29.11.2022

Museum

Der Dom zu Regensburg

von Martin Miersch
Herausragende Edition „Der Dom zu Regensburg“: Unter der Leitung des Kunsthistorikers Achim Hubel und des Bauforschers Manfred Schuller arbeitete ein Forschungsteam 25 Jahre lang an einem interdisziplinären Projekt

Herausragende Edition „Der Dom zu Regensburg“: Unter der Leitung des Kunsthistorikers Achim Hubel und des Bauforschers Manfred Schuller arbeitete ein Forschungsteam 25 Jahre lang an einem interdisziplinären Projekt

Es ist ein beeindruckendes Projekt: Die fünfbändige Buchedition „Der Dom zu Regensburg“. Noch nie ist wie im Falle des Regensburger Doms St. Peter eine monumentale Kathedrale in solcher Gründlichkeit vermessen, fotografiert, dokumentiert und analysiert worden

Im Pustet Verlag Regensburg ist vor einige Jahren der letzte Band einer fünfbändigen wissenschaftlichen Edition zum Regensburger Dom erschienen. Dieses Projekt ist einzigartig auf dem Gebiet der Erforschung gotischer Kathedralen. Der Regensburger Dom verkörpert als einzige Kirche Deutschlands östlich des Rheins den in Frankreich geprägten Typus der „klassischen“ gotischen Kathedrale – eine basilikale Anlage mit dreigeschossigem Aufriss des Mittelschiffs, Querhaus und Westfassade mit zwei Türmen, erbaut im Skelettsystem mit Strebepfeilern und Strebebögen.

Er wurde nach einem Brand 1273, gegenüber dem vorangehenden karolingisch-ottonischen Dom leicht nach Südwesten versetzt, als Neubau errichtet, während der alte Dom in verkürzter Form noch einige Jahrzehnte genutzt werden konnte.Unter der Leitung des Kunsthistorikers Professor Dr. Achim Hubel und des Bauforschers Professor Dr. Manfred Schuller arbeitete ein Forschungsteam 25 Jahre lang daran, den Regensburger Dom als Modellfall einer gotischen Kathedrale zu untersuchen. Die Buchreihe „Der Dom zu Regensburg“ stellt das beeindruckende Ergebnis dieser Forschungen dar. Zahlreiche Studierende des Bamberger Aufbaustudiengangs Denkmalpflege haben daran mitgearbeitet.

Dombaurechnungen, mittelalterliche Urkunden und archivalische Quellen und vieles mehr

 

Band 1 des Werkes enthält die Edition der erhaltenen Dombaurechnungen des 14.-16. Jahrhunderts, mittelalterliche Urkunden und archivalische Quellen, eine Zeittafel sowie einen Abbildungsteil mit historischen Ansichten des Doms außen wie innen, die vor dem Zeitalter der Fotografie entstanden sind. Die Fülle des zusammengetragenen Materials ist wirklich erstaunlich. So liefert der Fotodokumentation gewidmete Band 4 mit 2678 Aufnahmen – darunter 70 in Farbe – eine umfassende fotografische Gesamtdarstellung des Doms. Da die Fotografien vielfach innen wie außen von Gerüsten aus aufgenommen werden konnten, ergeben sich völlig neue Perspektiven. So konnten während der Restaurierungsphase ab 1985 auch sonst unzugängliche Kapitelle, Wasserspeier, Blattranken, Fialen und Fabelwesen vom Gerüst aus fotografiert werden.

