Leipzig ruft

72 Stunden, 150 Veranstaltungen, mehr als 500 Aussteller: Die Messen „denkmal“, „MUTEC“ und „Lehmbau“ laden vom 8. bis 10. November zum Branchentreffen in die sächsische Metropole. Ein Vorgeschmack

 

Die Einladung zum Fachprogramm der Messe „denkmal 2018“ im November in Leipzig spricht von „nahezu grenzenlosen Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen und mit anderen Fachleuten intensiv in einen Dialog zu treten“. Was vollmundig klingt, ist keineswegs übertrieben, liest man das vorläufige Ausstellerverzeichnis und das diesjährige Weiterbildungsprogramm.

Mit 150 geplanten Veranstaltungen haben Fachbesucher nicht nur viel Auswahl, sondern auch die Qual der Wahl. Auf jeden Fall dürfte für jedes Fachinteresse etwas geboten werden. Die zeitgleich veranstaltete „Internationale Fachmesse für Museums- und Ausstellungstechnik MUTEC“ präsentierte 80 Aussteller aus zehn Ländern. Sicher ist auch 2018, dass wieder zehn „denkmal“-Goldmedaillen für „auf der Messe präsentierte Leistungen und Produkte“ vergeben werden. Über die Gewinner entscheidet eine internationale Jury vor Ort. Die Preisträger für den Bernhard Remmers Preis, mit dem alle zwei Jahre je ein nationales und ein internationales Restaurierungsprojekt ausgezeichnet werden, stehen bereits fest. Den Preis in der Kategorie „International“ erhält „New Holland“, ein im frühen 18. Jahrhundert entstandener und seit 2016 restaurierter Gebäudekomplex in St. Petersburg.

Die ehemaligen Lagerhallen werden zu einem Kultur- und Wissenschaftszentrum umgebaut. Der nationale Preis geht an das Projekt „Essen III KG“. Am spätklassizistischen Bankgebäude in Essen (Maxstraße Ecke Lindenallee) wurde die Sandsteinfassade restauriert.

Aussteller auf der „denkmal“

Fliesen. Auf dem gleichen Gebiet arbeitet Golem- Kunst und Baukeramik aus Sieversdorf in Brandenburg. Die Firma bietet Fayencen, Handstrichziegel, Jugendstilfliesen für Restaurierung und Neubau. Die Firmen Noris und Liebscher stellen Blattgold her, wie es Restauratoren, Kirchenmaler, Steinmetze und Vergolder benötigen. Wer Schlagmetall- Imitate braucht, wird sie bei Noris finden. Beide Firmen präsentieren außerdem Bearbeitungswerkzeuge.

Ein ebenso traditionelles Handwerk wie das der Blattgoldhersteller ist das der Glasbläser. Davon gibt es einige, doch mundgeblasenes Fensterglas stellt in Deutschland nur die Glashütte Lamberts aus Waldsassen her, die ebenfalls einen Stand auf der Messe haben wird.

Farben und Werkzeuge, Einrichtungsgegenstände, spezielle Konzepte und viel individuelle Beratung bietet die 1880 gegründete Firma Deffner & Johann aus Röthlein in Bayern für Restauratoren, Denkmalpfleger, Künstler, Sammler und Kuratoren – weltweit. Auch bei der Werkstatt- und Depotplanung helfen die Experten des Unternehmens, die ihre Produkte und Dienstleistungen auf der Messe präsentieren.

Glasspezialist Schott (Mainz) ist auch in Leipzig vertreten. Die nahezu unsichtbare Schutzverglasung AMIRAN. Heritage Protect von Schott bewahrt zum Beispiel historische Fenster oder andere Kulturgüter vor schädlichen Umwelteinflüssen und bietet besten Durchblick auch bei ungünstigen Sichtverhältnissen. So bleiben die authentischen Erscheinungsbilder schützenswerter Bauten und Kunstwerke erhalten.

Auch Licht ist ein Thema auf der „denkmal“. Um Exponate vor einer übermäßigen Beleuchtung zu schützen, müssen restauratorische Belange bei der Wahl der Beleuchtung im Museum berücksichtigt werden. Das Problem l.st ein Sensorsystem der heddier electronic GmbH. In Zusammenarbeit mit ERCO GmbH, einem führenden Hersteller von Beleuchtungssystemen aus Lüdenscheid, wurde ein kostengünstiger und schnell montierbarer Sensor entwickelt.

Im Ausstellerverzeichnis stehen außerdem einige der wichtigsten deutschen Firmen, die Farben und Lacke herstellen. Zu ihnen zählen Caparol, Remmers und Kremer Pigmente. Keimfarben aus Diedorf bietet nicht nur Informationen zu ihren Produkten und Projekten, sondern auch ein Symposium zum Thema „100 Jahre Bauhaus – Kulturerbe gestern, heute, morgen“. Die Spezialisten haben viel Erfahrung bei der Gestaltung von Bauhaus-Gebäuden. Sowohl beim neuen Meisterhaus in Dessau als auch bei der Restaurierung mehrerer Bruno Taut-Siedlungen wurden Farben von Keimfarben verwendet.

