15.09.2022

Nachhaltigkeit

Der Klimawandel und die Restaurator:innen

von Uta Baier
RESTAURO sprach mit Constanze Fuhrmann, Leiterin des Fachreferats Umwelt und Kulturgüter bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) über Klimawandel und die Verringerung des CO2-Abdrucks im Kultursektor. Foto: © privat
RESTAURO sprach mit Constanze Fuhrmann, Leiterin des Fachreferats Umwelt und Kulturgüter bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) über Klimawandel und die Verringerung des CO2-Abdrucks im Kultursektor. Foto: © privat

Klimawandel schadet auch Kulturgütern. Ein Gespräch mit Constanze Fuhrmann, Leiterin des Fachreferats Umwelt und Kulturgüter bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), über Themenvielfalt, Technologien zur Verringerung des CO2-Abdrucks im Kultursektor und über eine KI, die Schimmelbildung erkennt

RESTAURO: Kulturguterhalt ist ein originäres Thema von Restauratoren – wie hilft Ihnen Ihr restauratorisches Wissen und Können als Leiterin des Fachreferats Umwelt und Kulturgüter bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt?

Constanze Fuhrmann: Das ist natürlich in vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Die Begeisterungsfähigkeit für kunsthistorische und naturwissenschaftliche Themen, die ich als Restauratorin und im Übrigen auch als Kunsthistorikerin in die Arbeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) einbringe, brauche ich, um die Themenvielfalt und Themendichte, die wir hier bedienen, bearbeiten zu können. Wir fördern bei der DBU viele interdisziplinäre Projekte, in denen innovative und lösungsorientierte Ansätze entwickelt werden. Um deren Innovationscharakter zu analysieren und um zu bewerten, ob der Antragsteller mit seinem Ansatz über den bisherigen Stand der Technik hinausgeht, brauche ich ein Grundverständnis der methodischen Ansätze und viel Wissen über den derzeitigen Forschungs- und Praxisstand. Das interdisziplinäre Verständnis, das ich als Restauratorin habe, hilft bei der Entscheidung über die Förderfähigkeit von Projekten.

RESTAURO: Sie haben vorher beim Fraunhofer-Institut gearbeitet. Was reizte Sie, zur DBU zu gehen?

Constanze Fuhrmann: Es war tatsächlich die Themenvielfalt. Ich arbeite gern interdisziplinär und finde es ungemein reizvoll, mich mit mehr als einem einzigen Aspekt zu befassen. Bei der DBU habe ich eine Palette an Themen von der klassischen Restaurierung und Konservierung über die Baudenkmalpflege bis hin zu energetischen Fragestellungen und zu naturwissenschaftlichen Themen zu bearbeiten. Diese Vielfalt ist spannend, und ich bekomme einen hervorragenden Überblick, was im Bereich Denkmalpflege sowie  in Restaurierung und Konservierung aktuell diskutiert wird. Und was ich wirklich sehr gut finde: Ich kann meine eigenen Ideen einbringen. Denn es ist nicht nur so, dass ich über Anträge entscheide. Wir arbeiten sehr eng mit den Antragstellern zusammen, und ich kann sie auch begeistern, Themen aufzugreifen.

RESTAURO: Haben Sie genügend Bewerbungen um die DBU-Förderungen mit dem Fokus Kulturerbe-Erhaltung?

Constanze Fuhrmann: Wir haben seit der Gründung der Stiftung 1990 mehr als 850 Projekte im Kulturgüterschutz mit einer Summe von rund 140 Millionen Euro gefördert. Das sind schon viele Projekte. Ich bekomme zahlreiche Anfragen. Aber wir passen uns mit unserer Förderung auch regelmäßig an aktuelle Herausforderungen an.

RESTAURO: Inwiefern? Was ändert sich aktuell?

Constanze Fuhrmann: In den 1990er-Jahren wurde der Fokus auf Schadstoffe gelegt, die aus der Verbrennung fossiler Energieträger stammen und die zu irreversiblen Schäden am Kulturgut geführt haben. Im Lauf der Jahre sind weitere Schadensphänomene durch Stickoxide, Ozon, Staub hinzugekommen. Uns ist es wichtig, die Schwerpunkte regelmäßig an aktuelle Entwicklungen anzupassen. Darüberhinaus wollen wir Impulse für die Restaurierungswissenschaft setzen und zum Fortschritt in der Disziplin  beitragen. Deshalb haben wir bei der Überarbeitung der Förderleitlinien auch das Thema des anthropogen-induzierten Klimawandels berücksichtigt. Damit möchten wir als Umweltstiftung ein Bewusstsein für diese negativen Auswirkungen der Klimaveränderungen auf das Kulturerbe schärfen. Überdies fördern  wir Projekte zum Thema digitale Technologien, denn sie sind ein wichtiger Schlüssel zum Kulturgutschutz. Der Bildungsaspekt ist ebenfalls ein  wichtiger Fokus: Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung fördern wir Projekte, die zur Nachwuchsgewinnung und                            Nachwuchsqualifizierung beitragen und die junge Menschen für Nachhaltigkeit sensibilisieren sollen.  Das führt zu einem breiten Spektrum an facettenreichen Förderanträgen.

