BRAFA in Brüssel: Restaurierung darf sichtbar sein

Die Brüsseler Kunstmesse BRAFA findet vom 19. bis 26. Juni 2022 auf der Brussels Expo statt. Über 100 Galerien laden auf eine Reise durch mehr als 5000 Jahre Kunstgeschichte ein. Darunter sind auch traditions-
reiche Brüsseler Galerien, die keine restauratorische Mühe für ihre mitunter Jahrhunderte alten Offerten scheuen

Tom Desmet und sein Sohn Tobias Desmet von der Galerie Desmet etwa haben ihren Fokus auf die klassische Skulptur von der Antike bis zur Neoklassik gelegt und spiegeln damit den Geschmack der Grand Tour wider. Ihr Fachgebiet ist die antike europäische Skulptur mit Schwerpunkt auf der griechisch-römischen Skulptur, die sich von der Antike über die Frührenaissance, den Manierismus bis hin zum Barock erstreckt. Ihr Angebot beinhaltet Skulpturen, Statuetten und Flachreliefs aus Marmor, Bronze, Terrakotta und Holz, sowie eine feine Auswahl an archäologischen Objekten aus dem alten Ägypten, Griechenland, Rom und dem Nahen Osten. Zur Brafa bringen sie die auf das 17. Jahrhundert datierte Statue „Hermes von Pio-Clementino“, die antiken Vorbildern nacheifert. Sie zeigt einen nackten jungen Mann mit einem Umhang, der über die linke Schulter geworfen und um den linken Unterarm gewickelt ist.

Restauratoren: gute Bildhauer und Handwerker

Er steht ruhend in einer Kontrapoststellung und blickt nach unten. Die Statue besteht aus weichem Holz und war ursprünglich mit einer Stuckschicht bedeckt, die höchstwahrscheinlich weiß gestrichen worden ist, um Marmor zu imitieren. Nachdem die Stuckoberfläche mit der Zeit verschwunden ist, lässt sich heute erkennen, wie sie hergestellt wurde. Der Körper wurde aus einem Stück Holz geschnitzt und Kopf und Arme separat befestigt, um dem Bildhauer die Arbeit zu erleichtern. Die Provenienz geht zurück auf das historische Chateau de la Crois des Gardes, „das Juwel der Côte d’Azur“. Dieses legendäre Anwesen aus der Belle Epoque ist eine Hommage an die glorreichen Tage der Côte d’Azur. Hoch über Cannes auf dem üppigen Hügel Crois des Gardes gelegen, wurde das Anwesen 1955 als Kulisse von Hitchcocks „To Catch a Thief“ mit den Megastars Grace Kelly und Cary Grant genutzt. 1960 wurde das Anwesen von Gustave Leven, dem Vorsitzenden des französischen Sprudelwasserunternehmens Perrier, gekauft und von den renommierten Dekorateuren „Colefax & Fowler“ dekoriert. Sie haben die Statue höchstwahrscheinlich für die Villa gekauft. „Wir kennen die Restauratoren der Statue nicht“, erzählt Tobias Desmet. „Sofern es nicht jemand Berühmtes wie Bernini war, der auch antike römische Statuen restaurierte, waren die meisten Restauratoren gute Bildhauer und Handwerker. Sie blieben meistens anonym, weil ihr Wert darin bestand, das Original wieder gut aussehen zu lassen. Sie mussten die Statue weder verändern noch verschönern noch versuchen, den ursprünglichen Bildhauer in den Schatten zu stellen.“  An der Statue sind verschiedene Phasen der Wiederherstellung deutlich zu erkennen. Die Schulter wurde als letztes restauriert. Die ältere Restaurierung des linken Unterschenkels und der linken Hand zeige aber auch, wie viel Energie in der detailgetreuen Schnitzerei steckt.