Während die Bauhaus-Bauten Welterbe sind, ist die Wertschätzung von Gebäuden, die Bauhaus-Ideen verwendeten, keineswegs sicher. Seit einiger Zeit wird daher viel über die Qualität, die Erhaltungswürdigkeit und den Denkmalstatus von Bauten der 1950er- bis 1980er-Jahre diskutiert. Viele von ihnen haben zwar Denkmalstatus, stellen ihre Besitzer jedoch zum Beispiel bei der energetischen Sanierung, dem Brandschutz und durch Schadstoffbelastungen vor große Probleme. Diese sind neben Vorträgen zu architektonischen Besonderheiten, zu technischen Möglichkeiten der Instandsetzung und zu konstruktiven Herausforderungen Thema des Kongresses „Flugdach – Faltdach – Fertigteile. Der bauliche Umgang mit Denkmalen der 1950er- bis 1980er-Jahre“. Er wird am letzten Messetag gemeinsam von der Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA), dem Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau (IRB) und der Arbeitsgruppe Bautechnik der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VdL) angeboten.

Fachtagungen

Das Zusammenkommen so vieler Fachbetriebe und Fachbesucher nutzen verschiedene Vereinigungen, um ihre Jahrestagungen parallel zur Messe abzuhalten. So lädt der sächsische Museumsbund zu seiner jährlichen Fortbildungstagung auf die „MUTEC“ und der Berufsverband freiberuflicher Kulturwissenschaftler zu seiner Jahrestagung. Eine Premiere feiern der Verband der Restauratoren und der Verband der Restauratoren im Handwerk. Sie veranstalten erstmals eine gemeinsame Fachtagung. Angekündigt sind Vorträge von Spezialisten aus beiden Berufsgruppen, die einen Überblick geben, „wie sie unter Einhaltung international anerkannter berufsethischer Grundsätze und Kodizes entscheidend dazu beitragen, die Qualit.t in der Denkmalpflege zu sichern“.

Das „MUTEC“-Programm

Außerdem werben Workshops, Symposien und Seminare um weiterbildungsinteressierte Spezialisten. Die Vortr.ge, die die „MUTEC“ anbietet, behandeln Grundsätzliches für die Arbeit in Museen, Bibliotheken und Archiven. Themen der Messe sind in diesem Jahr „Sichern und Bewahren“, „Digitalisierung“, „Licht“ und „Barrierefreiheit“. KULDIG hei.t zum Beispiel der AppCreator von DroidSolutions. Mit dem Baukastensystem können Museen und andere Kultureinrichtungen ihre mobilen Applikationen effizient und kostengünstig selbst erstellen, pflegen und verwalten. Digitalisierung und Bibliotheken sind ein nicht weniger herausforderndes und spannendes Thema. Das „Kooperationsprogramm zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Sachsen und der Tschechischen Republik 2014–2020“ will exemplarisch zeigen, wie Bibliotheken in einem „Lernraum“ zusammenarbeiten können. Es wird in Leipzig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Während Themen wie Wärmedämmung und Fundraising, das ebenfalls erstmals auf der Messe thematisiert wird, nur in zweiter Linie politische Themen sind, nimmt sich die HTW, die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, einem explizit politischen Thema an. Die HTW-Tagung hat den Titel „Stellung beziehen: Wie neutral sind Museen“ und will Fragen wie „Dürfen Museen ihr Licht ausschalten, damit eine politische Meinung im Schatten steht?“ oder „Ist es angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse erstrebenswert, keine Stellung zu beziehen?“ diskutieren.

Lehmbau-Symposien

Im Rahmen der Fachmesse „Lehmbau“, die parallel zu „denkmal“ und „MUTEC“ ihre Innovationen und ihr Leistungsspektrum vorstellt, bietet die Firma Claytec aus Viersen ein „Symposium Fachwerk“. Die Lehmbaufirma, die 1985 als erster im Lehmbau tätiger Betrieb in Deutschland in die Handwerksrolle eingetragen wurde, zeigt Beispiele der Fachwerksanierung mit Lehm aus verschiedenen deutschen Regionen. Die Innendämmung, vor allem bei denkmalgeschützten Gebäuden, ist beim Lehmbau wie bei jeder anderen Bauweise ein bauphysikalisches und politisches Dauerthema. Xella Deutschland, ein Hersteller von Porenbeton und Kalksandstein, bietet einen speziellen Workshop zu „bauphysikalischen Einflüssen bei der Innendämmung, zu den Besonderheiten bei Gebäuden mit Holzbalken, der Wasseraufnahme sowie dem Saugverhalten von Baustoffen und der dauerhaften Haltbarkeit einer Innendämmung“ an, hei.t es im Messeprogramm. Xella betreibt ein eigenes Technologie- und Forschungszentrum, in dem es um neue Erkenntnisse auf den Gebieten von Produkt- und Prozessforschung, Anwendungsforschung und Bauphysik geht. Ebenso aktuell wie Fragen der richtigen Dämmung ist das Bauen im Bestand. Dazu wird Eckhard Gerber von Gerber Architekten auf dem Workshop der Firma Schüco International einen Vortrag halten und eines seiner Projekte vorstellen. Welches genau, wird erst kurz vorher bekannt gegeben, wie Ulrike Krüger von Schüco International sagt. Fest stehen bereits Überschrift und Thema: „Konservieren – sanieren – transformieren: neues Bauen im Bestand“.

Besucher

Mit der Entscheidung, die „MUTEC“ zusammen mit der „denkmal“ zu veranstalten, ist seit 2010 ein europaweit einzigartiger Messeverbund entstanden, den 2016 13.900 Interessierte besuchten. Jeder achte Besucher kam aus dem Ausland, was nach Einschätzung der Messe für die Bedeutung deutscher Unternehmen auf dem Gebiet von Denkmalschutz und Restaurierung spricht.