Innenraumaquarellen des Jugendstils. 

Salon Richtung Osten mit Durchblick zur Familienbibliothek und Porträts der Vorfahren. Foto: Münchner Stadtmuseum, © Florian Holzherr
Salon Richtung Osten mit Durchblick zur Familienbibliothek und Porträts der Vorfahren. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr

Die Bespannung des Speisezimmers wurde nach originalen Fragmenten neu gewebt

 

Auf diese Weise konnten für die farbige Lasierung der Dielenvertäfelung, die Holzverkleidung und Fliesen des Wintergartens, die Auskleidung des Windfangs mit japanischen Igusamatten sowie Lampen und Gardinenstangen passende Lösungen gefunden werden. Die Bespannung des Speisezimmers aus indigoblauer Jute wurde nach originalen Fragmenten neu gewebt. Die ursprüngliche Raumkunst der Gebrüder Rank wieder sichtbar und erfahrbar gemacht zu haben, ist das große Verdienst dieser Sanierung unter der Leitung des Baureferates. Ermöglicht wurde sie auch Dank der Förderung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, die Bayerische Landesstiftung – Bezirk Oberbayern, die Paul und Katrin Basiner Stiftung (Nachfahren der Architekten Rank) sowie die Deutsche Stiftung 

Speisezimmer mit originaler Wandvertäfelung und Buffet aus gebeizter Eiche und rekonstruierter Wandbespannung aus Leinengarn. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr
Speisezimmer mit originaler Wandvertäfelung und Buffet aus gebeizter Eiche und rekonstruierter Wandbespannung aus Leinengarn. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr
Sitznische in der Diele, ein beliebtes Motiv der Jugendstil-Innenarchitektur. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr
Sitznische in der Diele, ein beliebtes Motiv der Jugendstil-Innenarchitektur. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr
Wintergarten mit Korbstühlen aus der Zeit um 1900 und Blick in den Garten der Villa. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr
Wintergarten mit Korbstühlen aus der Zeit um 1900 und Blick in den Garten der Villa. Foto: Münchner Stadtmuseum © Florian Holzherr

Wer war Hermine von Parish?

 

Begründet wurde die Sammlung von Hermine von Parish sen. (1881–1966). Durch ihre Heirat mit dem begüterten Edmund von Parish (1861–1916), dessen Vorfahren im 18. Jahrhundert von Schottland nach Hamburg kamen und zu großem Reichtum gelangten, konnte sie auf Reisen in ganz Europa Bücher, Zeitschriften, Grafiken und Fotografien zur Geschichte des Kostüms sammeln. Auch legte sie die Dokumentation an, ein Bildarchiv, das alle nur denkbaren Aspekte des Themas Bekleidung chronologisch und systematisch abbildet. Ihre Initiative basiert jedoch auf älteren Sammlungsbeständen ihres Großvaters Rudolf Marggraff (1805–1880), Kunsthistoriker und Generalsekretär der Münchner Kunstakademie. 

Die 80-jährige Hermine von Parish in grauem Arbeitskittel in der Familienbibliothek, 1987. Foto: Münchner Stadtmuseum © Wolfgang Pulver
Die 80-jährige Hermine von Parish in grauem Arbeitskittel in der Familienbibliothek, 1987. Foto: Münchner Stadtmuseum © Wolfgang Pulver

Die Weiterentwicklung zur Institution

 

Im großen Stil ausgebaut und zu einer Institution entwickelt hat die Sammlung ihre Tochter Hermine von Parish jun. (1907–1998) seit dem Jahr 1970, als sie Haus, Grundstück und Sammlung der Stadt München für das Münchner Stadtmuseum übereignete, und daraufhin eine Leibrente erhielt, die sie vollumfänglich reinvestierte. Im Zentrum der Sammlung steht die europäische Kostümgeschichte. Darüber hinaus sind Bücher und Abbildungen von nahezu jeglicher Bekleidung und Körpergestaltung weltweit und aus allen Epochen vorhanden. „Mit der Von Parish Kostümbibliothek ist ein heute seltenes Zeugnis der Raumkunst des Münchner Jugendstils zugänglich, das unter vielen Schichten noch in seiner Erstfassung erhalten war und rekonstruiert werden konnte. Das Ergebnis überrascht in seiner Schönheit und Besonderheit der Farbgebung. Baugestalt und Inhalt gehen hier eine perfekte Symbiose ein und schaffen eine Atmosphäre von Tradition und Erneuerung,“ erklärt Kulturreferent Anton Biebl.

