Die ruhigen Zeiten sind in Neulietzegöricke vorbei

 

Christian Scheffler, einer der Geschäftsführer der Orgelbauwerkstatt Scheffler GmbH aus Sieversdorf (Brandenburg), hat die Dinse-Orgel der ältesten Kolonistenkirche Brandenburgs restauriert. Die letzten Arbeiten dazu sind gerade zu Ende gegangen. Mit Christian Scheffler sprach unsere Berliner Korrespondentin Uta Baier.

Sie haben eine Orgel von 1845 der Firma Lang und Dinse in der Kirche zu Neulietzegöricke (Brandenburg) restauriert. Was waren die größten Schäden?

Christian Scheffler: Zuerst einmal das Alter. Zweitens die altersbedingt seltene Nutzung. Außerdem gab es nach dem Krieg größere Verluste. Danach gab es einige wohl gemeinte, aber wenig professionelle Restaurierungsversuche. Die führten immerhin dazu, dass die Orgel weiter gespielt werden konnte. Aber wir mussten doch ziemlich viel rekonstruieren.

Was mussten Sie erneuern?

Scheffler: Die Holzpfeifen eines gesamten Registers. Das sind 27 Holzpfeifen und mehr als 250 Metallpfeifen. Dazu kamen noch alle Prospektpfeifen. Die waren 1917 ausgewechselt worden.

Alle?

Scheffler: Alle. Per Dekret, denn man brauchte im Ersten Weltkrieg das Zinn für die Verschlüsse der Zündkapseln an den Kanonen. Die Zinnpfeifen wurden durch Zinkpfeifen ersetzt. Dann gab es offenbar noch weiteren Austausch. Letztendlich fanden wir ein Sammelsurium von verschiedenen Pfeifen.

Was mussten Sie genau machen?

Scheffler: Das eine Pedalregister, der Violon 8 Fuss, wurde irgendwann gegen einen Quintatön 8 Fuss ausgetauscht und damit fehlte dem Pedal eine wichtige Stimme.

Woran haben Sie sich orientiert? Haben Sie schon Orgeln der Firma Lang und Dinse restauriert?

Scheffler: Das ist bereits die vierte Dinse-Orgel, an der wir arbeiteten. In der Uckermark und in Mecklenburg-Vorpommern gibt es einige Dinse-Orgeln. August Ferdinand Dinse war Mitarbeiter der großen Berliner Orgelbaufirma Buchholz bevor er sich selbstständig machte.

Also konnten Sie sich an Dinse- und Buchholz-Orgeln orientieren?

Scheffler: Ja. Und dann ist eine Orgel selbst die beste Quelle. Es gibt zum Beispiel Haltevorrichtungen für die Pfeifen, an deren Größe man sich orientieren kann.

Was macht eine Dinse-Orgel aus?

Scheffler: Ich würde sie zu den guten Orgeln aus dem 19. Jahrhundert zählen. Dinse-Orgeln haben eine einfache Konstruktion, sind musikalisch in sich stimmig und geben dem Raum einen festlichen Klang, so wie es bei einer guten Orgel sein sollte.

1955 hat ein Orgelbauer das Instrument wieder spielbar gemacht.

Scheffler: Da wollen wir nicht drüber richten. Das war eine Zeit, in der niemand Geld für eine Orgelrestaurierung hatte. Immerhin wurde die Orgel wieder spielbar.

Die Kirchengemeinden werden immer kleiner. Viele Orgeln werden nur noch selten gespielt. Wie ist es in Neulietzegöricke und der frisch restaurierten Orgel? Haben Sie Sorge, dass sie zu selten gespielt wird?

Scheffler: Nach der Kirchen- und Orgelrestaurierung ist wieder ein in sich ruhender, stimmiger Kirchenraum, entstanden. Wo es einen solchen Raum mit einer so inspirierenden Orgel gibt, kommen auch Leute, die sie spielen. Es haben sich schon Organisten angemeldet. In der Nähe gibt es ein evangelisches Gymnasium, an dem die Schüler das Orgelspielen lernen. Ich bin mir sicher: Die ruhigen Zeiten in der Kirche sind vorbei!

Die Dinse-Orgel wurde seit dem letzten Sommer restauriert. Am 7. Mai findet ihre Wiedereinweihung statt.