30.11.2022

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Die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“

Die Pfahlbauten von Unteruhldingen feiern 2022 ihren 100. Geburtstag: Seit seiner Eröffnung am 1. August 1922 macht das Pfahlbaumuseum das faszinierende versunkene Weltkulturerbe „Pfahlbauten“ sichtbar. Foto: © Pfahlbauten / M. Schellinger
Die Pfahlbauten von Unteruhldingen feiern 2022 ihren 100. Geburtstag: Seit seiner Eröffnung am 1. August 1922 macht das Pfahlbaumuseum das faszinierende versunkene Weltkulturerbe „Pfahlbauten“ sichtbar. Foto: © Pfahlbauten / M. Schellinger

2011 wurden die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ in die UNESCO-Welterbeliste eingetragen: 111 Fundstellen in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz sind seither UNESCO-Welterbe und stehen stellvertretend für über 1000 bekannte Pfahlbaufundstellen aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit. Die sechs beteiligten Länder teilen sich das Management der Welterbestätte

2021 feierte man ein kleines Jubiläum. Damals vor zehn Jahren, am 27. Juni 2011, wurden die seriellen „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ in die UNESCO-Welterbeliste eingetragen: 111 Fundstellen in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz sind seither UNESCO-Welterbe und stehen stellvertretend für über 1000 bekannte Pfahlbaufundstellen aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit.

Blick auf das Bronzezeitdorf „Unteruhldingen“ im Pfahlbaumuseum. Foto: © Pfahlbauten / A. Mende
Blick auf das Bronzezeitdorf „Unteruhldingen“ im Pfahlbaumuseum. Foto: © Pfahlbauten / A. Mende

Seit dem Eintrag in die Welterbeliste teilen sich die sechs beteiligten Länder das Management der Welterbestätte. Um die Zusammenarbeit sicherzustellen, wurde die „International Coordination Group UNESCO Palafittes“ gegründet und eine Geschäftsstelle in Basel geschaffen, die als Ansprechpartnerin fungiert. Informationen erfragen dürften vor allem Historiker und Archäologen. Denn die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ sind von größter Bedeutung für die frühe Geschichte der Menschheit. Wiederentdeckt hat man sie eher spät. In Folge einer Dürre herrschte 1854 an den Alpenseen extremes Niedrigwasser. Dadurch kamen am Ufer des Zürichsees in der Schweiz Holzpfähle, große Mengen Keramik sowie Steinwerkzeuge an die Oberfläche. Man erkannte dank dieses Phänomens, dass diese Überreste aus der Zeit zwischen Eiszeit und Antike stammten. Anhand der Funde bestimmte man schließlich die Epoche der Jungsteinzeit, in der die Menschen bereits Ackerbau und Viehzucht betrieben. Sie besiedelten die See- und Flussufer sowie die Moore in allen Gebieten rund um die Alpen.

Die ersten beiden Pfahlbaurekonstruktionen aus Riedschachen 1922. Foto: Pfahlbauten, Unteruhldigen / Wikimedia Commons
Die ersten beiden Pfahlbaurekonstruktionen aus Riedschachen 1922. Foto: Pfahlbauten, Unteruhldigen / Wikimedia Commons

Die Pfahlbauperiode umfasst die Zeitspanne von ca. 5000 bis 500 v. Chr. (Schweiz: etwa 4300 bis 800 v. Chr.), also die Jungsteinzeit, Bronzezeit sowie die beginnende Eisenzeit. Die Forschung unterscheidet heute mehr als 30 verschiedene, in den Pfahlbauten nachweisbare Kulturgruppen. Damit können mittel- und südosteuropäische, westeuropäische und mediterrane Kulturtraditionen in ihrer gegenseitigen Beeinflussung dargestellt werden. Zu den Funden zählen nicht nur resistente Keramikscherben, Steinbeile und Tierknochen. Ohne Luftsauerstoff haben zersetzende Mikroorganismen keine Chance. Unter Wasser, in den Seen oder in ständig feuchten Moorböden können organische Objekte leichter die Zeiten überdauern. Dies führt zu guten Erhaltungsbedingungen in den Pfahlbauten. Deshalb sind sie berühmt für die ältesten Textilien Europas. Holzgefäße, Fischernetze und komplette Werkzeuge geben überraschend lebendige Einblicke in das alltägliche Leben vergangener Zeiten. Die Pfahlbauten bringen Flöten aus Holz und Kuriosa wie Kaugummis aus der Steinzeit zu Tage. Und auch das älteste erhaltene Brot der Welt stammt aus den Pfahlbauten.

