Eine Frage der Erhaltung

15 Junge Wissenschaftler mit verschiedenen beruflichen Qualifikationen haben seit Anfang 2016 zur Erhaltung zeitgenössischer Kunst geforscht. Ihre Ergebnisse stellten sie nun auf dem Symposium vor

Die Erhaltung zeitgenössischer Kunst birgt immer komplexere Fragen. Kein Wunder, dass das Symposium „From different perspectives to common grounds in contemporary art conservation“, organisiert vom Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS), als Ort für mögliche Antworten bereits kurz nach Freischalten der Registrierung ausgebucht war. Da die Veranstaltung am 25. und 26. Juli 2018 im Audimax der TH Köln stattfand, konnten letztlich etwa 200 Gäste aus zehn Ländern daran teilnehmen.

nacca_koeln_2018
Prof. Gunnar Heydenreich eröffnet die NACCA Konferenz "From different perspectives to common grounds in contemporary artconservation". Foto: TH Köln Michaela Patschurkowski

 

Forschungsansätze zur Erhaltung zeitgenössischer Kunst

Im Rahmen des Symposiums stellten die 15 Early Stage Researchers des von der Europäischen Union geförderten Marie Sklodowska-Curie Innovative Training Network „New Approaches in the Conservation of Contemporary Art“ (nacca.eu) ihre Forschungsarbeiten zur Erhaltung zeitgenössischer Kunst vor. Diese jungen Wissenschaftler mit verschiedenen beruflichen Qualifikationen (RestauratorInnen, KuratorInnen, zwei KünstlerInnen, eine Museumswissenschaftlerin, eine Anthropologin, eine Journalistin und eine Juristin) haben sich seit Anfang 2016 diversen Kernthemen gewidmet: Intention, Autorenschaft und Authentifizierung in der zeitgenössischen Kunst, das zeitgenössische Kunstwerk und die institutionellen Konventionen, Reproduktion von zeitgenössischen Kunstwerken und die Relevanz fächerübergreifender Netzwerke in der Konservierung zeitgenössischer Kunst.

Ist ein Update der Restaurierungstheorie vonnöten?

In das thematische Feld führten die kenntnisreichen Keynotes von Renate Buschmann, Hanna Hölling, Johannes Gefeller, Ulrich Lang, Salvador Muñoz Viñas, Renata Peters, Marina Pugliese, Antonio Rava und Ursula Schädler-Saub ein. Eine wiederkehrende Frage war: Ist ein Update der Restaurierungstheorie, ein Anpassen an die speziellen Erfordernisse bei der Erhaltung zeitgenössischer Kunst vonnöten? Hanna Hölling, Ulrich Lang und Antonio Rava beleuchteten beispielsweise das Verständnis von Zeit in der Restaurierung anhand ephemärer Werke, die auf natürlichen Verfall ausgelegt sind (wie im Falle von Zoe Leonards „Strange Fruit“, diskutiert von Nina Quabeck), oder auch anhand von Werken, deren Fortleben auf „Verjüngung“ durch Materialaustausch basiert (wie im Falle der „Capri Batteri“ von Joseph Beuys oder –  durchaus umstritten – in der Neuproduktion von Thomas Ruffs „Portrait Pia Stadtbäumer“, diskutiert von Marta Garcia Celma).

Richtiger Umgang mit Software-basierte Kunst und der Erhaltung von Performance-Art

Wie erhalten wir Performance, fragten Johannes Gefeller und Iona Goldie-Scott. Oftmals ist es weniger das Erhalten von „Reliquien“ als das „Beleben“ einer Performance, das uns vor Herausforderungen stellt (beispielsweise im Fall Tino Seghal, an dessen Arbeit konventionelle Herangehensweisen scheitern, da er jegliche Form der Dokumentation ablehnt). Wie verteilen sich die Aufgaben und das Wissen neu, wenn wir Verantwortung übernehmen für die Erhaltung dieser Art von Kunstwerk?

Der Prozess des „Musealisierens“, so die Quintessenz der Beiträge von Hanna Hölling, Renata Peters, Brian Castriota, Joanna Killiszek, Caitlin Spangler-Bickell und Aga Wielocha, sollte den dynamischen, prozessartigen Charakter der Werke, die sich in unseren Sammlungen ausbreiten, honorieren. Ein Hineinzwängen der Werke in enge Museumsstandards birgt die Gefahr, wichtige Facetten zu vernachlässigen – wie auch Panda de Haans Beitrag zum Museumsleben von Helio Oticias „Tropicalía“ konkret darlegte.

Claudia Röck, die sich mit Erhaltungsstrategien für Software-basierte Kunst beschäftigt, machte den Anwesenden bewusst, dass die „Pflege“ dieser Werke ein ewig andauernder Prozess ist, und Dušan Barok zeigte neue Wege des kollektiven Dokumentierens anhand von media-wikis, deren Tauglichkeit zum Beispiel das SFMoMA seit einiger Zeit erprobt.

Restaurator = Editor?

In mehreren Beiträgen wurde auf die Parallelen zwischen der Tätigkeit des Restaurators und des Editors verwiesen. Nina Quabeck und Dušan Barok hoben hervor, dass das Restaurieren wie auch das Dokumentieren beinhaltet, sich für bestimmte Narrative (für die eine restauratorische Behandlung oder Präsentationsweise und gegen die andere) zu entscheiden, und dass es auf lange Sicht hilfreicher sein könnte, diese „editorialen“ Entscheidungen in unsere Dokumentation mit einfließen zu lassen, statt nur die Behandlung/Installation per se zu beschreiben. Zoe Miller, die die Fallstricke, die mit dem Verständnis der Autorenschaft einhergehen, untersucht, lenkte die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf die vermeintliche Unsichtbarkeit des Editors und des Restaurators und fragte, welche soziale Konsequenz diese „practioner invisibilty“ dieses Berufsfeldes eigentlich hat.

Während dieser zwei Tage wurden erfreulicherweise mit lebhafter Beteiligung aller viele große Themen erörtert. RestauratorInnen sind heute gefordert, das Kunstwerk künftigen Generationen nicht nur als Objekt und theoretisches, sondern auch als Prozess und Erfahrung zu vermitteln – und das verlangt allerhand, wie Salvador Muñoz Viña abschließend zusammenfasste.