05.09.2022

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Eileen Grays Villa E-1027 ist restauriert

1999 erwarb das „Conservatoire du Littoral“ Eileen Grays verfallene Villa E-1027 und restaurierte sie aufwendig in verschiedenen Phasen. Der Zustand des Gebäudes im Jahr 2006. Foto: Pierre-Antoine Gatier 2003/2010/ Association Cap Moderne – Centre des monuments nationaux 2020
1999 erwarb das „Conservatoire du Littoral“ Eileen Grays verfallene Villa E-1027 und restaurierte sie aufwendig in verschiedenen Phasen. Der Zustand des Gebäudes im Jahr 2006. Foto: Pierre-Antoine Gatier 2003/2010/ Association Cap Moderne – Centre des monuments nationaux 2020

Im Sommer 2021 wurde an der Côte d‘Azur das langjährige Restaurierungsprojekt zu Eileen Grays Villa E-1027 abgeschlossen. Claudia Devaux leitete in den letzten sechs Jahren die umfassende Sanierung des Gebäudes und setzte es in den Originalzustand von 1929 zurück. RESTAURO sprach mit der deutsch-französischen Architektin

Sie sieht aus wie ein gestrandetes Schiff: die Villa E-1027 an der Côte d’Azur in Roquebrune-Cap-Martin, gebaut auf einem steilen Hang mit Blick auf das Fürstentum Monaco. Die anglo-irische Designerin Eileen Gray (1878 – 1976) hatte das Haus – sie nannte es „mein Boot“ – für sich und ihren damaligen jungen Liebhaber, den rumänischen Architekten und Begründer der bekannten Avantgardezeitschrift „L’architecture vivante“ Jean Badovici (1893 – 1956), entworfen. Das zwischen 1926 und 1929 erbaute Urlaubsdomizil mit nautischem Flair ist das erste architektonische Werk von Eileen Gray – und heute eine legendäre Architekturikone. Das kleine, lange und schmale Haus, minimalistisch und stark funktionell, setzt sanft auf schlanken Stützen in dem terrassierten Gelände zwischen Zitronenbäumen auf und besitzt darüber hinaus noch weitere Charakteristika moderner Architektur: ein Flachdach, einen L-förmigen Grundriss, eine lichte Architektur und bodentiefe Fenster, die einen grandiosen Blick auf das Meer ermöglichen. Beim Grundriss legte Eileen Gray Wert auf offene Räume, die je nach Bedarf abgetrennt werden konnten. 

Eileen Gray baute ihre Villa an der Côte d’Azur auf einem steilen Hang mit Blick auf das Fürstentum Monaco. Foto: Manuel Bougout
Eileen Gray baute ihre Villa an der Côte d’Azur auf einem steilen Hang mit Blick auf das Fürstentum Monaco. Foto: Manuel Bougout

Badovici widmete der Villa in seinem Magazin eine eigene Edition („E-1027 – Maison en Bord de Mer“). Heute ist die Ausgabe von 1929 nicht nur ein zeithistorisches Dokument, sondern war auch bei der Sanierung des Gesamtkunstwerks von großer Bedeutung. Die rare Edition spielt bei Auktionen Höchstpreise ein. Das Cover gestaltete Eileen Gray – es ist eine der wenigen typografischen Arbeiten von ihr.

Eine Zeitschrift als Quelle für die Restaurierung von Eileen Grays Villa E-1027

 

Der Name des heute denkmalgeschützten Hauses leitet sich aus der Verknüpfung der Initialen des Paares ab: E steht für Eileen, 10 für Jean – J ist der zehnte Buchstabe des Alphabets –, 2 für Badovici und 7 für Gray. Doch kurz nach der Fertigstellung des Hauses trennten sich die beiden Kreativen. Gray zog aus, und Badovici blieb in der Villa blanche, wie die Bewohner der Gegend das weißgehaltene Gebäude nannten. Da nur Badovici im Grundbuch eingetragen war, gehörte ihm auch die minimalistische Residenz. Le Corbusier, ein Freund Badovicis, war dort häufiger Gast. Viele Sommer verbrachte der Architekt in Roquebrune und wohnte sogar ab 1937 für längere Zeit in der Eileen Grays Villa. Später erbaute er auf den angrenzenden Grundstücken sein eigenes Ferienhaus (Cabanon Le Corbusier) und fünf Campingeinheiten. Auf Einladung von Jean Badovici schuf er in der Villa E-2027 im April 1938 zwei große Wandbilder. Im darauffolgenden Jahr kamen fünf weitere von seiner Hand dazu. Und weil sich Le Corbusier mit seinen teils stark farbigen (und überwiegend erotischen) abstrakten Gemälden hier verewigt hat, wurde das Haus sogar ihm zugeschrieben. Erst seit 2000 gilt die Autorschaft von Eileen Gray als offiziell. 