Blick auf die Westfassade des Regensburger Doms, vom Turm der Dreieinigkeitskirche aus. Links im Bild befindet sich der Goldene Turm. (2006). Foto: Wikimedia Commons / S.Fischer
Blick auf die Westfassade des Regensburger Doms, vom Turm der Dreieinigkeitskirche aus. Links im Bild befindet sich der Goldene Turm. (2006). Foto: Wikimedia Commons / S.Fischer
Westfassade (Jan. 2010): In der Mitte erkennt man einen größeren Bereich, der aus Grünsandstein anstelle von Kalkstein besteht. Foto: Wikimedia Commons / Wolfgang Pehlemann
Westfassade (Jan. 2010): In der Mitte erkennt man einen größeren Bereich, der aus Grünsandstein anstelle von Kalkstein besteht. Foto: Wikimedia Commons / Wolfgang Pehlemann
Portal des Doms nach der Restaurierung. Foto: Wikimedia Commons / Sebastian Fischer
Portal des Regensburger Doms nach der Restaurierung. Foto: Wikimedia Commons / Sebastian Fischer
Südquerhaus mit Fries unter dem Giebelansatz mit Blattmaske (mittig, ca. 1310). Foto: Wikimedia Commons / Bkmd
Südquerhaus mit Fries unter dem Giebelansatz mit Blattmaske (mittig, ca. 1310). Foto: Wikimedia Commons / Bkmd
Westfassade mit dem auf einem Löwen reitenden König Nebukadnezar vor der Stirnwand der Turmstrebepfeiler in Höhe der Erdgeschossfenster (nach der Vision des Propheten Daniel); Kragstein mit Blattmaske. Foto: Wikimedia Commons / Bkmd
Westfassade mit dem auf einem Löwen reitenden König Nebukadnezar vor der Stirnwand der Turmstrebepfeiler in Höhe der Erdgeschossfenster (nach der Vision des Propheten Daniel); Kragstein mit Blattmaske. Foto: Wikimedia Commons / Bkmd

Die 176 Figuren am Westportal waren 1985 noch von einer schwarzen Kruste aus Umweltgips und Vogelkot entstellt. Die Fassadenreinigung schälte daraufhin filigrane Details heraus. Besonders erhellend sind die Fotografien der auf Bären bzw. Panthern reitenden Könige vom Westwerk. Details ihrer im Lapidarium aufbewahrten Originale und der Ende des 19, Jahrhunderts angefertigten Kopien lassen sich so optimal vergleichen.

Ebenfalls eindrucksvoll geworden ist der in Folio-Format gestaltete Tafelband: In ihm sind insgesamt 196 Tafeln enthalten, mit denen die baugeschichtliche Forschung am Regensburger Dom in zeichnerischer Form vorliegt. Die isometrischen Zeichnungen, die die komplexe Architektur veranschaulichen, wurden mit modernster Technik erarbeitet. Grundlage dafür waren 25 Jahre Forschung am Dom, die durch eine Innenrestaurierung 1985 – 1989 und eine erst nach der Restaurierung des Hauptportals abgeschlossene Außenreinigung und die damit verbundene Einrüstung fast des gesamten Doms – ermöglicht wurde.

Band 1 behandelt die Quellen zur Erbauung des gotischen Doms, darunter die erhaltenen Baurechnungen aus der Zeit um 1380 bis 1550 und der Vertrag mit dem Werkmeister Wolfgang Roriczer, mittelalterliche Baurisse sowie Ansichten vor dem Zeitalter der Fotografie. Ein Exkurs vermittelt einen Überblick über den romanischen Vorgängerbau aus der Sicht der Bauforschung.

Wie viele Meister am Dom mitbauten, das sieht man an der Vielfalt der Steinmetzzeichen, von denen einige mit dem Siegel nachgewiesener Regensburger Steinmetzen übereinstimmen: 10.000 Zeichen lassen sich 800 verschiedenen Zeichenbesitzern zuordnen. Auch die Baurechnungen haben sich erhalten, davon sind für diesen Band zu den bisher vier 16 neue bekannt und ediert worden. Die älteste stammt von 1380/85. Die Analyse der Steinmetzzeichen offenbart, dass neben den Langzeitkräften zwischen 1275 und 1440 auch zahlreiche Kurzzeitkräfte am Dom beschäftigt waren.

Band 2 widmet sich den Ergebnissen der Bauforschung, der Architektur- und Kunstgeschichte und hier stehen vor allem die Bauplastik, die Glasmalereien und der Domschatz im Fokus. Behandelt wird in chronologischer Folge zuerst der romanische Vorgängerbau und was von ihm noch zu sehen und zu erschließen ist, außerdem die stilgeschichtliche Stellung des gotischen Doms und eine sehr ausführliche Studie Achim Hubels zu den gotischen Skulpturen dieser Epoche.