Buch mit 64 Kostümen Italiens, 64 Zeichnungen, 3 Kupferstiche, Italien, um 1581, hier: Venezianerin, die sich an der Sonne die Haare mit Salzwasser blondiert. Foto: © Münchner Stadtmuseum
Buch mit 64 Kostümen Italiens, 64 Zeichnungen, 3 Kupferstiche, Italien, um 1581, hier: Venezianerin, die sich an der Sonne die Haare mit Salzwasser blondiert. Foto: © Münchner Stadtmuseum
Titelblatt der Zeitschrift Juno, französische Ausgabe, Innsbruck, Sommer 1934. Foto: © Münchner Stadtmuseum
Titelblatt der Zeitschrift Juno, französische Ausgabe, Innsbruck, Sommer 1934. Foto: © Münchner Stadtmuseum

Die Vielfalt der Von Parish Kostümbibliothek

 

Die Bezeichnung „Kostümbibliothek“ lässt kaum erahnen, welche Vielfalt sich dahinter verbirgt. Gesammelt werden bildliche Darstellungen und Texte zur Bekleidung und Mode aus allen Epochen und Ländern – angefangen von steinzeitlichen Fertigungsverfahren bis zur aktuellen Laufsteg- oder Alltagsmode. Modedesign und Haute Couture stehen gleichberechtigt neben Berufs- und Sportbekleidung, Jugendmode, Volkstrachten, Handarbeitstechniken, Accessoires oder angrenzenden Gebieten wie Textilkunde und -handel, Hygiene, Kosmetik und Etikette. Es ist ein weites Feld, das die Begründerinnen der Institution, Hermine von Parish und ihre gleichnamige Mutter, geradezu manisch zu beherrschen suchten.

Das Video zeigt einen Rundgang durch die restaurierte und sanierte Von Parish Kostümbibliothek:

Mehr als Bücher, Zeitschriften, Grafik, Fotografie und Dokumentation

 

Die Von Parish Kostümbibliothek ist mit ihren fünf Sammlungsbereichen – Bücher und Zeitschriften, Grafik, Fotografie und Dokumentation – nicht nur eine der vielfältigsten Kollektionen des Münchner Stadtmuseums, sondern zählt auch international zu den bedeutendsten Spezialbibliotheken für Kostümgeschichte, von denen es weltweit nur rund 20 gibt. Doch die Von Parish Kostümbibliothek hat noch mehr zu bieten: Auch das Haus, in dem sich die Sammlung befindet, eine in Nymphenburg, unweit des Schlosses befindliche Jugendstil-Villa, ist mit seinen musealen Räumen eine Besonderheit dieser Institution. Außerdem wird hier ein umfassendes Familienarchiv der Vorfahren von Hermine von Parish verwahrt, das bis in die 1830er Jahre zurückreicht und Dokumente und Fotografien zu namhaften Personen der Zeitgeschichte enthält, sowie der künstlerische Nachlass ihres Großvaters, des Malers Emanuel Spitzer.

Einen ausführlichen Beitrag zur Sanierung der Von Parish Kostümbibliothek lesen Sie in der RESTAURO-Ausgabe 8/2022.

Tipp: Vor 300 Jahren wurde die Badenburg im benachbarten Nymphenburger Schlosspark  mit seiner prunkvollen Innendekoration fertiggestellt. Zum Jubiläum ließ die Bayerische Schlösserverwaltung das barocke Lustschloss umfassend konservieren und restaurieren.

 

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