Eileen Grays schmale Villa E-1027 setzt auf schlanken ­Stützen in dem terrassierten ­Gelände zwischen Zitronen­bäumen auf. Foto: Manuel Bougout
Eileen Grays schmale Villa E-1027 setzt auf schlanken ­Stützen in dem terrassierten ­Gelände zwischen Zitronen­bäumen auf. Foto: Manuel Bougout
Eileen Grays E-1027: Ein minimalistisches Haus mit lichter Architektur: bodentiefe Fenster mit grandiosem Blick auf das Meer. Foto: Manuel Bougout
Eileen Grays E-1027: Ein minimalistisches Haus mit lichter Architektur: bodentiefe Fenster mit grandiosem Blick auf das Meer. Foto: Manuel Bougout
Ein minimalistisches Haus mit lichter Architektur: bodentiefe Fenster mit grandiosem Blick auf das Meer. Foto: Manuel Bougout
Foto: Manuel Bougout

Über die Arbeitsteilung zwischen Gray und Badovici wurde ebenfalls viel geforscht. Doch mittlerweile sind sich die Experten weitgehend einig: Die Wendeltreppe, die Schiebe-Klapp-Fensterläden und auch die Stützen unter dem Haus sind von Jean Badovici inspiriert. Alles andere stammt von Eileen Gray. Auch die komplette Inneneinrichtung gestaltete die Designerin selbst. Nach dem Tod von Jean Badovici (1956) gelangte das Haus in die Hände verschiedener Besitzer. Der Letzte wurde unter ungeklärten Umständen ermordet. Wohnungslose besetzten danach die Villa E-1027. Eileen Grays Haus verfiel immer mehr. „Einst als Gesamtkunstwerk konzipiert, verlor es im Laufe der Zeit fast sämtliche Möbeleinbauten und wurde zu einer leeren Hülle“, erklärt Claudia Devaux. Die deutsch-französische Architektin ist mit ihrem Pariser Büro DDA auf die Restaurierung von modernen Kulturbauten spezialisiert und leitete die vergangenen fünf Jahre das umfassende Projekt zur Sanierung. 

Verfall und Rettung

 

1999 erwarb das Conservatoire du Littoral die Villa E-1027. Damit ging sie in französischen Staatsbesitz über, erzählt die Expertin weiter. Die französische Behörde für Kulturgüterschutz beauftragte in einer ersten Phase die Instandsetzung. Doch die Restaurierung kam nur mühsam in Gang. In einem zweiten Schritt zog das Conservatoire du Littoral Michael Likierman, einen britisch-französischen Geschäftsmann im Ruhestand, für das Sanierungsprojekt hinzu: Der ehemalige Geschäftsführer von Habitat France hatte bereits erfolgreich ein historisches Haus und einen Garten in Menton restauriert. „Der Verein Cap Moderne mit seinem Präsidenten Michael Likierman trieb die Sanierung der Villa E-1027 und der angrenzenden Le Corbusier-Bauten ab 2015 voran. Er baute das internationale Netzwerk aus und organisierte die bereits bestehenden Arbeitsgruppen neu“, erzählt Claudia Devaux. „Ich war damals schon Teil des Teams, da ich eine spezielle Qualifikation für Kulturbauten der Moderne habe. In Frankreich braucht man ein Sonderdiplom, um denkmalgeschützte Bauten zu sanieren. Nach meinem Studium in Lausanne habe ich berufsbegleitend an der École de Chaillot das postgraduale, zweijährige Studium ,Architecte du Patrimoine‘ absolviert. 2015 habe ich bereits die Sonnenterrasse restauriert, die unter anderem durch Wurzeln eines Eukalyptusbaums beschädigt war.“