RESTAURO: Sie bleiben nicht auf dem Fördergeld sitzen?

Constanze Fuhrmann: Mein Anspruch ist es, das Geld, das uns als Stiftung zur Verfügung steht, für den Schutz von Kulturgut einzusetzen. Ich sehe mich auch in der Verpflichtung gegenüber dem Restaurierungs- und Denkmalbereich, auf die Akteure zuzugehen und zukunftsfähige Ideen zu entwickeln.  Ziel sollte meines Erachtens sein, die für Forschung zum Kulturgutschutz zur Verfügung stehenden eher überschaubaren Beträge sinnstiftend  zu verwenden.

RESTAURO: Gibt es trotzdem Themen, für die Sie Antragsteller gern ermutigen würden, sich mit ihnen zu beschäftigen?

Constanze Fuhrmann: Der Klimawandel ist ein solches Thema. Die Herausforderungen auf diesem Gebiet sind enorm. Da bedarf es mehr Finanzierung der Forschung – insbesondere über Anwendungsstrategien in der Praxis und über Technologien zur Verringerung des CO2-Abdrucks im Kultursektor. Vorsorge, bessere Frühwarnsysteme, Risikoanalysen, Nutzung von Umwelt und Wetterdaten:  Das sind die Themen, die gefördert werden sollten. Auch brauchen wir noch mehr innovative Erhaltungs- und Schutzkonzepte bis hin zu Anpassungsstrategien. auf diesem Feld bieten sich ebenfalls Anträge an.

RESTAURO: Anpassungsstrategien ist ein gutes Stichwort. Wie kann der Erhalt von Kulturerbe an die bestehende Gesetzgebung angepasst werden. Da gibt es einige Probleme, oder wie sehen Sie das?

Constanze Fuhrmann: Es gibt erheblichen Diskussionsbedarf,  um Denkmalschutz mit der aktuellen Klimagesetzgebung in Einklang zu bringen. Die UNESCO fordert, dass der authentische Zustand eines Denkmals erhalten bleibt. Zugleich müssen in der Praxis klimatische Vorgaben umgesetzt werden. Da ist zum Beispiel die Frage, wie wir damit umgehen, wenn der historische Charakter eines unter Schutz stehenden Altstadtbereiches durch verstärkte Begrünung verändert wird. Notwendig sind Leitlinien, die einen Rahmen setzen, und wir brauchen Flexibilität im Denken und Handeln. Das bedeutet, dass wir grundsätzlich darüber diskutieren müssen.

Das Interview führte Uta Baier.

Vita: Constanze Fuhrmann, M.A. in Kunstgeschichte, Geschichte und Kulturwissenschaften und M. Sc. in Sustainable Heritage. Seit 1997 wissenschaftlich und praktisch tätig im Bereich Denkmalpflege, Restaurierung und Baukulturvermittlung, u. a. beim Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung, Abteilung Digitalisierung von Kulturerbe, dem Fraunhofer Büro in Brüssel und der Bundesstiftung Baukultur. Seit April 2019 Leitung des Referats Umwelt und Kulturgüter bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wo sie innovative Projekte im Bereich Kulturerbe zu Nachhaltigkeit, Klimawandel und Digitalisierung fördert.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 7/2022 (Titelthema Kulturgutschutz), die im Oktober 2022 erscheinen wird.

Im #DBUdigital Online-Salon „Kulturerbe und Klimawandel – wo stehen wir?“ (15. Oktober 2021) diskutieren führende Expert:innen aus Wissenschaft und Politik notwendige Anstrengungen in Forschung und Praxis sowie erforderliche rechtliche und politische Rahmenbedingungen für einen effektiven Schutz unseres Kulturerbes im 21. Jahrhundert. Betrachtet werden sollen auch Klimaprognosen und Schadphänomene, mit denen in Deutschland zukünftig zu rechnen ist. Erfahren Sie mehr im Video: 

 

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Tipp: Der globale Klimawandel macht inzwischen an historischen Liegenschaften und deren Innenausstattung bemerkbar. Zunehmende Trockenheit und lange Hitzephasen zerstören nicht nur das Gebälk, sondern auch Leinwandgemälde, Papierarbeiten, Holzmöbel oder Wandmalereien. Die Folge sind Brüche und Risse. Ein Forschungsprojekt an der Universität Bamberg unter der Leitung von Dr. Paul Bellendorf untersuchte das „Schadensrisiko für Kulturgut aufgrund zu geringer relativer Luftfeuchte in Innenräumen von national wertvollen Kulturgütern“. Lesen Sie mehr hier. 

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