09.08.2021

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Das Erbe der Hanse bewahren – Wismar und Stralsund

von Martin Miersch
Blick von der Stralsunder Marienkirche auf die Altstadt mit Nikolaikirche und Jakobikirche. Foto: Wikimedia Commons/BenjaminW

Blick von der Stralsunder Marienkirche auf die Altstadt mit Nikolaikirche und Jakobikirche. Foto: Wikimedia Commons/BenjaminW

Neben den prominenten Hansestädten Mecklenburg-Vorpommerns wie Rostock oder Stralsund gibt es auch weniger bekannte wie Wismar. Zum Unesco-Welterbe gehören sie schon eine Weile und haben viel zu bieten

Blick von der Stralsunder Marienkirche auf die Altstadt mit Nikolaikirche und Jakobikirche. Foto: Wikimedia Commons/BenjaminW
Blick von der Stralsunder Marienkirche auf die Altstadt mit Nikolaikirche und Jakobikirche. Foto: Wikimedia Commons/BenjaminW

Das kulturelle Erbe der Hanse

Galten der UNESCO zunächst nur einzelne herausragende Monumente als schützenswert, so ging man schon bald dazu über ganze Altstädte zum Weltkulturerbe zu ernennen, wenn sie die entsprechenden strengen Kriterien der Organisation erfüllten. Nach Lübeck (1987) und Bamberg (1993) wurden auch die Altstädte von Quedlinburg (1994) und Regensburg (2006) mit dem Welterbe-Titel ausgezeichnet. So war es nur konsequent, dass 2002 auch die Städte Wismar und Stralsund berücksichtigt wurden.

Als idealtypische Beispiele für das kulturelle Erbe der Hanse, dem Handelsverbund im Ostseeraum im 14. Jahrhundert haben sie ihre mittelalterliche Prägung bewahrt. Viele Bürger:innen Wismars und Stralsunds kennzeichnet heute eine enge Verbundenheit mit ihrer Stadt, einige kämpfen schon seit Jahrzehnten für den Erhalt der wertvollen historischen Bausubstanz.

Der Wismarer Architekt Hermann Ziegenhals war schon zu DDR-Zeiten begeistert von den Architektur-Monumenten und der geschlossenen Bebauung der Stadt: „Damals wollten alle eine Neubauwohnung am Stadtrand haben. Ich hatte eine Neubauwohnung am Stadtrand und wollte in die Innenstadt.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Indem er baut, erschafft der Mensch sich selbst.“ So kaufte er 1978 das um 1430 erbaute Haus in der Dankwartstr. 8, das von den Wismarer:innen wegen seiner Breite von nur 4,80 Meter das „schmale Handtuch“ genannt wird.

Man hatte geplant, das Gebäude abzureißen, aber Ziegenhals legte ein schlüssiges Rettungskonzept vor. Doch er bekam kaum Baumaterial. Nach sechs Jahren mit Sanierungsarbeiten konnte er 1984 schließlich einziehen. Er erhielt einen Preis für die denkmalgerechte Sanierung des Giebelhauses und ist stolz, in einem Weltkulturerbe zu leben. Voller Elan hatte er sich an die schwierige Arbeit gemacht. „Wer zeichnen will, muss erst einmal schauen können!“ Diesen Rat gab er damals seinen Student:innen an der Hochschule Wismar mit auf den Weg. Und so hat er die ersten anderthalb Jahre erstmal nur geschaut und geplant, bevor er sich an die Mammutaufgabe der Sanierung machte.

Das „schmale Handtuch“

In den achtziger Jahren rettete er das unscheinbare, kurz vor dem Abriss stehende Haus beim Wismarer Rathausplatz schließlich vor dem Abriss. Es ist das älteste Gebäude der Stadt. Zu wohl jedem Haus der Altstadt hat Ziegenhals Material gesammelt. Er ist – so könnte man sagen – Wismarer durch und durch: „Ich wohne sehr gerne hier. Ich liebe diese Stadt.“ Zahlreiche Menschen, die nach der Wende Wismar verließen, sind inzwischen zurückgekehrt, angezogen von der unbestreitbaren Lebensqualität der Altstadt. In Stadtführungen werden die schönsten Gebäude mit ihrer Geschichte vorgestellt. Die neuen Eigentümer, so Ziegenhals, sollen einen Sinn für traditionelle Materialien und für behutsames Sanieren bekommen.

Akanthusmalereien an alten Deckenbalken

In der alten Hansestadt Stralsund legt der Restaurator Wolf Thormeier verborgene Akanthusmalereien an alten Deckenbalken frei. Zu DDR-Zeiten gab es sogar schon Pläne, die Altstadt großflächig abzureißen. „Es war für Stralsund wirklich fünf vor zwölf.“ Thormeier hat in Stralsund schon mehr als 300 Häuser saniert. Außerdem betätigt er sich als akribischer Tapetenforscher.

Die alten Zeitungen, die sich zwischen den Tapetenlagen erhalten haben, helfen ihm diese zu datieren. Thormeier hat Tapeten aus dem gesamten 19. und 20. Jahrhundert dokumentiert und sogar einige Beispiele aus dem 18. Jahrhundert gefunden. In eigens angefertigten Büchern dokumentiert Thormeier seine Tapetenfunde, allein 50 Stücke aus einem einzigen Haus in der Stralsunder Knieperstraße sind dort vereint. Auch stellt er seine Tapetenfunde gerne aus.

Ein Besucher seiner Ausstellung schwärmt: „Wann hat man schon mal so alte Tapeten gesehen!“ Die Knieperstraße gehört zum Kerngebiet des UNESCO-Welterbes mit dem Titel Historische Altstädte Stralsund und Wismar. Auch Wolf Thormeier fühlt sich eng mit seiner einzigartigen Heimatstadt verbunden: „Man ist begeistert und man weiß, dass man hier auch noch Einiges retten kann. Auch, wenn die Stadt kein Mekka für Restauratoren ist, können fünf bis sechs von ihnen hier gut nebeneinander leben.“

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