25.03.2014

Projekte

»Wir möchten Aufklärung«

von Christine Kowalski

Die Geschichte der Geige, die der Geigenbauer Joseph Guarnerius filius Andreae in Cremona 1706 anfertigte, ist eine sehr wechselvolle und beginnt quellenschriftlich mit dem Jahr 1937. Ein Zertifikat von William E. Hill & Sons aus London nennt als Besitzer »Hamma in Stuttgart«. Eine Besonderheit liegt dieser Nennung zu Grunde: »Bei Verkäufen von Geigen war es üblich, die Vorgängernamen zu schwärzen. Hier ist es uns jedoch gelungen, den Namen zu entziffern«, so Dr. Fabian Kern. Eine bei den Recherchen aufgefundene Expertise der Geigenhändler Hamma & Co vom 24.02.1938 aus Stuttgart benennt die Geige als »in allen seinen wesentlichen Teilen wie Boden, Decke, alle sechs Zargen von diesem Meister gemacht … Die Schnecke weicht in verschiedenen Punkten von der Charakteristik ab und ist wohl eine Arbeit aus seiner Werkstätte«. Im Dokument wird als Käufer »F. Hildesheimer aus Speyer« genannt. Dabei handelte es sich um Felix Hildesheimer (1877–1939), einen jüdischen Kaufmann aus Speyer, der dort eine Musikinstrumentenhandlung führte. Diese wurde 1937 an Ferdinand Erb zwangsverpachtet. Danach ist der Verbleib des Instruments bis 1974 unbekannt. Im April 1974 rief die Namensgeberin der heutigen Stiftung, Sophie Hagemann (1918–2010), »wegen Geigen» bei der Musikinstrumentenhandlung Ludwig Höfer in Köln an, stattete dieser wenige Tage später einen Besuch ab, war »begeistert von der Guarnerius, ob sie die Geige meines Lebens ist + wird« und kaufte sie. Mit dem Tod der hochbegabten Geigerin wird die Stiftung Alleinerbin und Besitzerin der Guarneri-Geige.

Im Zuge der geplanten Restaurierungsmaßnahmen sind umfangreiche Recherchen zur Provenienz des Instrumentes erfolgt. Diese ergaben eine Nachweislücke von 1933 bis 1937 sowie von 1938 bis 1945, wobei festgestellt werden konnte, dass bis 2012 noch Angehörige der Familie Hildesheimer lebten. Diese werden nun, und das ist das Prekäre an der Situation, von der ehemaligen Provenienzforscherin vertreten. Ein direkter Kontakt zur Familie konnte seitens der Stiftung bisher nicht hergestellt werden, so dass nach der Fundmeldung bei LostArt jetzt ein weiterer Aufruf startet, um die Provenienz aufzuklären. »Wir sehen das Instrument als Chance, eine Versöhnung anzubieten. Das Instrument soll hochbegabten Musikerinnen und Musikern der Hochschule Nürnberg zur Verfügung gestellt werden. Hierfür sind allerdings die Kontaktaufnahme mit der Familie Hildesheimer sowie die Klärung der Provenienz dringend erforderlich«, so Kern. Erst nach der Aufklärung werden die umfassenden Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen begonnen.

Weitere Informationen zur Stiftung sowie zu Franz Homann und Sophie Hagemann finden Sie hier.  Zur Familie Hildesheimer gibt die Seite »www.hebrew-home.org« Auskunft.

Die Geigenbauerfamilie Guarneri wird in den Publikationen von Farga, Franz et alii: Geigen und Geiger, Zürich 1983 sowie in Jalovec, Karel: Italienische Geigenbauer, Prag 1957 vorgestellt.

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