Renaissance für die Moderne

Ende Mai 2020 eröffnete die Albertina modern im Wiener Künstlerhaus unter Pandemie-Bedingungen. Das Gebäude wurde dafür um 57 Millionen Euro nicht nur auf den neuesten Stand der Museumstechnik gebracht, sondern auch umfassend restauriert. Wie sieht es mit der Annäherung an den Originalbestand aus?

Restaurator Thomas Mahr hat sich beim Stucco lustro der Prunkstiege mit ihren gemalten Arkaden an Fotos aus dem 19. Jahrhundert orientiert. Foto: Albertina modern / Rupert Steiner
Restaurator Thomas Mahr hat sich beim Stucco lustro der Prunkstiege mit ihren gemalten Arkaden an Fotos aus dem 19. Jahrhundert orientiert. Foto: Albertina modern / Rupert Steiner

„Kleinmütigkeit im Sinne eines missverstandenen Denkmalschutzes verhindert neue kraftvolle Entwicklungen und fördert die Mumifizierung einer an sich impulslosen Stadt wie Wien.“ Der Satz steht links neben einem Entwurf von Architekt Karl Schwanzer in dem 1973 erschienenen Band „Architektur aus Leidenschaft“, aufbewahrt im Schwanzer-Archiv des Wien Museum. Zu sehen ist die IBM-Zentrale. Das moderne Bürogebäude hätte 1966 an Stelle des Wiener Künstlerhauses errichtet werden sollen, da wo am 27. Mai die Albertina modern ihre Türen öffnete.

Moderne ist eben eine vielschichtige Angelegenheit, je nach Epoche anders verhandelt. Im Künstlerhaus trifft sie jetzt auf einen historistischen Bau aus dem Jahr 1868, von Architekt August Weber einer italienischen Renaissancevilla nachempfunden. Mit dem denkmalgeschützten Gebäude bekommt die Sammlung der Albertina modern mit über 60.000 Werke von rund 5.000 KünstlerInnen Ausstellungsräumlichkeiten am neuesten Stand der Museumstechnik. Sie umfasst neben österreichischen MalerInnen von Lassnig, West, Helnwein bis Nitsch und Wurm Werke internationaler Herkunft, von Baselitz bis Warhol, von Richter bis Nam June Paik. Die Eröffnungsausstellung „The Beginning“ ist der Kunst in Österreich 1945 bis 1980 gewidmet. 

Bindeglied zum Künstlerhaus

Zu dieser umfangreichen Kunstsammlung gehören auch die Werke aus der Sammlung Essl. Sie ist das Bindeglied zum Künstlerhaus. Großteils von Hans Peter Haselsteiners Privatstiftung 2014 von Karlheinz Essl übernommen, wurde die Sammlung drei Jahre später der Albertina, ein Bundesmuseum, unter Leitung von Klaus Albrecht Schröder als Dauerleihgabe anvertraut. Den Rest schenkte die Familie Essl 2018 der Republik Österreich, die Werke gingen an die Albertina. Haselsteiner, österreichischer Industrieller, wollte nicht nur die Sammlung von der Randlage in Klosterneuburg, wo diese noch bis 2016 ausgestellt war, nach Wien bringen, sondern auch das Gebäude des Künstlerhaus wiederbeleben. So entstand die Idee der Albertina modern, dort im Künstlerhaus deren Werke zu präsentieren.

 „Nach den aktuellen ICOM-Richtlinien wäre eine Ausstellung im Künstlerhaus ohne Renovierung nicht machbar gewesen, Ausleihen hätten keine Erlaubnis bekommen“, schildert Christian Benedik, einer der leitenden Albertina-Kuratoren und Koordinator des Umbaus, drastisch die bauliche Situation des Künstlerhauses, bevor es zu dem bemerkenswerten Engagement von Hans Peter Haselsteiner kam. Die Privatstiftung des Mäzens nahm 57 Millionen Euro in die Hand, um das in seinem Kern von 1865 bis 1868 errichtete Gebäude von Grund auf zu einem modernen Museumsbau State-of-the-art zu machen. 

Dort wo Altes ist, solle das Alte hergestellt werden, so wie es früher war. Infolge der zahlreichen Umbauten kein leicht zu erfüllender Wunsch Haselsteiners. Holz-, Metallelemente, Terrazzo und Wandmalereien sollten, so das Ziel, originalgetreu hergestellt und Fehlstellen verbessert. Aber was war Original?

Rätsel farbliche Fassung

Christian Benedik, einer der leitenden Kuratoren der Wiener Albertina, Hauptnutznießerin des Künstlerhauses, koordinierte die Bauarbeiten sowie Restaurierung und erinnert sich an die schwierige Planungsphase. Das Haus wurde mehrfach erweitert, umgebaut, Fassade und Innenraumgestaltung geändert, eine durchgehende Dokumentation fehlte. „Erst nach langen Recherchen in zahlreichen Archiven wurde ich fündig, just in der unmittelbaren Nachbarschaft, dem Wien Museum“, erzählt Benedik. Dort also, wo auch Schwanzers nie realisierte Idee der Moderne archiviert ist, lagen zumindest Webers Vorentwürfe zur Fassadengestaltung: Ockertöne in zwei Farbnuancen der klassischen Architektursprache folgend mit großzügig gehöhten Gliederungen, womit das Gebäude nach oben hin leichter wurde. Das Problem: Webers Vorstellung wurden nie eins zu eins realisiert. Ausgangslage bei Beginn der Arbeiten war die Restaurierung aus den 1980ern: ein mittlerer Ockerton für die Fassade des Haupthauses, Materialsichtigkeit und eine komplexe Gestaltung aus lichten Ocktertönen, deren Ausführung nah an Webers Entwurf lag. 

Die umfangreichen Befundungen von Diplom-Restauratorin Susanne Beseler brachten Ergebnisse, die die Farbausführung von Webers Vorentwurf stützen. Prämisse der Restaurierung war, so Benedik, dem Haus und seinen Teilen Gemeinsamkeit zu geben. Man habe auf einen Farbschlüssel mit drei Farben hingearbeitet. Die letztendliche Entscheidung sei, so Benedik, ein Kompromiss mit dem Bundesdenkmalamt gewesen. Friedrich Dahm, Leiter der Abteilung für Wien des Bundesdenkmalamt, sieht eine, wie er sagt, „von der Denkmalpflege in der Praxis generell verlangte präzise methodische Vorgehensweise im Rahmen der Festlegung eines verbindlichen Restaurierungsziels beim Künstlerhaus infolge der ständigen Um-, An- und Zubauten und den damit verbundenen stets wechselnden Farbkonzepten als nicht ohne Zweifel von Erfolg gekrönt“. Den daher gebliebenen Interpretations- und Gestaltungspielraum habe der Bauherr für die nun aktuelle Fassadenfassung genützt, so Dahm, in der Zusammenschau stimme aber das Ergebnis. Die Architekturfassung wurde in drei Farben aufgetragen, hervor sticht vor allem das kräftige dunkle Ocker der Ornamente – und trifft nicht auf ungeteilte Zustimmung.

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