09.07.2019

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Operation am offenen Herzen

von Inge Pett
Rembrandts „Nachtwache“ zu erforschen und zu restaurieren. Das Kunstwerk
Rembrandts „Nachtwache“ zu erforschen und zu restaurieren. Das Kunstwerk

Alte und moderne Techniken werden an der „Nachtwache“ verwendet

„Operation Nachtwache“ lautet der Titel eines ambitionierten Projektes. Gestern, am 8. Juli 2019, haben Restauratoren damit begonnen, Rembrandts „Nachtwache“ zu erforschen und zu restaurieren. Das Kunstwerk, eines der Herzstücke des Amsterdamer Rijksmuseum, soll für die Zukunft gesichert werden

Das klingt erst einmal nicht weiter ungewöhnlich. Das Besondere daran ist, dass die Öffentlichkeit ein Jahr lang eingeladen ist, live an diesem „größten und umfassendsten Forschungs-und Restaurierungsprojekt, dem Rembrandts Meisterwerk je unterzogen wurde“ teilzuhaben. Mehr als 20 Naturwissenschaftler, Konservatoren, Restauratoren und Fotografen des Rijksmuseums werden diese Aufgabe durchführen – in enger Zusammenarbeit mit Museen und Universitäten in den Niederlanden und im Ausland. Damit der Besucher den Prozess verfolgen kann, sitzen die Restauratoren sprichwörtlich im Glashaus: In der eigens vom französischen Architekten Jean Michel Wilmotte konzipierten gläsernen Kammer werden sie mit neusten Forschungstechniken den Gesamtzustand der Nachtwache untersuchen.

Ihr Methoden-Repertoire reicht von digitalen Bildgebungstechniken über naturwissenschaftliche und materialtechnische Untersuchungen bis hin zu künstlicher Intelligenz. Während der Untersuchungsphase nehmen die Experten das Gemälde aus seinem Rahmen und setzen es auf eine speziell gebaute Staffelei. Mithilfe zweier Plattformlifte können sie die monumentale Leinwand (389,5 cm x 354,5 cm) problemlos untersuchen. Ziel des Projektes ist, ein besseres Verständnis sowohl der ursprünglichen Form als auch des aktuellen Zustands der Nachtwache zu gewinnen. Aber auch die vierhundertjährige Historie der Eingriffe und Veränderungen wird veranschaulicht und dokumentiert.

Doch erst einmal startet das Restauratoren-Team damit, zu untersuchen, wie Rembrandt die Farbe ursprünglich aufgetragen hatte, welche Materialien er genutzt und welche Techniken er angewandt hatte. Wie haben sich frühere Bearbeitungen und Eingriffe ausgewirkt? Wie ist die Alterung verlaufen? Wie steht es um den Verfall? Fragen dieser Art stehen im Fokus. Ganz wichtig ist jedoch auch der Blick nach vorne: Welche Aussichten haben die Restauratoren, das Gemälde für zukünftige Generationen zu sichern? In Verbindung mit den Ergebnissen der Kunstgeschichte und der Archivforschung werden die neuen Untersuchungserkenntnisse in einen Maßnahmenplan münden, der die Grundlage der Restaurierung bildet.

Nachtwache: Blick nach vorne

In einem ersten Schritt wird die Nachtwache bei Tageslicht fotografiert. Geplant ist die Aufnahme von mehr als 12.500 Teilaufnahmen in einer extrem hohen Auflösung von 180 bis zu 5 Tausendstel Millimetern. Anschließend werden die Aufnahmen digital zu einem Bild montiert. Noch nie zuvor wurde ein so großes Gemälde in derart hoher Auflösung fotografiert. Auf diese Weise kann jedes kleine Detail – wie etwa Pigmente – herangezoomt werden, auch solche, die das bloße Auge nicht vernimmt. Im kommenden Jahr wird die Kombination aus Fotografie, einschließlich Infrarot- und UV-Aufnahmen, und verschiedenen hochentwickelten Bildgebungstechniken wie Makro-Röntgenfluoreszenz-Scanning und Hyperspektral-Bildgebung (RIS – bildgebende Reflexionsspektroskopie) den Zustand des Gemäldes minutiös aufzeichnen. Hierzu haben die Experten einen besonderen Präzisionsrahmen zur Bilderfassung konzipiert: Auf diesen können sie verschiedene Kameras und Lampen montieren.

Mit dem Makrostrahl-Fluoreszenz-Scanner wird das Gemälde Millimeter für Millimeter gescannt. Der Vorteil zu einer normalen Röntgenaufnahme liegt darin, dass die Makro-RFA-Scans die verschiedenen chemischen Elemente im Lack, wie Kalzium, Eisen, Kalium und Kobalt erfassen. Doch nicht nur die verwendeten Pigmente sind dank der Makro-RFA-Scans erkennbar, sondern auch die Überarbeitungen. Um das Gemälde vollständig zu visualisieren, sind 56 Scans erforderlich – jeder dauert 24 Stunden. Neben dem niederländischen Unternehmen AkzoNobel als dem Hauptsponsor ermöglichen zahlreiche Geldgeber das Projekt.

Tipp: Wer es nicht schafft, nach Amsterdam zu reisen, der kann die „Operation Nachtwache“ online verfolgen unter: www.rijksmuseum.nl/en/nightwatch.

 

 

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