Keramiken aus den Pfahlbauten des Lac du Bourget (Savoien), gezeichnet von Léon Coutil (1856–1943), um 1915. Foto: Wikimedia Commons /Léon Coutil (1856-1943) / La Céramique des Palafittes du lac du Bourget (Savoie) Bulletin de la Société préhistorique de France Année, 1915, Volume 12 Numéro 9, pp. 386-402
Keramiken aus den Pfahlbauten des Lac du Bourget (Savoien), gezeichnet von Léon Coutil (1856–1943), um 1915. Foto: Wikimedia Commons /Léon Coutil (1856-1943) / La Céramique des Palafittes du lac du Bourget (Savoie) Bulletin de la Société préhistorique de France Année, 1915, Volume 12 Numéro 9, pp. 386-402

Bilder aus der Südsee inspirierten den Historiker Ferdinand Keller und die Künstler des 19. Jahrhunderts zu Siedlungen auf abgehobenen Holzplattformen. Erst die Erkenntnis variierender Seespiegel sowie an Kleinseen und in Mooren aufgedeckte Holzböden und Feuerstellen führten im frühen 20. Jahrhundert zur Vorstellung von Uferpfahlbauten und ebenerdig angelegten Dörfern.

Die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ sind eine einmalige Quellen für die Erforschung des Alltags in Jungsteinzeit und Bronzezeit

 

Die Pfahlbauten sind vor allem aufgrund ihrer besonderen Erhaltungsbedingungen von außergewöhnlichem Wert. Siedlungen sind deshalb einmalige Quellen für die Erforschung des Alltags in Jungsteinzeit und Bronzezeit. Etwa am Bieler See. Reste einer frühen Siedlung im Bereich des Hafens von Vingelz wurden hier 1874 entdeckt. Das steile Nordufer des Bielersees bot im Vergleich zum flachen Südufer nur wenige siedlungsgünstige Lagen, weshalb die Dörfer immer wieder an der gleichen Stelle gebaut wurden. Eine Palisade aus Holzpfählen aus den Jahren um 2970 v. Chr. stammt aus der ältesten Siedlung. Danach wurden zwei bis drei weitere Dörfer am Ufer gebaut. Die Ausdehnung und Erhaltung der Fundstelle wurden seit 1985 mit Kernbohrungen und Sondiergrabungen unter Wasser untersucht. Ihre Fläche ist eher klein, dafür wurden mehrere fundreiche Schichten mit übereinanderliegenden Lagen aus Steinen, Holz, Lehm und Siedlungsabfall dokumentiert.

Still aus einem Unterwasservideo in der Zone Vers-l’Eglise. Seit 2011 sind die Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit in der Gemeinde Morges am Nordufer des Genfersees unter dem Sammelnamen Stations de Morges UNESCO-Welterbe. Wikimedia Commons / Stedewa
Still aus einem Unterwasservideo in der Zone Vers-l’Eglise. Seit 2011 sind die Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit in der Gemeinde Morges am Nordufer des Genfersees unter dem Sammelnamen Stations de Morges UNESCO-Welterbe. Foto: Wikimedia Commons / Stedewa

