09.04.2021

Beruf Kunststück Museum Projekte

Restaurierung eines Muschelpokals mit Deckel

Zustand nach der Restaurierung
Zustand nach der Restaurierung

Kostbarkeiten wie der Nautiluspokal aus dem Chateau Musée de Dieppe gehörten zu den Paradestücken höfischer Kunstkammern. Doch nur wenige dieser Muschelpokale mit Deckel sind im Laufe der Zeit erhalten geblieben. 2017 wurde der seltene Nautilus aus Frankreich aufwendig restauriert und kunsthistorisch eingeordnet

Zustand nach der Restaurierung
Nautiluspokal aus dem Chateau Musée de Dieppe, Zustand nach der Restaurierung, Ansicht von der Seite. Foto: Bertrand Legros

Die Gattung des Nautilus Pompilius

Schon im Mittelalter waren Perlen und Perlmutter begehrtes Sammelgut in kirchlichen und weltlichen Schatzkammern. Wissenschaftlicher Forscherdrang und Sammelleidenschaft ließ später reine Naturalien- und Raritätenkammern entstehen, in denen Konchylien zusammen mit anderen Naturschätzen zusammengetragen wurden. Der Nautilus fand als noch nicht erforschte Rarität in seiner schillernden Schönheit aus fernen Ländern in zahlreiche Sammlungen Eingang (Kunstkammer der Landgrafen Hessen Kassel, Grünes Gewölbe, Dresden).

Die Konchylie gehört zur Gruppe der Kopffüßler in die Familie der Perlboote und ist im östlichen Indischen sowie westlichen Pazifischen Ozean beheimatet. Durch Aussondern eines kalkhaltigen Sekrets bildet das Tier sein Gehäuse in Form einer im Inneren gekammerten schneckenartig gerollten Schale. Die Schale aus Calciumcarbonat ist aus drei Schichten aufgebaut, die sich durch die chemische Anordnung ihrer Moleküle unterscheiden. Dies hat unterschiedliche ästhetische Eigenschaften zur Folge, opake und transluzid wirkende Oberflächen. Somit bieten die bräunliche Außenschale, die matt schimmernde, von orangefarbenen, wellenförmigen Streifen durchzogene mittlere Materialschicht und die irisierende innere Perlmutterauflage vielfältige Möglichkeiten einer künstlerischen Gestaltung.

Bearbeitungstechniken und Dekorvielfalt

Bereits im 17. Jahrhundert widmeten sich zahlreiche Forschungsreisende der Erkundung exotischer Länder, um das naturkundliche Wissen voranzutreiben. So verdanken wir Georg Eberhard Rumpf (1627–1702) umfangreiche Beschreibungen tropischer Schalentiere und Muscheln und ihrer künstlerischen Bearbeitungstechniken („Amboinische Raritätenkammer“).

Wurde zuvor die Freilegung der Schichten vorwiegend mechanisch bewältigt, etablierte sich Ende des 17. Jahrhundert das von Rumpf erläuterte chemische Verfahren: „Diejenigen Schalen nun, welche ganz sind, muss man 10 bis 12 Tage in Säure legen, als in gärenden Reiß, Essig oder Wasser, darinnen Weinbeer=Blätter verfault sind, so gehet die äussere Schale herunter, die man hernach stark abreiben muß. Man fänget damit daselbst an, wo die Haut am dicksten ist und wen sie noch nicht heruntergehen will, so legt man die Schale abermals in saure Feuchtigkeit, so lange bis das Perlmutter überall hervor glänzet, darnach bestreicht man die Schaale mit schwachem Scheidewasser bis daß sich ein vollkommener Glanz darauf legt, und als dann putzet man sie mit Seifenwasser ab.“ (Mette 1995, S.76).

Zunehmend gewannen weitere Bearbeitungstechniken neben dem Freilegen der Perlmutterschicht an Beliebtheit. So wurde mittels einer Ätztechnik, ebenfalls mit Salpetersäure, die mittlere matte Kalkschicht freigelegt, sodass Dekore im Flachrelief erzielt werden konnten. Zwischen dem matt erhabenen Relief und der tiefer liegenden glänzenden Perlmutterschicht wurde so ein reizvoller Kontrast erzielt.