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Die restaurierte Hand ist an sich schon ein Kunstwerk

Nicht nur die Qualität der Schnitzerei steche hervor, sondern auch das Gefühl, das darin die Persönlichkeit des Restaurators steckt. „Es ist, als wäre die restaurierte Hand selbst schon ein Kunstwerk für sich“, glaubt Desmet. „Dasselbe gilt für das Bein. Der Unterschenkel hätte als einfaches Stück Holz restauriert werden können, um den Fuß und den Oberschenkel zu verbinden, aber stattdessen wurde ihm Leben eingehaucht, ohne zu versuchen, es zu übertreiben und den Blick des Betrachters abzulenken. Es lenkt ihn vielmehr auf die gesamte Statue an sich. Es gibt kleine Nuancen in der Muskulatur, die mit dem Auge schwer zu erkennen sind und daher nicht wirklich berücksichtigt werden, aber wenn sie nicht da wären, wäre sie leblos. Diese Eigenschaften unterscheiden große Restauratoren von einfachen Handwerkern. Es ist keine Schande, die Restaurierungen zu sehen, sie werten die Skulptur auf! Durch erneutes Bemalen würde es einfach wie ein neu hergestelltes Ding aussehen, dem jeglicher Charakter fehlt.“ Die Restaurierung, die die Galerie selbst durchführen ließ, hat deshalb darauf verzichtet, etwas hinzuzufügen, um den Charakter des Bekannten nicht zu verändern. 

Die Innenräume der Galerie Costermans sind mit antiken Paneelen verkleidet

Den Charakter der eigenen Galerieräume hat auch die 1839 gegründete Galerie Costermans kaum verändert. Man findet sie im historischen Sablon-Viertel in dem denkmalgeschützten Hôtel du Chastel de la Howarderie, das um 1780 erbaut wurde. Arnaud Jaspar Costermans repräsentiert heute die sechste Generation von Antiquitätenhändlern in seiner Familie und ist auf wertvolle europäische Möbel und Kunstobjekte des 18. bis 19. Jahrhundert spezialisiert. Gemeinsam mit Cédric Pelgrims de Bigard baute er einen neuen Galeriezweig auf, der sich auf Gemälde flämischer und niederländischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert. Die Innenräume der Galerie sind mit antiken Paneelen verkleidet oder mit handgemalten chinesischen Tapeten aus dem 18. Jahrhundert. Das Geheimnis des Effekts einer Zeitreise ist, dass die Familie Costerman tatsächlich in diesem Haus wohnt. „Wir wollten es nicht in einen kalten, unpersönlichen Showroom verwandeln“, sagt Arno Zaspars. „Mein Großvater und meine Großmutter lebten hier und meine Eltern und meine Brüder und Schwestern. Ich selbst lebe hier – zusammen mit meiner Frau. Für uns ist Costermans kein Antiquitätengeschäft, sondern unser Zuhause, und die Dinge, die wir verkaufen, sind genau die Dinge, die uns jeden Tag umgeben“.

In der Galerie Patinoire royale trafen sich früher die Rollschuhfahrer

Weniger wohnlich als ungemein weitläufig präsentiert sich die Galerie Patinoire royale, was so viel wie „Königliches Eislaufen“ heißt. Das Gebäude wurde 1877 im Herzen des Viertels Saint-Gilles erbaut. Ursprünglich traf man hier Rollschuhfahrer. 1900 folgte die Verwandlung in eine Bugatti-Garage. Fünf Jahre später diente das Gebäude als Depot für die Nationale Kriegswaffenfabrik Herstal. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Patinoire von der Firma Siemens als Garage genutzt und ab 1975 als Ausstellungsort für Oldtimer.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 4/2022.

Lesetipp: Ein wiederentdecktes Meisterwerk von Peter Paul Rubens (1577–1640) wurde 2018 auf der BRAFA vorgestellt.

Tipp: Die BRAFA (Brüssel Art Fair) wurde 1956 gegründet und zählt heute zu den ältesten und wichtigsten Kunstmessen weltweit. Sie präsentiert moderne und zeitgenössische Kunst, Antiquitäten und Designobjekte. Die BRAFA findet dieses Jahr vom 19. Juni. bis 26. Juni 2022 statt.