Kulturleben im Corona-Shutdown

Österreichs große Museen nützen den digitalen Raum intensiv zur Ansprache von Besuchern. Hart trifft die Situation aber die Restaurierung, insbesondere Selbständige. Auch, weil es keine klare Linie der Auftraggeber gibt

Schönbrunn versucht, das Besucherinteresse mit digitalem Angebot zu halten, der aktuelle Relaunch des interaktiven Webportals „Die Welt der Habsburger“ kommt da gerade recht. Foto: Schloss Schönbrunn
Schönbrunn versucht, das Besucherinteresse mit digitalem Angebot zu halten, der aktuelle Relaunch des interaktiven Webportals „Die Welt der Habsburger“ kommt da gerade recht. Foto: Schloss Schönbrunn

Seit über einer Woche lebt Österreichs Kultur im Krisenmodus. Der Shutdown des Landes hat auch allen Kulturinstitutionen, Museen und Sammlungen ein abruptes Versiegen der Besucherströme beschert. Betroffen von der Schließung sind mithin alle Restaurierwerkstätten der Museen, aber auch jene der beiden Universitäten in Österreich, an denen zukünftige Restauratorinnen und Restauratoren ausgebildet werden. Der Ausfall an Einnahmen aller Kulturbetriebe wird wohl enorm. 2019 verbuchten alle Bundesmuseen zusammen 6,93 Millionen Besucher. Derzeit sind die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Coronaepidemie bis 13. April ausgeweitet. Das bedeutet statistisch schon einmal ein Zwölftel weniger Gäste und ein entsprechender Einnahmeneinbruch auch aus ausbleibenden Vermietungen – vorausgesetzt, Tourismus und Nachfrage nehmen rasch wieder Fahrt auf, was wohl nicht wahrscheinlich ist, denn eine Verlängerung der Anti-Epidemiemaßnahmen steht im Raum.

700 Prozent mehr Zugriffe

Während sich bei den kleineren Museen die geringeren finanziellen und personellen Ressourcen bei zurückhaltenden digitalen Vermittlungsangeboten bemerkbar machen, haben die großen Häuser und Sammlungen rasch reagiert und setzen auf ihre bestehenden digitalen Wege, um das Interesse aufrecht zu halten: von der digitalen Führung via Youtube über Podcasts bis hin zu Augmented Reality mittels App ist alles dabei. Landesmuseen und Kleine tun sich da schwerer, ihre Angebote sind, wenn vorhanden, dann oft nicht so schnell ersichtlich wie bei den großen Häusern. Das Kunsthistorische Museum Wien als eines der Flaggschiffe verzeichnet derzeit ca. 4.000 Zugriffe pro Tag auf seine Website. Seine Angebote sind u.a. unter #ClosedButActive zusammengefasst. Die mit Abstand stärkste Seite ist derzeit die Online Sammlung, gefolgt von der App KHM Stories, die virtuelle Touren durch das Museum für Kinder und Erwachsene bietet. Die Zugriffe auf die Online Sammlung sind, seit das Museum aufgrund der aktuellen Situation schließen musste, um fast 700 Prozent gestiegen.

Rund 100.000 Menschen erreicht das Belvedere mit seinen täglichen virtuellen Führungen auf Youtube, Twitter und Instagram, unter www.belvedere.at/digital oder #KunsttrotzCorona ist das elektronische Angebot zusammengefasst. Medienkunst, wie die 2600 Werke im Ursula-Blickle-Videoarchiv, ebenfalls Belvedere, wiederzuentdecken, erscheint wie gemacht für Quarantänezeiten.

Auch Schloss Schönbrunn versucht, das Besucherinteresse mit digitalem Angebot zu halten, der aktuelle Relaunch des interaktiven Webportals „Die Welt der Habsburger“ kommt da gerade recht. Für Schüler gibt es digitale Lernunterlagen. Bereits bisher, so Sprecherin Petra Reiner, hätten sich Touristen im Internet auf ihren Schönbrunn-Besuch vorbereitet, von einem Anstieg der digitalen Nutzung sei auszugehen. Einnahmen bringen all diese Maßnahmen freilich nicht, denn digitale Geschäftsmodelle sind (noch) nicht etabliert. In der Krise zeigt sich: Apps, die auf augmented reality setzen, müssen auch ohne den physischen Besuch des Hauses funktionieren.

Der verstärkte Einsatz digitaler Medien ist immerhin eine Chance, Leistungen der Restaurierung sichtbar zu machen. So vermittelt die App Artivive, die das Belvedere einsetzt, Wissen über die Entstehungsgeschichte von Gemälden Egon Schiele, die durch Methoden der Restaurierung freigelegt wurde. Röntgenaufnahmen oder Ergebnisse der Infrarotreflektografie fließen in kurze Filmchen ein, zum Beispiel zu Egon Schieles „Mutter mit zwei Kindern III“. Augmented reality via Artivive ist auch in der Albertina im Kriseneinsatz. Da zwinkert einem Dürers Feldhase zu, gleich neben Mirós Vögel und Insekten.

