Natur als Kunst

Die Ausstellung „Natur als Kunst“ im Münchner Lenbachhaus zeigt aktuell die Vielfalt der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Natur im 19. Jahrhundert 

Gustav Le Gray, Vue de mer (Meerblick), 1856, Albuminpapier, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie
Gustav Le Gray, Vue de mer (Meerblick), 1856, Albuminpapier, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie

Künstliche und idealtypische Landschaften in der Tradition des französischen Rokoko, komponiert und auf Leinwand gebracht im Atelier: Dieser Darstellung waren Menschen im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend überdrüssig. Bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse – unter anderem in der Meteo- rologie – führten zu einer neuen Sicht der Dinge.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen schlugen sich schnell auch in der Kunst nieder. Damals revolutionär, verließen Maler ihre Ateliers und bauten ihre Staffelei direkt in Wiesen, an Bächen oder im Gebirge auf. In der neuen Landschaftsauffassung der „paysage intime“ (vertraute Landschaft) war das individuelle Erleben der Szenerie, des Lichts und der Farben von größter Bedeutung. Eine weitere Revolution ermöglichte die aufkommende Landschaftsfotografie – zunächst als zeitsparender und exakter Ersatz für vorbereitende Skizzen, später auch als eigenständig anerkannte Darstellungsform.

Eindrucksvolle Beispiele beider Entwicklungen stellt das Münchner Lenbachhaus in der Ausstellung „Natur als Kunst. Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie“ (bis 18. August 2019) gegenüber. Anhand der gewählten Exponate ist gut erkennbar, wie ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch Ölskizzen als vor Ort rasch erfasster Natureindruck – gröber gearbeitet und mit subjektiv eingefangenen Stimmungen – eine Entwicklung beginnt, die Jahrzehnte später im Impressionismus ihren stärksten Ausdruck fand.

Ein maßgeblicher Vertreter aufgeklärten Gedankenguts im Sinne Jean-Jacques Rousseaus und der naturphilosophischen Ästhetik der Engländer war in München Graf Rumford. Er trug entscheidend dazu bei, Ludwig von Sckell als Hofgartenarchitekt mit der Ge- staltung des Englischen Gartens als ersten städtischen Volksgarten zu beauftragen. Zum ersten Mal waren Spaziergänger und Maler in einem gestalteten Park in der Lage, „Natur“ ganz unmittelbar zu betrachten – an wechselnden Standorten und mit sich ändernden Lichtverhältnissen. Die Ausstellung gibt dem Besucher einen reizvollen Einblick, wie gesellschaftliche Strömungen und technische Entwicklungen sich in der Kunst niederschlagen – und wie diese wiederum den Wandel forciert.

Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie aus den Sammlungen der Christoph Heilmann Stiftung und des Münchner Stadtmuseums, Lenbachhaus, München (bis 18. August 2019).

Zu den Gemälden und Fotografien der Ausstellung Natur als Kunst sind zwei s Kataloge erhältlich: Der Katalog der Christoph Heilmann Stiftung in München, Natur als Kunst. Frühe Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Frankreich (wissenschaftlichen Textbeiträge von Christoph Heilmann, Claudia Denk, Andreas Strobl und Sarah Faunce, 25 €) und der Katalog zur Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums: Natur als Kunst. Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie (Beiträgen von Ulrich Pohlmann, Svenja Paulsen, Rudolf Scheutle und Sabrina Mandanici, 29,80 €).