13.01.2016

Museum

Zersägte Göttin

von Uta Baier

 

 

Die Amerikaner wollten sie nicht. Die Engländer auch nicht. Die Dänen boten zu wenig. Die Berliner Kunstsammlungen waren nicht erste Wahl beim Verkauf einer antiken Marmorgrabstatue, die heute unter dem Namen „Berliner Göttin“ (um 600 v. Chr.) bekannt und berühmt ist. Doch die Berliner Antikensammlung bekam sie letztendlich, obwohl 1925 eine Million der gerade neu geschaffenen Reichsmark als Ankaufssumme für viele Beobachter eine – in jeder Hinsicht – aufregende Summe war. Kritiker gab es ausreichend, Vorwürfe, die im Umkreis des südattischen Ortes Olympos gefundene Marmor-Frauenfigur sei eine Fälschung, auch. Sammlungsdirektor Theodor Weigand zweifelte nicht an ihrer Echtheit, doch zeitweise daran, dass er das Geld zusammen bekommen könne. Denn er musste die Million von privaten Spendern besorgen.

Es mag nicht der beste Zeitpunkt für den Kauf der Statue gewesen sein, für ihre Ausstellung und Erforschung war es ein noch schlechterer. Denn schon 1939 musste sie aus Angst vor Luftschlägen in den Keller, nach 1945 dann wurde sie als Kriegsbeute nach Russland abtransportiert. Zwar kam sie 1958 zurück und stand in der Ausstellung. Restauriert wurde sie jedoch nicht. Zwei frühere Reinigungen (nach dem Fund in Griechenland und nach der Rückgabe durch Russland an die DDR) konnten zwar nachgewiesen werden, doch Aufzeichnungen darüber gibt es nicht.

Erst ab 2009 widmete sich ihr Skulpturensammlungsrestaurator Wolfgang Maßmann. Sein Buch über die dritte Restaurierung der Statue ist jetzt erschienen. Es entstand zusammen mit dem ehemaligen Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, Wolf-Dieter Heilmeyer.

Eine Vierteilung der Statue, wie sie sich heute präsentiert, war von den Bildhauern nicht vorgesehen. Zersägt wurde die Statue erst für den Transport im 20. Jahrhundert. Dabei brach wahrscheinlich auch der Kopf ab, so dass sie heute aus vier Teilen, die durch Dübel und Kittungen wieder zusammengesetzt wurden, besteht. Dass sich Wolfgang Maßmann gegen ein Auseinandernehmen der Teile entschied, erklärt er mit dem großen Gewicht der Einzelteile und der Fragilität des Bindemittels der antiken Farben. „Nur bei statisch instabilen Klebeverbindungen und/oder stark korrodierten Dübeln wären diese riskanten Eingriffe zu rechtfertigen gewesen“, schreibt Maßmann und weist außerdem darauf hin, dass auch die kompakten Sinterschichten nicht entfernt werden konnten, weil die Farbe stärker an die Sinterschichten als an den Marmor gebunden ist. Deshalb wurden vor allem Verschmutzungen beseitigt und ein Teil der alten Kittmasse entfernt und ersetzt.

Maßmanns und Heilmeyers Buch beschreibt und bebildert diese Maßnahmen ausführlich. Doch das Buch ist mehr als ein Restaurierungsbericht. Es ist vielmehr die erste umfassende Publikation zur „Berliner Göttin“, die sowohl eine kunsthistorische Beschreibung und vergleichende Einordnung enthält als auch die Dokumentation der umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen zu Werkzeugspuren, Farben und zur Einordnung in den kunsthistorischen Kontext.

Wolf-Dieter Heilmeyer, Wolfgang Maßmann „Die Berliner Göttin. Schicksale einer archaischen Frauenstatue in Antike und Neuzeit“, Josef Fink Verlag, 48 Euro

 

 

 

 

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