Lehrbetrieb via Zoom, Moodle und e-Mail

Bemerkenswert rasch haben auch die beiden Wiener Kunstuniversitäten Angewandte und Bildende ihre Restaurierstudien auf online-Lehre umgestellt. Wolfgang Baatz, Akademie der bildenden Künste: „Vorlesungen können relativ einfach auf digital umgestellt werden, zum Beispiel mit Zoom, und mit der Lernplattform Moodle können alle möglichen Arten von Unterlagen an die Studierenden übermittelt werden. Alles was dagegen mit konkreten praktischen Übungen zusammenhängt kann nicht angeboten werden. Die direkte Arbeit an Objekten ist gänzlich ausgeschlossen, da die Studios und Labors gesperrt sind.“ Gabriela Krist von der Universität für angewandte Kunst Wien berichtet Ähnliches: Werkstätten sind zu, aber Vorlesungen laufen über Videokonferenz. „Es ist natürlich eine Herausforderung, das Studium der Restaurierung ohne originale Objekte am Laufen zu halten“, so Krist, für untersuchungstechnische Praktika werde noch nach Lösungen gesucht. Sorgen mache das Zentrale künstlerisches Fach, ZKF. Jetzt werde einmal Theorie unterrichtet, nach Ostern sei ein fächerübergreifendes Projekt geplant. Verschiebungen in den Sommer hinein würden, so Krist, mit der Universitätsleitung diskutiert. Für Wolfgang Baatz ist schon jetzt klar bereits nach einer Woche Shutdown: einige Lehrveranstaltungen müssen auf das Wintersemester verschoben werden.

Teils Stillstand bei freien Restauratoren, Kurzarbeit in Museen droht

Besonders hart trifft die Situation Restauratorinnen und Restauratoren, da die Arbeit in situ durch die Schließungen und die Verordnungen der Bundesregierung an den meisten Orten unmöglich geworden ist.

Besonders betroffen sind auch viele Museumsmitarbeitenden, speziell jene, die als freie Dienstnehmende oder Selbstständige tätig sind. Viele dieser Menschen sind durch Absagen als auch durch das Ausbleiben neuer Aufträge mit dem plötzlichen Ausfall ihres Einkommens konfrontiert. ICOM Österreich hat daher in einer Aussendung die politischen Entscheidungsträger von Bund, Länder und Gemeinden aufgefordert, rasch und in aller Klarheit Maßnahmen zu setzen, von der Liquiditätssicherstellung, über Ausfallsausgleich bis zu einem Notfallfonds.

Beate Murr, Präsidentin des Österreichischen Restauratorenverbands ÖRV, fordert ebenfalls vor allem für die freien Restauratorinnen und Restauratoren rasche und unbürokratische Hilfsmaßnahmen, da diese die ersten seien, die vom Stillstand betroffen sind. Laut Murr würde in Museen auch bereits über Kurzarbeit diskutiert. Susanne Beseler, selbst freie Restauratorin und im ÖRV-Vorstand für die Freien zuständig, verweist auf die teils unübersichtliche Lage. Teils seien Großbaustellen sofort gestoppt worden mit der Verkündigung der ersten Epidemie-eindämmenden Maßnahmen durch die Bundesregierung, andere hätten trocken auf die Leistungserbringungspflicht verwiesen. Auf manchen Baustellen in Wien werde immer noch gearbeitet. Da gebe es viel Verunsicherung bei der Kollegenschaft, so Beseler. Wenn restauriert werde, müsse die Abstandsregel zum Nächsten eingehalten werden, eine Hürde für die Teamarbeit. Viele Firmen, so die ÖRV-Vorständin, seien aber bemüht, durch die Neuzuteilung auf diverse Aufträge ihre Teams zu halten. Als Selbständige verweist Beseler auf die besonders betroffene Gruppe: „Unter den freien Restauratoren gibt es sehr viele Frauen. Die haben jetzt eine Doppelbelastung: einerseits zu kämpfen, Aufträge zu halten, andererseits Kinder zu betreuen, die zuhause sein müssen infolge von Schulschließungen“.

An Sofortmaßnahme verweist der ÖRV auf die Möglichkeit, rasch Abgabenzahlungen stunden lassen zu können. Rasche Hilfe wären laut Beseler auch schnelle Überbrückungszahlungen aus Hilfefonds. Fraglich dabei die von Steuerberatern kolportierte Erfordernis, bereits jetzt im März den Jahresabschluss 2019 vorlegen zu müssen, um rasch nötige Hilfe zu bekommen. Für die Zeit nach der Coronakrise sieht Beseler eine sehr stressige Phase, weil vermutlich dann liegengebliebene Aufträge wegen Fristerfordernissen sehr rasch abgearbeitet werden müssten.

Zum Thema Soforthilfe hat die für Kultur zuständige Staatssekretärin Ulrike Lunacek hat am 19. März ein Hilfspaket angekündigt, um die finanziellen Folgen der Corona-Krise für die Kunst- und Kultur-Schaffenden abzufedern. Bei dem zu Redaktionsschluss voraussichtlich für Klein- und Ein-Personen-Unternehmen zuständigen Härtefallfonds, der in der Wirtschaftskammer eingerichtet wird, hieß es Dienstag, 24. März, nachmittags noch auf der Website: „Bitte um etwas Geduld!“