Band 3 beginnt mit einem ausführlichen Kapitel zur Farbigkeit des Doms. Dabei werden die Untersuchungsergebnisse zu den früheren Farbfassungen der Architektur und der Skulptur nicht nur beschrieben, sondern auch durch zahlreiche digitale Rekonstruktionen illustriert. Weitere Beiträge widmen sich der mittelalterlichen Dombauhütte sowie den Bildhauertechniken. Umfangreiche Beiträge schildern die nachmittelalterliche Ausstattung bis zur Säkularisation, ebenso im Anschluss daran die Purifizierung, die Domvollendung und die Leistungen der Dombauhütte im 19. und 20. Jahrhundert. Auch die Glocken des Doms werden beschrieben.

Außerdem enthält der Band zwei umfangreiche Katalogteile: Der erste Teil fasst alle Informationen zur Bautechnik und Baukonstruktion zusammen und ergänzt sie durch viele Kapitel zu einzelnen Bauteilen wie Lettner, geplanter Vierungsturm, Confessio, Nebenportale, Dachstühle usw. Der zweite Teil dokumentiert alle Skulpturen des Doms und die gesamte Bauplastik.

Ein Register für alle fünf Bände schließt diesen Band ab. Wichtig ist hier vor allem der grundlegende Aufsatz von Manfred Schuller über die „Bauentwicklung bis 1500, Belege und Befunde“. Diese überaus gründliche Edition zur ambesten erforschten gotischen Kathedrale Deutschlands hat zweifellos Vorbildcharakter für ähnliche Unternehmungen. Nie zuvor isteine monumentale Kathedrale in solcher Gründlichkeit vermessen, fotografiert, dokumentiert und analysiert worden.

Älteste bekannte fotografische Gesamtansicht Regensburgs (um 1866). Man erkennt die gerade im Bau befindlichen Turmhelme. Foto: Wikimedia Commons / Photoatelier Johann Laifle (Aufdruck verso) / Artsolutions (Diskussion)
Älteste bekannte fotografische Gesamtansicht Regensburgs (um 1866). Man erkennt die gerade im Bau befindlichen Turmhelme. Foto: Wikimedia Commons / Photoatelier Johann Laifle (Aufdruck verso) / Artsolutions (Diskussion)
Aufnahme des Doms vom Sommer 1860, nach der am 21. Mai 1860 begonnenen Niederlegung des Südturm-Daches. Foto: Wikimedia Commons / Avarim
Aufnahme des Doms vom Sommer 1860, nach der am 21. Mai 1860 begonnenen Niederlegung des Südturm-Daches. Foto: Wikimedia Commons / Avarim
Die Regensburger Domtürme im Frühjahr 1865. Foto: Wikimedia Commons / Franz Josef Denzinger
Die Regensburger Domtürme im Frühjahr 1865. Foto: Wikimedia Commons / Franz Josef Denzinger
Ziborium im Südchor, davor der Zelebrationsaltar von Helmut Langhammer. Foto: Wikimedia Commons / Rufus46
Ziborium im Südchor, davor der Zelebrationsaltar von Helmut Langhammer. Foto: Wikimedia Commons / Rufus46
Die Große Fürstin von 1696 hängt im massiven Holzglockenstuhl des Nordturmes. Foto: Wikimedia Commons / Andreasdz
Die Große Fürstin von 1696 hängt im massiven Holzglockenstuhl des Nordturmes. Foto: Wikimedia Commons / Andreasdz
Die Frauenglocke von 1696 ist nur per Seilzug läutbar. Foto: Foto: Wikimedia Commons / Andreasdz
Die Frauenglocke von 1696 ist nur per Seilzug läutbar. Foto: Foto: Wikimedia Commons / Andreasdz

Der Regensburger Dom St. Peter zählt zu den bedeutendsten Leistungen der Gotik in Bayern. Mit seinen weit sichtbaren Türmen ist der Dom Mittelpunkt der UNESCO Welterbestadt Regensburg. Eindrucksvoll sind die farbenprächtigen Glasfenster aus dem 13./14. Jahrhundert. Der Kreuzgang, einst Begräbnisstätte Regensburger Bürger und Domherren, wird vorrangig durch das gotische Kreuzrippengewölbe aus dem 15. Jahrhundert geprägt. Die Allerheiligenkapelle, Mitte des 12. Jahrhunderts von oberitalienischen Bauleuten errichtet, ruft Erinnerungen an Ravenna wach und kann auch mit einer Führung besichtigt werden. Der Regensburger Dom ist die einzige gotische Kathedrale Bayerns. Sehen Sie mehr im Video:

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