Oder Gaienhofen am Bodensee. Die Fundstelle wurde zwischen 1856 und 1857 entdeckt und ist der Namensgeber der „Hornstaader Gruppe“. Sie wurde durch das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg bereits 1973 erkundet, und dann im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft intensiv erforscht. Damit ist sie eine der am längsten und besten untersuchten Pfahlbausiedlungen am Bodensee. Insgesamt wurden fünf Siedlungsareale identifiziert, inklusive aus der Pfyner und der Horgener Kultur. Gefunden wurden Textilien und organische Materialien. Sie deuten auf weiträumige Tausch- und Handelsbeziehungen nach Bayern, Italien und Nordwesteuropa hin. Pfahlsiedlungen ermöglichen nicht nur Einblicke in ökonomische Entwicklungen, sondern auch in die Auswirkungen von Klimaschwankungen in prähistorischer und historischer Zeit. Aus diesen Gründen wurden sie in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. In Deutschland stehen 18 Fundstellen auf der Liste, drei liegen in Bayern, 15 in Baden-Württemberg. 

1904 traten nach der künstlichen Absenkung des Wasserspiegels des Lac de Chalain (Département Jura) zur Wasserkraftnutzung Tausende von Holzpfählen (Pfosten von Häusern) und Gegenstände des alltäglichen Lebens wie Keramik- und Holzgefässe, Werkzeuge aus Stein und Knochen, Stoffreste und Einbäume (Foto) auf der ganzen Länge des westlichen Ufers zutag. Musée archéologique de Lons-le-Saunier / Wikimedia Commons / BR
1904 traten nach der künstlichen Absenkung des Wasserspiegels des Lac de Chalain (Département Jura) zur Wasserkraftnutzung Tausende von Holzpfählen (Pfosten von Häusern) und Gegenstände des alltäglichen Lebens wie Keramik- und Holzgefässe, Werkzeuge aus Stein und Knochen, Stoffreste und Einbäume (Foto) auf der ganzen Länge des westlichen Ufers zutage. Foto: Musée archéologique de Lons-le-Saunier / Wikimedia Commons / BR

Aber wie erhält man sie, wenn die Fundplätze in Seen oder Mooren liegen und vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind? Da wären intensive Bautätigkeit, austrocknende Böden, Wellenschlag, aber auch Tourismusaktivitäten, die den Pfahlbauten durch Erosion und Zerstörung zusetzen. Was Jahrtausende überdauert hat, droht so in wenigen Jahren verloren zu gehen. Kontrolle und Betreuung dieser Fundstellen und ihre Erforschung stehen daher an erster Stelle. Das Label „UNESCO-Welterbe“ soll ein Bewusstsein um die besondere Bedeutung der Pfahlbau-Fundstellen schaffen sowie die Alpenländer in ihren Bemühungen unterstützen, dieses weltweit einmalige Kulturerbe unter Wasser zu erhalten, zu erforschen und dessen besonderen Wert zu vermitteln.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 5/2022. In dieser Ausgabe widmet sich RESTAURO dem UNESCO-Welterbe.

Seit 2011 sind fünf der besonders gut erhaltenen österreichischen Fundstätten Teil des UNESCO Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“. Doch wie haben diese Siedlungen ausgesehen? Welche Hinweise geben diese Fundorte über das prähistorische Leben? Und wie wird dieses Weltkulturerbe unter Wasser erforscht? Archäologe Cyril Dworsky untersucht diese Fragen und taucht ein in die versunkene Welt der Pfahlbauten. Das Video dazu sehen Sie hier.

Das Kuratorium Pfahlbauten wurde 2012 ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO Welterbe „PREHISTORIC PILE DWELLINGS AROUND THE ALPS“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen. Cyril Dworsky ist Archäologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Wissenschaftskommunikation. Als einer der wenigen ExpertInnen in Österreich für Archäologie unter Wasser hat er für das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur die erfolgreiche Einreichung der Österreichischen Pfahlbauten zum UNESCO-Welterbe koordiniert. Seit 2012 ist er der Geschäftsführer des Kuratoriums Pfahlbauten, der nationalen Einrichtung für das Management des Pfahlbau-Welterbes. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Schaffung von tragfähigen Strukturen, um das Österreichische Kulturerbe unter Wasser in Zukunft besser schützen und erforschen zu können.

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