Auf Einladung von Jean Badovici schuf Le Corbusier in der Villa E-1027 ab 1938 sieben Wandbilder. Diese wurden beschädigt und zweimal von ihm selbst restauriert. Sein Wandschmuck im Wohnzimmer lässt sich heute hinter einer Klappwand verbergen, um Eileen Grays Vision ihres Hauses zu bewahren. Foto: Manuel Bougout
Auf Einladung von Jean Badovici schuf Le Corbusier in der Villa E-1027 ab 1938 sieben Wandbilder. Diese wurden beschädigt und zweimal von ihm selbst restauriert. Sein Wandschmuck im Wohnzimmer lässt sich heute hinter einer Klappwand verbergen, um Eileen Grays Vision ihres Hauses zu bewahren. Foto: Manuel Bougout

Michael Likierman gründete außerdem die Association Cap Moderne – das Ensemble samt den Le Corbusier-Bauten trägt mittlerweile diesen Namen – und stellte ein wissenschaftliches Komitee mit einem breiten Spektrum an Kompetenzen zusammen. Es reichte von Architektur bis Tourismus, berichtet die Denkmalpflege-Expertin weiter. „Über jede Entscheidung wurde mehrheitlich abgestimmt.“ Das Projekt lief jeweils sechs Monate von Oktober bis April. In den Sommermonaten blieben alle Häuser für die Besucher geöffnet.

Innovative Beton-Sanierung mittels Einbaus eines kathodischen Korrionsschutzes

 

Ein interdisziplinäres Team aus Architekten, Statikern, Bauhistorikern, Geotechnikern und Landschaftsarchitekten führte die Restaurierungsmaßnahmen an dem extrem heruntergekommenen Gebäude durch. Als Spezialisten konnten zum Beispiel die Architekten Renaud Barrès, Experte für Eileen Gray und Möbel des 20. Jahrhunderts, Burkhardt Rukschcio – der Österreicher hat bereits Adolf Loos Bauten saniert – und Arthur Rüegg, der Schweizer Fachmann für Le Corbusier, gewonnen werden. Die Restaurierungsmaßnahmen bestanden vor allem darin, die baulichen Schäden zu beheben, erklärt Claudia Devaux. Die Villa leidet durch ihren Standort: die Nähe zum Meer. Er setzt sie einem schwierigen Klima mit Stürmen, starker Sonneneinstrahlung und hohem Salzanteil in der Luft aus. Ein wichtiger Teil der Restaurierung bestand daher in der umfassenden Verstärkung und Reparatur des Betons, der stark beschädigt worden war. Die von Rost angegriffene Substanz konnte mit einer ganz speziellen Technik stabilisiert werden. „Wir haben eine relativ innovative Beton-Sanierung mittels Einbaus eines kathodischen Korrionsschutzes gemacht“, erklärt Claudia Devaux. „Bei diesem Verfahren wird der Stahlbeton, der geschützt werden soll, einer Elektrolyse unterzogen, um weitere Korrosion zu verhindern.“ Eine Methode, die bei Brücken und Dämmen angewendet wird und bei historischen Bauten sehr selten ist.

Grundrissdetail mit beweglichen Trenn­wänden. Zeichnung aus: L’Architecture Vivante, Winter 1929. DR/Eileen Gray Archives, National Museum of Ireland, Dublin
Grundrissdetail mit beweglichen Trenn­wänden. Zeichnung aus: L’Architecture Vivante, Winter 1929. DR/Eileen Gray Archives, National Museum of Ireland, Dublin
Axonometrie, Aufriss und Grundriss der Fenster. Zeichnung aus: L’Architecture Vivante, Winter 1929. DR/Eileen Gray Archives, National Museum of Ireland, Dublin
Axonometrie, Aufriss und Grundriss der Fenster. Zeichnung aus: L’Architecture Vivante, Winter 1929. DR/Eileen Gray Archives, National Museum of Ireland, Dublin

Neben der Instandsetzung der Konstruktion wurden die eingebauten und freistehenden Einrichtungsobjekte in Anlehnung an die ursprünglichen Materialien ebenso wiederhergestellt wie die elektrische Anlage mit den historischen Lampen. 