Eine weitere Verzierungstechnik stellt das Gravieren der Perlmutterschicht dar, das mit feinsten Sticheln und Reißnadeln bewerkstelligt wurde. Um die im cremefarbenen Grund wenig wahrnehmbaren Linien sichtbar zu machen, wurden sie mit einer schwarzen Paste gefüllt. Auch diese Technik des Schwarzgravierens ist in Rumpfs Werk beschrieben: „Auswendig aber schneidet man allerhand Figuren hinein, und überreibt sie mit Kohlenstaub, so mit Wachs oder Öl gemenget ist, damit die Figuren schwarz hervor scheinen.“ (zit. nach Mette 1995, S. 86) Für diese spezielle Technik etablierte sich Holland als Zentrum, wo sich in Amsterdam die Familie Bellekin einen herausragenden Ruf in der Kunstfertigkeit des Schwarzgravierens erwarb.

Der Nautiluspokal aus dem Chateau Musée de Dieppe

Man könnte in Anbetracht der künstlerischen Qualität auch bei dem Nautilus aus der Sammlung des Chateau Musée de Dieppe in der Normandie an einen Künstler aus dem Umkreis Bellekins als Urheber für die Verzierung des Gehäuses denken. Die in Fachrelief und Schwarzgravur verzierte Schale zeigt Delphine und sirenenartige Seeungeheuer in vollendeter schwungvoller Gestaltung. Die Wirbelfront wurde kunstvoll in Form eines Spangen-Visierhelms freigeschnitten, sodass die Durchbruchsarbeit den Blick in den inneren Windungsgang freigibt.

Die so gestaltete Schale war offensichtlich schon für eine Fassung vorgesehen, da sie an den dafür typischen Stellen am Mündungsrand und auf dem Schalenrücken mit den dafür erforderlichen Bohrungen versehen worden war. Häufig wurden in Holland bearbeitete Gehäuse nach deren Bearbeitung in namhafte Goldschmiedezentren wie Augsburg, Nürnberg oder Dresden geschickt, um dort in Gold und Silber gefasst zu werden.

Ungewöhnlich und sehr selten ist daher die Materialwahl und Montierung des Nautilus aus Frankreich. Er erhielt einen gedrechselten Schaft aus Elfenbein, der auf einem gedrehten Schildpattteller montiert ist. Ein exakt in den Mündungsbereich eingepasster Deckel aus Schildpatt mit einem ebensolchen Knauf aus Bernstein, verziert mit gesägtem, ebenfalls schwarzgravierten Perlmutterdekor, erweitert die Funktion des Pokals zu einem Gefäß. Ein seltener Glücksfall, da uns nur noch wenige Muschelpokale mit Deckel erhalten geblieben sind.

Den Inventaren des Museums zufolge gelangte der Pokal zusammen mit zwei weiteren schwarzgravierten Nautilusschalen 1903 in das Museum Dieppe, das eine der größten und schönsten Elfenbeinsammlungen weltweit beherbergt und im 17. und 18. Jahrhundert eines der größten Zentren der Elfenbeinschnitzkunst war.

Die Restaurierung

Einige alte Klebungen und wiederholt fixierte Perlmutterdekore zeugen von der Wertschätzung und Bemühung zur Erhaltung des Kunstwerks, seit Eingang in die Sammlung blieb das Kunstwerk jedoch mangels hauseigener Restauratoren unberührt. Der Pokal war sehr stark verschmutzt, die Schönheit der irisierenden Perlmutt­oberfläche, die Transparenz des schimmernden Schildpatts nicht mehr erkennbar.

Die Restaurierung bestand im Wesentlichen aus einer Reinigung der stark vergrauten, stumpf und matt gewordenen Oberfläche sowie dem Lösen alter verkrusteter Klebungen, um Bruchstellen besser zusammenzufügen. Fehlende Perlmutterdekore sowohl auf der Standplatte als auch am Deckel sollten auf Wunsch des Kurators nicht ergänzt werden.

Die Reinigung der Gehäuseoberfläche erfolgte unter Aussparung der geschwärzten Gravuren mit Wasser unter Zusatz von Marlipal. Die Kalkschleier auf den durch Ätzung freigelegten Flachreliefs konnten mit sehr feinporigen Schwämmchen reduziert werden. Gelöste Bruchstellen im Schildpatt sowohl in der Standplatte als auch in den Verzierungen am Schaft wurden mit Hausenblasenleim geklebt.

Im Zuge der Reinigung erfolgte eine Demontage der einzelnen Pokalteile, was zu einer überraschenden Entdeckung führte. Am unteren Ende des Elfenbeinschafts sowie auf dem gegenüberliegenden inneren Rand des Schildpatttellers fand sich eine sorgfältig eingravierte, deutlich lesbare Ziffer 4. Somit wurde offensichtlich, dass es sich bei der ungewöhnlichen Montierung des Nautilus nicht um eine Verlegenheitslösung in Ermangelung von Goldschmieden vor Ort handelte, sondern um eine ganz bewusste, ja sogar mehrfach ausgeführte Gestaltung.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 1/2017.

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