Wiederherstellung des Inneren

 

Generell wurde das Haus in den Zustand von 1929 zurückversetzt. „Ziel war außerdem, die noch erhaltenen Einbauschränke zu restaurieren und die verlorenen Möbelstücke akribisch nachzubauen,“ betont Claudia Devaux. Auch der Nachbau eines Schreibtischs aus vernickelten Stahlrohren gehörte dazu. Er war im Büro aufgestellt. Diese Arbeit leisteten Burkhardt Rukschcio und Renaud Barrès auf der Grundlage eines einzigen Fotos aus dem Besitz des Nationalmuseums in Dublin. Die Einbauten fertigten Handwerker aus Frankreich und Österreich nach dem Studium von Plänen und Originalfotos an. „Uns war es wichtig, so nah wie möglich an das heranzukommen, was sich Eileen Gray vorgestellt und vollendet hatte“, macht Claudia Devaux deutlich. „Vieles wurde in der Vergangenheit geklaut oder verkauft. Das Haus war praktisch entstellt. Der Originalzustand von 1929 ließ sich nicht begreifen. Die Villa E-1027 nun wieder in diesem Zustand vorzufinden – mit allen Möbeln und mit den Farben – das ist schon sehr besonders“, freut sich Claudia Devaux. „Denn die Publikation von 1929 ist in Schwarz-Weiß gedruckt. Auch wenn es jetzt einige Objekte gibt, wo interpretiert wurde – wie etwa bei den Stoffen. Sie sind von den wenigen historischen Möbeln oder den Wänden farblich abgeleitet. Das Konzept ist insgesamt aber sehr gut übermittelt.“

Strafigrafische Untersuchungen der Farbschichten. Collage / Fotos: Pierre-Antoine Gatier 2018/ Association Cap Moderne – Centre des monuments nationaux 2020
Strafigrafische Untersuchungen der Farbschichten. Collage / Fotos: Pierre-Antoine Gatier 2018/ Association Cap Moderne – Centre des monuments nationaux 2020

Bei diesem Projekt wurde das originale Farbkonzept von 1929 wieder rekonstruiert. „Hier haben wir mit der Schweizer Chemikerin Katrin Trautwein von der Farbmanufaktur kt.Color zusammengearbeitet“, berichtet Projektleiterin Claudia Devaux. „Alle Wände wurden untersucht. Das war ziemlich aufwendig. Anhand von Stratigrafien haben wir die originale Schicht herausgefunden. Das ist allerdings nicht die erste Schicht, sondern die Farbschicht, die in Badovicis Publikation von 1929 veröffentlicht wurde. Eileen Gray hat viel am Bau experimentiert, und so waren oft mehrere Farbfassungen unter der Schicht, die in der Publikation gezeigt wurde. Anschließend haben wir die Farben hergestellt – historisch getreu mit dem Bindemittel und mit den Pigmenten, die damals verwendet wurden.“

Das Büro DDA Devaux & Devaux Architectes ist spezialisiert im Bereich kultureller Bauten, sowohl in der Sanierung als auch im Neubau. Ein Schwerpunkt bildet die Restaurierung der Bauten der Moderne. Gegründet wurde es 1998 in Paris von David Devaux, einem Absolventen der Ecole d‘Architecture de Versailles. Claudia Devaux, Absolventin der École Polytechnique Fédérale de Lausanne und der École de Chaillot, trat 2008 in das Büro ein, nachdem sie fünf Jahre in Berlin an Projekten zur Restaurierung des modernen Kulturerbes gearbeitet hatte – vor allem am Bauhaus in Dessau. DDA realisiert Restaurierungsprojekte sowie Altbausanierung und Modernisierung durch Bauen im Bestand. Im Fokus steht die genaue Analyse der Orte und ihrer Historie, um das Potenzial im Hinblick auf die zeitgenös­sischen Herausforderungen zu bewerten. Jedes einzelne Projekt wird in seiner Be­ziehung zu den bereits vor­handenen natürlichen und kulturellen Gegebenheiten durchdacht.  www.dda–architectes.com

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 2/2022. 

Im Video bekommen Sie einen Einblick in Eileen Grays Villa E-2027.

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